Tricia Tuttle bleibt. Die US-Amerikanerin will auch weiterhin Intendantin der Berlinale bleiben, wie sie am Dienstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärte: „Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen“. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zeigte sich nach dieser Zusage der 55-Jährigen zuversichtlich: „Wir sind auf einem guten Weg, die Berlinale zukunftsfest aufzustellen“, sagte der Beauftragte für Kultur und Medien. Über Details werde es nun am Mittwochmittag auf einer Aufsichtsratssitzung gehen, in der die künftige Ausrichtung des größten deutschen Filmfestivals besprochen wird. Im Beisein der Berlinale-Chefin.

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Davor hatte es große Aufregung und viel Unmut gegeben, als die „Bild-Zeitung“ vor einer Woche erfahren haben wollte, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) wolle die Berlinale-Chefin feuern. Für vergangenen Donnerstag war kurzfristig eine Sondersitzung des Aufsichtsrats der zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) einberufen worden, bei der Weimer aber aufgelaufen sein soll und die deshalb schnell vertagt wurde. Viel Hörensagen, wenig Klartext – und in kürzester Zeit war maximaler Schaden angerichtet. Nicht nur für das Festival, sondern für alle Beteiligten. Inzwischen scheinen sich die Gemüter etwas beruhigt zu haben und die Parteien sichtlich bemüht, im Einklang miteinander an die Öffentlichkeit zu gehen.

Berlinale-Chefin diskutierte mit Weimer über „einvernehmliche“ Kündigung

Tuttle ließ durchblicken, dass sie sich tatsächlich nach ihrer zweiten Berlinale die Frage gestellt hat, „ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte“. Sie sprach darüber auch mit Weimer: „Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung.“ Das seien „ehrliche Gespräche“ gewesen. Wie die „Bild“ davon erfuhr und warum sie dies anders darstellte, ist unklar. Plötzlich war von einer „Abberufung“ die Rede. Sofort formierte sich in der Kulturbranche ein starker Protest.

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Das hat selbst Tuttle überrascht und bewegt: „Die Reaktionen aus der deutschen und internationalen Kulturszene, darunter auch eine Reihe israelischer Kollegen, die sich bewegend zu unserer Verteidigung äußerten, waren beachtlich.“ Die Resonanz habe unterstrichen, dass es hier nicht um die Berlinale gehe, nicht um die Preisverleihung oder ihre Person, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssten, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können: „Und ehrlich gesagt“, so die Berlinale-Chefin, „hat dies auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt.“

Tuttle: „Manche bringen ihre Positionen mit großem Schmerz zum Ausdruck“

Auf der Berlinale war dem Jurypräsidenten Wim Wenders und dann auch vielen Gästen des Festivals die Suggestivfrage gestellt worden, wie sie zum „Genozid“ Israels im Gazastreifen stünden. Und als sich Wenders unpolitisch geben wollte, wurde das skandalisiert und mit einem offenen Brief von internationalen Filmemachern als vermeintliche Zensur des Festivals kritisiert. Die erhitzte Debatte eskalierte auf der Preisverleihung, als der palästinensisch-syrische Preisträger Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vorwarf, Partner am „Völkermord in Gaza“ zu sein und offene Drohungen ausstieß. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal. Und auch Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Äußerungen.

Was sie von Alkhatib gehört habe, „war Wut und eine explizite politische Überzeugung“, so Tuttle: „Wir hören viele Erfahrungen und Standpunkte von unseren Filmemachern, und manchmal bringen sie ihre Positionen mit großem Schmerz zum Ausdruck.“ Sie hält aber an ihrer Überzeugung fest, die sie auch schon während der Gala geäußert hat: dass es die zentrale Aufgabe von Festivals (nicht nur der Berlinale) sei, Orte der Offenheit und des Dialogs zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bleiben und gleichzeitig die Meinungsfreiheit aller Künstler zu wahren. Selbst wenn das, was sie sagen, brisant sei oder Debatten auslöse.

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In der am Mittwoch stattfindenden Aufsichtsratssitzung wird es nun darum gehen, ein tragfähiges Konzept zur Zukunft des Festivals zu entwickeln, auch und gerade im Umgang mit polarisierenden politischen Äußerungen.

Das schlimmstmögliche Szenario ist damit abgewendet: dass das Festival schon wieder nach einer neuen Leitung suchen muss. Sven Lehmann, der Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, begrüßte Tuttles Zusage, bleiben zu wollen: „Gerade angesichts der Kampagne der letzten Woche gegen ihre Person zeigt das ihre bemerkenswerte Stärke und ihr tiefes Engagement für die Berlinale und die Filmkunst“, so der Grünen-Politiker. Kritik übte er hingegen an Weimer: Dieser habe viel Vertrauen verspielt und müsse es nun wiederherstellen. Sowohl gegenüber Tuttle als auch gegenüber der Kulturszene. mit dpa