Die Welt, in der wir leben, ist von Ambivalenzen durchzogen. Vielleicht war sie es immer. Widersprüche scheinen unvereinbar, können nicht nebeneinander bestehen – manch einer kann sie kaum aushalten. Gegensätze sollen sich auflösen, um eine absolute Wahrheit zu destillieren. Im Streben danach, die Welt zu verstehen, suchen viele Halt im Absoluten, zum Nachteil der Komplexität der Dinge. Vereinfachte Gewissheiten werden zu einem Messer, welches das gesellschaftliche Gewebe immer weiter in zwei Hälften teilt. Doch nicht immer sind Knoten Fehler im Gewebe. Sie können auch Verbindungen sein.

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Bauhaus und Rollenbilder

Das textile Handwerk wird bis heute weiblich gelesen. Weiche Materialien gelten als Ausdruck einer tradierten Weiblichkeit. Doch diese Zuschreibung ist brüchig geworden. Sie zersetzt sich mehr und mehr. Wie ein altes Stück Stoff fällt sie der Vergänglichkeit zum Opfer. Die Geschichte der Frauen am Bauhaus zeigt, wie widersprüchlich selbst progressive Bewegungen sein können. Die Schule in Weimar trat mit dem Anspruch der Gleichberechtigung an, doch Frauen wurden früh in Werkstätten gedrängt, die bestehenden Rollenbildern entsprachen – insbesondere in die Weberei. Denn auch Revolutionen kommen also nicht ohne Widersprüche aus.

Trotz dieser Begrenzungen entwickelten die Bauhäuslerinnen eine eigenständige Innovationskraft. Durch Materialexperimente erweiterten sie das Verständnis des Textilen grundlegend. Als das Bauhaus 1925 mit Ludwig Mies van der Rohe eine neue Richtung einschlug, in der sich Kunst und Technik zu einer Einheit verwoben, entstanden neue ökonomische Perspektiven: Durch die auf ihren Entwürfen basierenden industriell gefertigten Objekte generierten die Künstlerinnen ein Einkommen. Und eigenes Geld bedeutet für Frauen bis heute vor allem eines: Unabhängigkeit.

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Unbeugsame Frauen im Fokus

Das Kunsthaus Erfurt als Ausstellungsort trägt eine ebenso bewegte Geschichte von unabhängigen Frauen in sich und ist somit die Naht, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Gegründet wurde es von der einzigen Künstlerinnengruppe der DDR. Von der Stasi verfolgt und vom Regime verachtet, gaben diese Frauen nicht kleinbei.

Sonntag

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Die Gruppe um Gabriele Stötzer und Monique Förster zählte zum künstlerischen Underground. Ihre Arbeiten widersetzten sich der offiziellen Doktrin, sie waren unbequem und emanzipiert. Auch hier wurde mit traditionellen Techniken gearbeitet – jedoch in einer Haltung der Selbstermächtigung. Die Werke, die damals marginalisiert wurden, erfahren heute neue Sichtbarkeit. Erst kürzlich wurde Gabriele Stötzer mit dem Goslarer Kaiserring geehrt. Einem der renommiertesten Preise für Gegenwartskunst. Sie steht nun als erste ostdeutsche Frau in einer Reihe mit Künstlern wie Gerhard Richter, Joseph Beuys und Cindy Sherman.

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Eine Waffe, die verbindet und nicht zerstört

„Killing Me Softly“ heißt die Ausstellung, die am 6. März um 20 Uhr im Kunsthaus Eröffnung feiert. Der Titel trägt eine popkulturelle Erinnerung in sich: Einen Song über Nähe, über Verletzbarkeit, über Intensität ohne Pathos. Doch diese Sanftheit ist trügerisch. Sie verweist auf eine Kraft, die nicht laut sein muss, um wirksam zu werden.

Eine Tuftinmg Gun im Atelier von Rosa Rauscher
Eine Tufting Gun im Atelier von Rosa Rauscher© Rosa Rauscher | Rosa Rauscher

Im Handwerk des Tufting wird sie greifbar. Weiche Teppiche entstehen mit einer Tufting-Gun – einem Werkzeug, das aussieht wie eine Waffe, sich so hält wie eine Waffe und doch nichts zerstört. Im Gegenteil: Sie schießt Fäden in den Grund, verdichtet Material, erschafft Wärme, Oberfläche, Geborgenheit. Gewalt und Fürsorge liegen hier nah beieinander und in einer einzigen Geste. Das aggressive Potenzial des Instruments kippt in eine poetische Praxis.

ONCURATING VIII: Killing Me Softly

  • 6. März – 17. April 2026
  • Kathi Böttcher, Xenia Fink, Margaretha Klinger-Kaschel, Coretta Klaue, Rosa Rauscher, Lisa Sudermann, Cornelia Theimer Gardella
  • Kuratiert von Amanda Minetta Nette
  • Eröffnung: 6. März 2026 um 20 Uhr
  • Einführung: Dr. Friederike Schwalbe
  • Kunsthaus Erfurt: Michaelisstraße 34

Vermeintlich stilles Medium mit scharfer Kante

Diese Ambivalenz ist kein Zufall, sondern Programm. Textilkunst aus Thüringen war nie bloße Dekoration. Sie war Schutz, Arbeit, Widerstand. Von häuslichem Handwerk über industrielle Produktion bis zur künstlerischen Emanzipation zieht sich eine Haltung durch die Geschichte. Am Bauhaus wurde das Textile nicht ornamental, sondern konzeptuell verstanden – als gesellschaftliche und politische Praxis. Margaretha Reichardt, deren Werk in Erfurt-Bischleben bis heute präsent ist, steht exemplarisch für diese Präzision und Unbeugsamkeit.

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Die Ausstellung versammelt sieben künstlerische Positionen und entfaltet das Textile als vielstimmiges Feld: Hier begegnen sich präzises Handwerk, unterschiedliche Techniken, Brüche mit den Traditionen, Materialien und Arbeitsweisen stehen nebeneinander. Sieben Frauen, die mit ihrer Arbeit brillieren, treten miteinander in Verbindung, nehmen sich den Raum, der ihnen zusteht, ohne sich gegenseitig das Licht zu nehmen. Stoff wird Konzept. Faser wird Haltung. Jede Arbeit behauptet ihre eigene Logik – eingebunden in ein gemeinsames Gewebe, das Widersprüche nicht glättet, sondern sichtbar macht und aushält.