Weimar. Eine avantgardistische Kunst- und Designschule, erst aus Weimar, dann aus ganz Deutschland vertrieben, das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere beleuchtet jetzt die Klassik-Stiftung.

Als moderne Körperstudie steht die Plastik „Hockende“ des Weimarer Bauhausschülers Hans Haffenrichter von 1923 jetzt im Bauhaus-Museum. Sie war eines von 485 Werken aus dem Schlossmuseum, die 1937 als „entartet“ beschlagnahmt worden waren, nachdem man dort bereits 1930 auf Betreiben des neuen Thüringer Innenministers Wilhelm Frick von der NSDAP siebzig Werke abhängte.

Im Schiller-Museum treffen wir wieder auf Haffenrichter: Zeitschriftenfotos zeigen seine Büste von Adolf Hitler und indirekt damit, wie sich ein Künstler, der kein Nazi war, mit Nazis arrangierte. Eine andere, ganz unheroische Hitler-Büste steht in natura daneben: die des einstigen Bauhauslehrers Gerhard Marcks von 1941, die er erst 1949 gießen ließ. Marcks, bekennend rechtskonservativ, galt als „entartet“ und lebte im NS-Staat in innerer Emigration. Auf seinen alten, faltigen, illusionslosen Hitler blicken in Weimar jüdische Kinder und Frauen durch die Scheiben eines Glashauses im ukrainischen Swjahel, wo sie 1941 vor einem Massaker zusammengepfercht wurden. Es sind Vergrößerungen kleiner Bilder, die der einstige Bauhausschüler Fritz Heinze an der Front heimlich fotografierte.

900 Bauhaus-Schüler blieben in NS-Deutschland, die wenigsten als dessen Opfer

Das alles und vieles mehr bedeutet „Bauhaus und Nationalsozialismus“: so der Titel der dreiteiligen Jahresausstellung, die die Klassik-Stiftung am Mittwoch zusammen mit dem von der Buchenwald-Stiftung verantworteten Museum Zwangsarbeit eröffnete. Mit einer differenzierteren Geschichte will man darin, so Stiftungspräsidentin Ulrike Lorenz, „den Mythos des guten, demokratischen, antifaschistischen Bauhauses, der gute Gründe hat, ankratzen.“ Rund 900 Schüler von alles in allem über 1200 Bauhäuslern blieben nach 1933, als Hitler die Macht übernahm und sich das Bauhaus in Berlin unter Zwang selbst auflöste, in Deutschland: längst nicht alle als Opfer des Regimes (24 kamen als Verfolgte ums Leben), viele als Mitläufer, einige gar als Täter.

Fritz Ertl bei der SS, Heinrich Basedow bei der SA

Prominentester unter letzteren: Architekt Fritz Ertl aus Linz, einer von vierzehn identifizierten Bauhäuslern in der SS: Sein Plan fürs Vernichtungslager Auschwitz ist verkleinert im Schiller-Museum zu sehen, vor welchem eine Kopie des Lagertores aus Buchenwald steht, das Franz Ehrlich als Häftling entwarf. Ob er in dessen Schriftzug „Jedem das Seine“ listig die Bauhaus-Typographie hineinschmuggelte oder er einem Auftrag folgte, ist ungewiss, nicht aber, dass er nach seiner Entlassung als Mitarbeiter in Buchenwald mit der SS kollaborierte. Einer von fünfzehn SA-Männern aus dem Bauhaus war Maler Heinrich Basedow. Seine „Möwe mit Kutter“, die jetzt in Weimar zu sehen ist, wurde von der Großen Deutschen Kunstausstellung ab 1937 in München dennoch abgelehnt, indes dort Bauhäusler vertreten waren, die laut NS-Chargon auch entartete Werke geschaffen hatten.

