Was verändert sich, wenn FLINTA*-Personen nicht nur auf der Tanzfläche stehen, sondern eine Veranstaltung selbst organisieren, technisch umsetzen und künstlerisch prägen? Das neu gegründete Jenaer Projekt MESH hat genau das ausprobiert. Seine erste große Veranstaltung fand am 22. August am Steinbach in Jena statt und brachte nach Schätzung des Teams rund 200 bis 250 Menschen zusammen. Gleichzeitig schuf sie Raum für Vernetzung, Wissensaustausch und mehr Sichtbarkeit in der lokalen Subkultur.

Raum für Vernetzung

MESH versteht sich als Zusammenschluss von FLINTA*-Personen aus Jena, die aus subkulturellen Zusammenhängen oder deren Umfeld kommen. Einige Mitglieder hatten zuvor noch keine eigene Veranstaltung organisiert. Für die Gruppe war der Abend daher nicht nur das erste gemeinsame, sondern auch das erste große Projekt. Der Name beschreibt dabei sowohl das oft verwendete Material Mesh als auch die Idee eines Netzwerks. „Wir wollen uns über unser Projekt hinaus gern stärker mit FLINTA*-Personen in der Jenaer Subkultur vernetzen“, erklärt Anne, ein Mitglied des Organisationsteams. Und, ganz nebenbei: „Es klingt halt auch ein bisschen fetzig.“

Warum es MESH überhaupt braucht

MESH Jena
Kinderbetreuung, Heimwegbegleitung, eigene Lichttechnik: Beim ersten Open Air des Jenaer Kollektivs MESH organisierten Flinta-Personen alles selbst. Über die Jenaer Clubszene findet die Gruppe deutliche Worte.© Funke Thüringen Medien | Anastasiia Oktovich

Subkulturelle Arbeit läuft meist über Kollektive – und die sind nach Erfahrung der Gruppe überwiegend männlich dominiert. Besonders deutlich werde das bei der Technik: „Es bauen in den Vereinen immer dieselben Personen auf. FLINTA*-Personen bleibt dann oft die Dekoarbeit.“ Anne, von Beruf Tischlerin, sieht sich selbst eher im Baubereich zu Hause, „nicht unbedingt bei der Verkabelung“. Für das Projekt musste sich die Gruppe das Wissen deshalb erst aneignen. Passiert ist das unter anderem in einem selbst organisierten Technikworkshop. „Wir haben uns in kurzer Zeit ziemlich gut und souverän aufgestellt.“

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Die Hürden für FLINTA*-Personen in Veranstaltungsbereich fangen aus Sicht des Kollektivs schon im Zwischenmenschlichen an: „Man fühlt sich nicht gesehen, nicht angenommen, nicht gehört – und gibt dann schnell auf.“ Entscheidend seien geteiltes Wissen, Mut und Rückhalt: „Wichtig ist außerdem, dass man als FLINTA*-Personen nicht allein bleibt, dass man sich Freund:innen sucht, die gemeinsam Kante zeigen.“

Einladung für alle

Organisation und Artists bestanden bei der ersten Veranstaltung im August ausschließlich aus FLINTA*-Personen, „einfach aus Gründen der Sichtbarkeit“. Licht und Ton lagen bei zwei Veranstaltungstechnikerinnen, die zugleich den Technikworkshop gegeben hatten: „Unsere Licht- und Tontechnikerinnen wuppen das Ganze zum Beispiel allein.“

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Auch Abendleitung und Artist Care organisierte die Gruppe komplett selbst – „also von FLINTA für FLINTA“. Ausgeschlossen war ausdrücklich niemand: „Zu der Veranstaltung sind alle Menschen eingeladen.“ Langfristig gehe es um Ausgewogenheit. „Aber solange das Übergewicht so stark in die eine Richtung geht, sind Veranstaltungen wie unsere eben super wichtig.“

MESH Jena
Kinderbetreuung, Heimwegbegleitung, eigene Lichttechnik: Beim ersten Open Air des Jenaer Kollektivs MESH organisierten Flinta-Personen alles selbst. Über die Jenaer Clubszene findet die Gruppe deutliche Worte.© Funke Thüringen Medien | Anastasiia Oktovich

Heimwegbegleitung, Buddy-Gruppe, Kinderbereich

Zu Projektbeginn sammelte die Gruppe einen ganzen Nachmittag lang, welche Angebote es auf Veranstaltungen braucht. Herausgekommen sind eine Kinderbetreuung, „damit auch Eltern auf Veranstaltungen gehen und mal zwei Stunden gedankenlos tanzen können“, eine Nach-Hause-Begleitung nach dem Event und das Vernetzen schon vor der Veranstaltung. „Ich glaube, jede von uns hat Situationen erlebt, in denen es netter gewesen wäre, eine Gruppe im Rücken zu haben.“

Der Abend: „ein richtiges Träumchen“

Das erste MESH-Open-Air besuchten etwa 200 bis 250 Personen. „Wir waren nicht überlaufen, sondern genau in dem Bereich, auf den wir uns vorbereitet hatten“, sagt Anne. Größere Zwischenfälle gab es nicht: Bei der elektronischen Musik war zwischenzeitlich ein falscher Modus eingestellt, mitten in der Nacht musste das Team kurz reagieren: „Alles Situationen ohne große Dramatik“. In Erinnerung geblieben ist ein Moment gegen Ende der Veranstaltung: „Antonia aus dem Organisationsteam kam irgendwann zu uns und meinte: ‚Leute, ihr müsst jetzt noch einmal alle gemeinsam auf den Dancefloor gehen. Das haben wir uns verdient!‘“ Für das Team persönlich sei das einer der stärksten Momente des Abends gewesen.

MESH Jena
Kinderbetreuung, Heimwegbegleitung, eigene Lichttechnik: Beim ersten Open Air des Jenaer Kollektivs MESH organisierten Flinta-Personen alles selbst. Über die Jenaer Clubszene findet die Gruppe deutliche Worte.© Funke Thüringen Medien | Anastasiia Oktovich

Solidarisches Netzwerk

Bei einer ersten Auswertungsrunde hat die Gruppe über die Zukunft gesprochen. Klar ist: Man würde „unglaublich gerne wieder in dieser Konstellation zusammenarbeiten“. In eine feste Struktur pressen will sich das Kollektiv aber vorerst nicht. Denkbar sind weitere Veranstaltungen, eine Zusammenarbeit mit Clubs in Jena, andere Formate oder wechselnde Orte. „Konkreter ist es im Moment noch nicht – aber wir haben auf jeden Fall Lust, weiterzumachen.“

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Wie das Kollektiv die Jenaer Party- und Clubkultur insgesamt sieht? „Es läuft schon einiges gut, man könnte sagen: Die Mühlen mahlen langsam.“ An vielen Stellen laufe es aber „auch richtig beschissen“. Was fehlt, ist aus Sicht von MESH vor allem mehr Zusammenarbeit zwischen den Akteur:innen: „Gerade in Jena ist es leider so, dass viele Kollektive und Clubs ihr eigenes Süppchen kochen. Das ist auf jeden Fall ausbaufähig.“ Ein solidarisches Netzwerk, in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn anderswo etwas schiefläuft, das wünscht sich MESH für die Zukunft.