Goldberg: Draußen vor der Tür

Henryk Goldberg über ein Museum, das nie geschlossen wird.

Henryk Goldberg.

Henryk Goldberg.

Foto: Andreas Wetzel

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Vera und Igor waren da. Angenehme, sympathische Leute, erstklassig, wie man so sagt, integriert. Sprachlich und überhaupt. Schöner Abend. Aber sie taten es nicht, sie kamen einfach in die Wohnung, als wir sie hereinbaten. Dann taten sie es doch, im Flur. Bückten sich, ohne weitere Erklärung, ohne zu fragen, ob es gewünscht sei, und zogen die Schuhe aus. Nein, sagte ich, und meinte es auch, das sei nicht nötig. Aber Vera und Igor ließen sich nicht beirren.

Kann sein, sie hätten die Schuhe unter anderen Umständen bereits vor der Wohnungstür ausgezogen. Nun ist es aber so, dass wir unterm Dach keine Nachbarn haben auf dieser letzten Etage. Dafür vor der Wohnung eine Art Nische, die vom Fahrstuhl aus, der eine halbe Treppe tiefer hält, nicht einsehbar ist. Dort stellen wir unsere Schuhe ab. Ich habe da zu dieser Jahreszeit zwei Paar stehen, je nach Wetterlage. Es befinden sich dort aber nie weniger als 7 (sieben) und selten mehr als 12 (zwölf) Paar Schuhe. In einer Wohnung, die kontinuierlich von zwei Menschen bewohnt wird – falls Sie verstehen, was ich damit andeuten will. Gut, zwei bis drei Paar mögen gelegentlich der jungen Dame gehören, damit sie, wenn sie einmal da ist, nicht so lang suchen muss. Für die übrigen Schuhe gibt es einen Schrank und eine Truhe, finde da mal was auf die Schnelle. Die Inhaberin der raumgreifenden, flächendeckenden Mehrheit beschreibt diesen Zustand durch ein Mittel, das wir beide gern nutzen, es heißt Selbstironie und ist ziemlich clever. Es signalisiert, dass man über einen Zustand oder eine Eigenschaft und deren Kritikwürdigkeit durchaus informiert sei, es aber doch vorzieht, die Dinge so zu belassen. Deshalb nennt sie diese sinnlose Ansammlung von Schuhen vor der Tür fröhlich das „Deutsche Schuhmuseum“. Ich meine, welcher halbwegs sensible und obendrein noch kulturaffine Mann kann dann schon die Schließung eines Museums fordern.

Kann sein, wollte ich sagen, Vera und Igor hätten es unhöflich empfunden, einige Paar Schuhe der Gastgeberin diskret zur Seite zu schieben, um ihre dort abzustellen.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht wüsste, dass Schuhe für eine Frau etwas anderes sind als für unsereinen. Ich weiß nicht genau was, aber dass es etwas anderes ist, das steht fest. Es ist auch nicht so, dass ich den, um es vornehm zu formulieren, dass ich den ästhetischen Zugewinn nicht erkennen würde, wenn ein Frauenbein an dem einem Ende in einem schönen, schmalen, etwas hochhackigen Schuh mündet, selbst, wenn sie dadurch größer wird als ich. Überdies sind die Schuhe der Beweis, dass sie es nicht immer für uns tun, ich meine, toll auszusehen. Denn unsereinem erschließt sich der gewaltige Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Paar nicht in jedem Falle, obgleich er, wie uns resigniert erklärt wird, elementar ist. Es ist irgendetwas Irrationales um die Frau und ihre Schuhe, vielleicht, dass einmal jemand das mit der Evolution erklären kann. Vielleicht, weil sie damals mit dem Zeug, das sie sich in der Höhle um die Füße wickelte ja nicht dem Mammut hinterherhecheln musste. Vielleicht, weil sie damals entdeckt hatte, dass das Stückchen Haut von dem einen Mammut eine schönere Farbe hatte als das von dem anderen. Und er hat schon damals blöde geglotzt und ist achselzuckend auf die Jagd gegangen. Weiber.

Aber eigentlich meine ich nicht das Einkaufen von Schuhen sondern das Ausziehen. Beim Betreten einer fremden Wohnung. Wenn Besucher fragen, ob sie das sollen, bedeutet es vermutlich, dass sie es nicht wollen. Wir lügen hier nicht, wenn wir sagen, sie sollen nicht. Und wenn es draußen schmuddelig ist, dann können sie die Füße abtreten. Kann aber sein, es liegt daran, dass bei uns, im Geiste vollkommener Harmonie, der Ehrgeiz, vom Fußboden essen zu können, ohnehin nicht so ausgeprägt ist, wir haben einen Tisch. Als Besucher frage ich ungern, ob ich die Schuhe ausziehen soll, wenn sie es wünschen, sollen sie es sagen. Ich laufe in fremden Wohnungen nicht besonders gern in Socken herum, was nicht nur daran liegt, dass die beiden nicht immer absolut identisch sind. Hausschuhe heißen nicht ohne Grund so: Es sind die Schuhe für zu Hause.

Aber was das Deutsche Schuhmuseum betrifft, haben Vera und Igor eine optimistische Geschichte erzählt. Ihnen wurden nämlich einmal einige Paar Schuhe vor der Wohnungstür gestohlen.

Aber, ach, hier klaut keiner.

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