Da liegt es also, auf der kleinen zentralen Spielfläche, um die herum die große Bühne wie ein schwarzes Loch gähnt: George Orwells Buch, das 1948 erschien und „1984“ heißt, ein Roman, der zum modernen Klassiker der dystopischen Literatur geworden war und seitdem geflügelte Worte für totatiltäre Tendenzen bereithält.

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Und dann treten die vier Schauspieler dieses Abends hinzu, zwei Frauen, zwei Männer. Und dann schauen sie es an, heben es vom Boden auf. Und dann stellen sie, im Hegel‘schen Sinne sozusagen, gleichsam die Frage in den Raum, ob dieses Buch aufzuheben bedeutete, es jetzt erst recht hochzuhalten oder es einfach vorsichtshalber im Gedächtnis aufzubewahren oder aber seine mahnenden Botschaften sich lieber in Luft auflösen zu lassen.
Mit diesem Buch konnte man in der DDR ins Gefängnis kommen
Das Buch sei eine Zukunftsvision, sagt eine, „egal wann man es liest.“ Die nächste hält entgegen: „Wir leben in einer anderen Zeit.“ Eineinhalb Stunden später schicken sie, nachdem ihre Geschichte ans hoffnungslose Ende gelangte, noch Grüße aus diesem Roman an uns, die aus der Zukunft oder/und Vergangenheit stammen könnten.
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„1984“ beschreibt eine vergangene Vision, an damaliger Gegenwart geschult: Schreckensherrschaft im Überwachungsstaat, Gehirnwäsche und Umerziehung, deprimierende Vereinzelung im kollektivistischen Terror. Solche Perversionen waren „zum Teil im Kommunismus und im Faschismus bereits Wirklichkeit geworden“, schrieb der Sozialist Orwell, zwischen Hitler und Stalin taumelnd, über sein Buch, in dem alle Bücher verboten sind. Es spricht Bände, dass in der Sowjetunion oder DDR vor Gericht und im Gefängnis landen konnte, wer es las.
Eine tendenzielle Gefahr: Gleichsetzung der Gleichschaltung
Insofern müsste es ein mulmiges, wenn nicht gar schlechtes oder (im Orwell‘schen Neusprech) ungutes Gefühl erzeugen, wenn unter einer Inszenierung des Romans ein Raunen liegt, dass aus heutiger und hiesiger Perspektive vor ähnlicher Gleichschaltung zu warnen vorgibt, indem sie tendenziell Gleichsetzungen unterstellt.

Dieser Gefahr entgeht die Inszenierung in Eisenach nicht vollends, wenn sie jetzt die dreizehn Jahre alte Theaterfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan auf die Bühne bringt, die erkennbar darauf aus ist, den Roman für Gegenwart und Zukunft so fruchtbar wie furchtbar zu halten. Und dann taucht im Soundtrack dazu auch noch Filmmusik jüngeren Datums auf, die wie nebenbei zu suggerieren scheint: Im Westen nichts Neues.
Die Inszenierung lärmt und dröhnt und schreit vielgestaltig
Die Frage danach, wie relevant und virulent der Stoff anno 2026 wirklich ist, packen sie in den Rahmen der Aufführung, die sich selbst davon nicht weiter irritieren lässt. Regisseur Klaus Kusenberg und Ausstatterin Nora Lau haben allerdings eine zwingende karge Form gefunden, die Geschichte wie im Rausch stringent zu erzählen: eine quadratische Fläche als schiefe Ebene, drum herum schwarze Stellwände nach hinten gestaffelt, um, neben großer Leinwand, Joris Bürgers Videoarbeiten zur Geltung zu bringen; darin finden die Außenperspektive des „Großen Bruders“ und das Innenleben eines kleines Mannes als rebellischer Sisyphos ihren adäquaten Ausdruck.
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Die Inszenierung lärmt, dröhnt und schreit vielgestaltig, um ein System akustisch zu illustrieren, das im hysterisch gewordenen Volk Angst, Wut und Hass erzeugt. Tony Marossek als Winston ist dessen Protagonist pars pro toto. Er erzählt seine Figur in Zuständen, nicht im Denken. Er programmiert ihr Scheitern gleichsam vor; das bleibt sich alles gleich. Winston wird durch Angst gebrochen werden, Marossek bleibt ungebrochen panisch.

Mit darstellerischer Eloquenz erspielt sich Sebastian Songin die dominante Doppelrolle
Luca Estelle Horvath spielt ihre Julia zu kontrolliert und dezent: eine Figur, die sich für Widerstand mit dem Unterleib entschieden hatte in einem System, das Sex und Wolllust auf den Index setzte. Horvath spielt mehr die anschmiegsame reine Unschuld als das unbeugsame dreckige Luder, das den Körper zur Waffe aufrüstet. Hanna Jürgens gelingen ein paar starke Szenen als Winstons angepasster Nachbar und Kollege Parsons, der sich von der eigenen Tochter willfährig in die Denunziationsspirale treiben lässt.
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Mit darstellerischer Eloquenz erspielt sich derweil Sebastian Songin die dominante Doppelrolle des Abends: Als Neusprech-Verwalter Syme zermalmt und zerkaut er in Kantinenszenen wortwörtlich das literarische Gedächtnis, als zwielichtiger Parteisoldat O‘Brien gelangt er zu nonchalanter Härte gegenüber Winston im Folterkeller. Der spielt wie nebenbei mit der Macht als Selbstzweck. Und der spielt sie aus, dass es eine grauenhafte Freude ist.
Nächste Vorstellungen: 12 und 25. April sowie 24. Mai und 28. Juni. Mehr unter www. landestheater-eisenach.de.






