Baukunst

Das Pößnecker Erbe Heinrich Tessenows

Pößneck.  Ausstellungen und Themenroute erinnern an bedeutenden Reformarchitekten. Am Sonntag, 10. November, wird zur Finissage geladen.

Schauwohnung in der Neustädter Straße 101 in Pößneck mit originalen Tessenow-Möbeln.

Schauwohnung in der Neustädter Straße 101 in Pößneck mit originalen Tessenow-Möbeln.

Foto: Elia Schneider

Heinrich Tessenow schuf mit dem Festspielhaus Hellerau ein Hauptwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Neben diesem zentralen Bau für die heute zu Dresden gehörende Gartenstadt Hellerau hinterließ der bedeutende Reformarchitekt auch Spuren in Thüringen: Im Bauhaus-Jahr rücken die Stadt Pößneck, die Heinrich-Tessenow-Gesellschaft in Hamburg und das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie dieses kulturelle Erbe wieder stärker ins Bewusstsein.

Zwischen 1920 und 1923 errichtete Tessenow 75 Bauten in der Stadt, von denen beinah alle noch erhalten sind – auf drei Siedlungen und verschiedene Einzelbauten verteilt. Unter der Überschrift „Undogmatisch modern. Tessenow-Bauten in Pößneck“ würdigten die Akteure den deutschen Architekten gleich mit mehreren Projekten: Noch bis 10. November ist im „Museum 642“ in Pößneck die Ausstellung „Handwerk und Kleinstadt: Architektur der Moderne in Pößneck 1920 bis 1923. Die Siedlungen von Heinrich Tessenow“ zu sehen.

Parallel dazu kann in der Neustädter Straße 101 eine Schauwohnung mit historischer Ausstattung besichtigt werden. Darüber hinaus können auf der neu eingerichteten Themenroute verschiedene Pößnecker Bauten des Meisters angesteuert werden. Die Flyer hierfür sind in der Stadtinformation erhältlich.

Heinrich Tessenow wurde 1876 in Rostock als Sohn eines Zimmermanns geboren. Neben seiner Tätigkeit als Architekt war er auch ein bedeutender Hochschullehrer, der unter anderem in Wien, Dresden und Berlin sein Wissen weitergab. Zu seinen wichtigsten Gebäuden zählt auch die Neue Wache in Berlin. Er gestaltete diesen Schinkel-Bau zur Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges um.

Tessenoe: „Das Einfache ist nicht immer das Beste“

Tessenow gehörte zu den der Einfachheit und Bodenständigkeit verpflichteten Reformarchitekten. Berühmt ist sein Satz: „Das Einfache ist nicht immer das Beste; aber das Beste ist immer einfach.“ Für ihn standen soziale Fragen im Zentrum des Bauens. „Eine bloße Inszenierung von Architekturformen lehnte er ab, der Bezug zu Tradition und Handwerk war für ihn wichtig“, erläutert Carsten Liesenberg vom Landesamt für Denkmalpflege, der die Ausstellung im „Museum 642“ kuratiert hat.

Für Tessenow hatte Pößneck die ideale Größe. In einer Kleinstadt sah er im Gegensatz zu Dorf und Großstadt die ideale Siedlungsgröße, in der soziale Stabilität durch wirtschaftliche Stärke und kulturelles Angebot bestmöglich gesichert sei.

Dem Werk Tessenows lässt sich besonders gut am Originalschauplatz nachspüren. Erst 2017 entdeckte man im seit Jahren verlassenen Tessenow-Haus in der Neustädter Straße 101 unter Tapetenschichten originale Wandgestaltungen mit floralen Motiven. Inzwischen ist das Haus saniert. Mit originalen Tessenow-Möbeln als auch Interieur-Rekonstruktionen wird die Wohnkultur von einst dargestellt.

Am letzten Ausstellungswochenende bietet sich noch einmal die Gelegenheit, von den Kuratoren durch Ausstellung und Schauwohnung geführt zu werden. Außerdem liefert die Finissage am Sonntag „Hintergründiges und Witziges um Heinrich Tessenow“: Vom Hamburger Architekturkritiker Paul Appel ist etwa überliefert, was Tessenow seinen Gästen auftischen ließ: „Rührei, Weiß- und Schwarzbrot, Butter. Dazu Lorcher Auslese.“

Kuratorenführungen durch die Sonderausstellung im Museum 642 und die Schauwohnung am Samstag und Sonntag, 9. und 10. November, jeweils 13 Uhr, 14 Uhr und 15 Uhr.

Finissage zum Ausstellungs-Doppelprojekt am Sonntag, 10. November, 16 Uhr im Museum 642

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