Wenn Tim Friesen über Drag spricht, spricht er nicht zuerst über Unterhaltung. Er spricht über Kunst, Identität, Aktivismus und Gemeinschaft. Der 24-jährige Kunst- und Erziehungswissenschaftsstudent aus Erfurt steht als Drag-Künstlerin Nastja Areshky auf der Bühne und organisiert mit „Zaubernuss“ eine Veranstaltungsreihe, die Drag, Musik und Kunst auf besondere Art zusammenführt.

Im Kalif Storch in Erfurt entsteht mit „Zaubernuss“ ein neues Format

Laut Tim, der seit fünf Jahren in die Rolle der Nastja schlüpft, versteht das Format bewusst nicht als klassische Partyreihe, sondern als Raum, in dem unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen aufeinandertreffen. Ein Safer Space, in dem eine Community eine Heimat findet und das Patriarchat bitte vor der Tür bleibt.

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Schon der Name trägt eine persönliche Geschichte in sich. „Areshkys sind kleine russische Süßigkeiten, die meine Familie immer zu Familienfesten mitgebracht hat“, erzählt Tim. „Zaubernuss“ ist die deutsche Übersetzung davon. „Das fand ich schön, weil so in der Veranstaltung direkt etwas sehr Persönliches von mir drinsteckt.“

Nastja Areshky
Tim Friesen aka Nastja Areshky verschmilzt in Erfurt Kunst, Identität und Bühne.© Funke Medien Thüringen | Tim Friesen

Dass das Event im Kalif Storch in Erfurt Drag-Performances, Musik und zunehmend auch bildende Kunst verschmilzt, ist für Tim nur konsequent: „Drag-Kunst ist eine Erweiterung meines ästhetischen Empfindens“, sagt er. In die Arbeit oder besser gesagt die Performance fließen Gesang, Malerei, Theater, Tanz, Maskenbau und Mode zusammen. „Drag verbindet für mich unglaublich viele künstlerische Tätigkeiten. Die Hauptessenz ist für mich aber Aktivismus.“

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Damit grenzt sich sein Verständnis von Drag deutlich von der Vorstellung einer reinen Bühnenshow ab. „Ich erschaffe eine eigene künstlerische Performance“, erklärt Tim, der Musik selbst schneidet, die Inszenierungen entwickelt und die Kostüme eigenhändig entwirft. Und da haben wir noch nicht von seinen Künsten als Maskenbildner gesprochen. „Für mich ist das komplett Kunst – und gleichzeitig eine Erweiterung von Identität, Horizont und gesellschaftliches Engagement.“

„Ich hätte diese Perspektiven als Kind gebraucht“

Diese Verbindung von Kunst und Identität prägt auch die Figur Nastja Areshky selbst. Tim ist als Kind russlanddeutscher Eltern aufgewachsen und beschreibt seine Jugendjahre mit dem Gefühl des Dazwischenstehens. „In Deutschland zu Russisch zu sein und in Russland zu Deutsch“, fasst er den Konflikt zusammen. Über seine Drag-Persona könne er viele Aspekte dieser Biografie sichtbar machen. Das Kopftuch der Großmutter etwa taucht in Performances und Fotoshootings auf. „Über sie kann ich vieles ausdrücken, was ich mit meiner Kindheit verbinde“, sagt er über Nastja.

Nastja Areshky
Tim Friesen aka Nastja Areshky verschmilzt in Erfurt Kunst, Identität und Bühne.© Funke Medien Thüringen | Tim Friesen

Auch deshalb versteht er Drag als Form von Repräsentation. Gerade queere Perspektiven hätten ihm selbst in jungen Jahren gefehlt. „Ich hätte diese Perspektiven als Kind gebraucht – in Büchern, in Serien, irgendwo – einfach um mich sicher zu fühlen und nicht zu denken, dass mit mir etwas krankhaft falsch ist.“

Die „Zaubernuss“ soll deshalb mehr sein als ein Abendprogramm. Im Mittelpunkt steht für Tim die Idee, Menschen zusammenzubringen. „Die Chance liegt auf jeden Fall darin, Menschen miteinander zu connecten und queere Sichtbarkeit zu schaffen“, sagt er. Ein „Safer Space“ entstehe dabei nicht nur durch Awareness-Teams und organisatorische Strukturen, sondern auch durch Kunst, Performances und die verschiedenen Communitys, die von „Zaubernuss“ angesprochen werden.

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Für die kommende Ausgabe erweiterte Tim das Konzept sogar, um noch mehr unterschiedliche Menschen anzusprechen. Neben Drag und Musik werden Arbeiten queerfeministischer Künstler*innen gezeigt. Die Verbindung verschiedener Disziplinen sei von Anfang an gewollt gewesen. „Ich fand es schön, verschiedene Communities zusammenzubringen“, sagt er. Menschen, die wegen der Musik kommen, begegnen Kunst. Wer sich für Kunst interessiert, kommt mit Drag in Berührung.

„Ich spüre da ganz viel Liebe im Raum“

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigt für Tim vor allem das Feedback des Publikums. Besonders bewegt habe sie ein Satz, den sie nach einer Veranstaltung hörte: „Mir wurde gesagt, dass jemand wegen mir mit Drag angefangen hat“, erklärt er ganz stolz. Solche Momente seien berührend, weil auch Tim aka Nastja Areshky selbst Drag-Vorbilder hat und nachvollziehen kann, wie wichtig das ist.

Nastja Areshky
Tim Friesen aka Nastja Areshky verschmilzt in Erfurt Kunst, Identität und Bühne.© Funke Medien Thüringen | Tim Friesen

Und welche Chance das für die Person sein kann. Denn wenn Tim über seine Auftritte spricht, klingt das weniger nach Rampenlicht als vielmehr nach Verbundenheit mit den Zuschauenden. Besonders „Zaubernuss“ ist für ihn da besonders: „Ich spüre da ganz viel Liebe im Raum“, sagt Tim über das Gefühl, auf der Bühne zu stehen. „Es ist ein Moment voller Confidence und Freiheit.“

Zwischen Kunst, Aktivismus und Identität

Vielleicht beschreibt genau das auch die Idee hinter der „Zaubernuss“. Drag ist hier nicht bloße Unterhaltung, sondern eine Kunstform, die unterschiedliche Medien verbindet, gesellschaftliche Fragen verhandelt und Menschen zusammenbringt. Oder, wie Tim es selbst formuliert: „Kunst steckt bei mir einfach ganz tief drin – sie ist eigentlich mein Lebensmittelpunkt.“