Ein Plakatmotiv zur Berliner Ausstellung „Deutsches Volk, Deutsche Arbeit“ 1935 von Herbert Bayer hängt als Kopie im Schiller-Museum.
Ein Plakatmotiv zur Berliner Ausstellung „Deutsches Volk, Deutsche Arbeit“ 1935 von Herbert Bayer hängt als Kopie im Schiller-Museum. © DPA Images | Martin Schutt

Basedow hatte in Weimar bei Marcks und Lyonel Feininger studiert. Feiningers Gemälde „Gelmeroda VIII“ , einst aus dem Schlossmuseum entfernt und versteigert, kam jetzt aus New York leihweise ins Bauhaus-Museum, ebenso wie Paul Klees „Sterbende Pflanzen“. Der dritte Stock im Bauhaus-Museum ist insgesamt den 1930 in Weimar abgehängten und 1937 beschlagnahmten Werken gewidmet. Zwei Räume im Erdgeschoss des Museums Neues Weimar überblicken derweil die politischen Kämpfe, die das Bauhaus seit 1919 auszufechten hatte sowie die restaurative Zeit nach den erzwungenen Auszügen aus Weimar und Dessau. Hier geht es etwa um Oskar Schlemmers übermaltes Wandgemälde in der Kunstgewerbeschule und den zerstörten Gropius-Blitz auf Weimars Friedhof. Man hätte sich hier aber womöglich auf Weimar konzentrieren sollen; der Vorgang um den Wechsel nach Dessau bleibt leider ausgespart. Provoziert hatten ihn vor 100 Jahren die Mittelkürzungen durch die neue bürgerliche, von den Völkischen tolerierte Landesregierung, die eine rot-rote ablöste. Diese Jahresausstellung habe man nun sehr bewusst ins Wahljahr 2024 gestellt, so Stiftungspräsidentin Lorenz.

Eine Portraitbüste Adolf Hitlers von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1941/1949 wird im Schiller-Museum gezeigt.
Eine Portraitbüste Adolf Hitlers von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1941/1949 wird im Schiller-Museum gezeigt. © DPA Images | Martin Schutt

Den größten Teil der von Anke Blümm, Eliszabeth Otto und Patrick Rössler nach langer Forschungsarbeit kuratierten Ausstellung beherbergt das Schiller-Museum, das einzelne Lebenswege nach 1933 nachzeichnet und dokumentiert. Sie unterscheiden hier auch zwischen 439 Schülern und Meistern im Kern des Bauhauses und einem viel größeren, der „Peripherie“ zugeordneten Rest, der nur ein oder zwei Semester dort verbrachte.

Propagandabroschüre als Link zum Museum Zwangsarbeit

Wir treffen hier auch auf den Grafikdesigner Herbert Bayer, der, bevor er 1938 in die USA emigrierte, in der Form sehr avantgardistische Plakate für NS-Propaganda-Ausstellungen entwarf: für „Wunder des Lebens“, worin der erbgesunde und rassisch vollwertige Mensch gefeiert wurde, oder für „Deutsches Volk, Deutsche Arbeit“. Wir treffen zudem auf die auch ästhetisch voll ins NS-Regime integrierte vorzügliche Erfurter Weberin Grete Reichardt oder den aus Rudolstadt stammenden Grafiker Max Thalmann, der die Propagandabroschüre „Europa arbeitet in Deutschland“ gestaltete: als euphemistisches Druckerzeugnis ein Link zum Museum Zwangsarbeit.

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Mit dessen Eröffnung ist das Weimarer Museumsquartier zur Topographie der Moderne nun vollständig. Zusammen mit der Bauhaus-Sonderausstellung beschreibt es aktuell, was Kuratorin Anke Blümm in ambivalentes Verhältnis des NS zur Moderne nennt: bekämpft und umarmt zugleich. Letztlich ist der Nationalsozialismus, siehe Gauforum, auch ein Ausdruck dieser Moderne gewesen. Und hier die Guten, dort die Bösen, so einfach ist das 20. Jahrhundert ohnehin nicht zu erzählen.

„Bauhaus und Nationalsozialismus“: bis 15. September im Museum Neues Weimar, Bauhaus-Museum und Schiller-Museum. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.