Dieser Tage war es wieder einmal so weit. Eine kleine Runde in Thüringen bot mir die immer wieder gern ergriffene Gelegenheit zum Vortrag meiner Spitzennummer. Und auch, wenn die Dame dann mit den Augen rollt, trage ich mit gesalbter Stimme den kompletten Namen Hadschi Halef Omars vor sowie die Definition des pH-Wertes. Beide habe ich, natürlich, aus Büchern gelernt. Und wenn ich Bücher, in denen negative dekadische Logarithmen vorkommen, nach Möglichkeit zu vermeiden suchte, so habe ich die mit Hadschi Halef Omar usw. mit Fleiß, wie man so sagt, verschlungen, einst im Mai. Denn Karl May kann wohl nur lesen und lieben in seiner Jugend Maienblüte, sozusagen.
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Und jetzt, höre ich, steht der Karl-May-Verlag in Bamberg zum Verkauf. Sie verkaufen dort nichts als Karl May, solche Verlage kommen selten vor. In Großbritannien haben sie einen für J.R.R. Tolkien, in Frankreich einen für Victor Hugo. Und wir hier eben für Karl May, was nicht eben den literarischen Rang dieses Autors, wohl aber seine Stellung als Solitär der deutschen Literatur beschreibt.
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Halef ist ein Schwindler und ein Missionar dazu. Wir lernen ihn kennen auf dem Ritt „Durch die Wüste“. Er will seinen Herrn von den Vorzügen des Islam überzeugen. Und er ist ein Hochstapler, denn er nennt sich Hadschi, obgleich er noch niemals die Hadsch absolviert hat, die Pilgerfahrt nach Mekka. Und mit einem Lächeln würden wir gern glauben, Halefs Erfinder habe sich in einer seiner schönsten Figuren auch ein wenig selbst gespiegelt. Denn auch er war beides, ein Missionar und ein Schwindler. Und sehr sympathisch.
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Die kriminelle Karriere beginnt mit sechs gestohlenen Kerzen, Diebstahl, Hochstapelei. Die Diebstähle sind banal. Taschenuhr, Tabakspfeife, 30 Taler hier, 10 Taler da. Viele Namen erfindet sich der Hochstapler. Dr. Heilig, Seminarlehrer Lohse, Notenstecher Hermes, Polizeileutnant Wolfsramsdorf. In der Summe wird ihm das acht Jahre einbringen. Zwei andere Namen, die er für sich erfindet und in Anspruch nimmt, bringen ihm Ruhm und einen Ruf, der ihn mehr als ein Jahrhundert überlebt: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi.
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Karl May ist ein Hochstapler aus Leidenschaft, er kann gar nicht anders. Ein Zeitgenosse nannte ihn ironisch eine Mischung aus Apostel Paulus und Jules Verne. Mit dem feinen Unterschied, darf man hinzufügen, dass Jules Verne nicht behauptet hat, selbst auf den Mond geflogen oder zum Mittelpunkt der Erde gereist zu sein.
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Dabei hätte es seiner renommierenden Hochstapelei nicht bedurft. In seinen Büchern besiedelt er die wirkliche Welt mit erfundenen Figuren. Wunderbar einprägsame Figuren: Winnetou und Old Shatterhand, Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi. Und stattete sie aus mit prägnanten, oft auch humorigen Eigenschaften. Figuren, die so gut erfunden sind, dass sie ein Jahrhundert überlebten.
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Karl May hatte das richtige Talent zur richtigen Zeit, so wie Michael Curtiz 1942 mit „Casablanca“ den richtigen Film zur richtigen Zeit machte. Deutschland in den beiden Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende, das war genau die Zeit, um von einer Welt zu träumen, von der man wusste, dass es sie gab, ohne sie zu kennen.

Sonntag
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Weil wir heute mehr Welt kennen und auch mehr Spannungsliteratur ist der großartige Spinner nicht mehr das, was er einmal war. Aber er wird mutmaßlich länger leben als der Verlag, der seinen Namen trägt.









