Ein neues Buch versucht einen differenzierten Blick auf das, was die Ostdeutschen in die Bundesrepublik einbrachten.

Die westöstliche Selbstverständigungsdebatte der Deutschen verläuft in Schüben. Den jüngsten, fiebrigen Schub lieferte die gebundene Wutrede von Dirk Oschmann über die tatsächliche und behauptete Herabsetzung des zumeist männlichen Ostdeutschen. Der Gothaer, der als Professor in Leipzig Literaturwissenschaft lehrt, gab sich gar nicht erst die Mühe zur Differenzierung.

Den diskursiven Gegenentwurf dazu stellt das Buch „Tausend Aufbrüche“ von Christina Morina dar, mit dem sie versucht, eine „politische Kulturgeschichte ‚von unten‘“ zu schreiben. Dafür las sie Tausende Bürgerbriefe, Eingaben, Flugblätter, Pamphlete und Aufsätze, die in der DDR und der BRD vor allem in den 1980er-Jahren geschrieben wurden.

Ostdeutschen besaßen andere Vorstellungen

Morinas Kernthese lautet: Die Ostdeutschen gelangten nicht demokratieunerfahren ins westdeutsche Staatssystem. Sie besaßen bloß andere Vorstellungen, die in der DDR und vor allem in ihrer Endphase an den Runden Tischen gereift waren. Das ostdeutsche Demokratiemodell war direkter, konsensualer als der konfrontative, rein parteipolitische Wettbewerb der Bundesrepublik.

Christina Morina: Tausend Aufbrüche: Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren. 400 Seiten. 28 Euro
Christina Morina: Tausend Aufbrüche: Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren. 400 Seiten. 28 Euro © Siedler

Die „Demokratieanspruchsgeschichte“ der DDR

Eine Erklärung dafür sieht Morina im propagandistischen Anspruch der DDR-Diktatur, eine sozialistische Demokratie zu sein, einschließlich der in der Verfassung beschriebenen „Teilhaberechte“: „Generationen von Ostdeutschen haben sich daran in ganz unterschiedlicher Weise abgearbeitet, haben ihn akzeptiert und geglaubt, eingefordert und gelebt, kritisiert und verachtet.“

Die Geschichte der DDR, schreibt sie, sei deshalb auch eine „Demokratieanspruchsgeschichte“. In ihrem Ergebnis habe die Befreiung aus der „Konsensdiktatur“im Herbst 1989 zu „spezifisch ostdeutschen Demokratievorstellungen“ geführt.

Den Erfolg der AfD in Ostdeutschland erklärt Morina unter anderem damit, dass die Partei an die „quasi auf den wieder leeren Straßen liegen gebliebenen Ideen von Basisdemokratie, ‚unmittelbarer‘ Volksherrschaft und Bürgerbeteiligung anknüpfen konnte“.

In Jena habilitiert

Christina Morina ist selbst Ostdeutsche. Sie wurde 1975 in Frankfurt/Oder geboren; nach Studium und Promotion arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Jena. Ihre dortige Habilitation über „Die Erfindung des Marxismus“ wurde erfolgreich verlegt.

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2019 folgte Morina dem Ruf als Geschichtsprofessorin an die Universität Bielefeld. In dieser Zeit entstand ihre Idee zu diesem Buch. Es könnte ein Anfang sein für eine offene, reflektierte und vor allem differenzierte Debattenphase über die Transformationsschmerzen des vereinten Deutschlands.

Christina Morina: Tausend Aufbrüche: Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren. 400 Seiten. 28 Euro.