Schauspiel "Wahnfried - Bilder einer Ehe" eröffnet Wagnerjahr

Das Schauspiel "Wahnfried - Bilder einer Ehe" gab es als episodische Belanglosigkeit zum Auftakt des Wagnerjahres 2013 am Meininger Theater zu sehen.

Verbunden in Liebe und Ehebruch: Cosima (Chris Pichler) und Richard Wagner (Peter Bernhardt). Foto: Theater Meiningen

Verbunden in Liebe und Ehebruch: Cosima (Chris Pichler) und Richard Wagner (Peter Bernhardt). Foto: Theater Meiningen

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Meiningen. "Du bist mein Weltuntergang", das habe Richard zu ihr gesagt, behauptet Cosima stolz. Götterdämmerung, Universalkatastrophe, das Ende von allem - darunter fangen die Wagners gar nicht erst an, alles muss absolut sein und überwältigend und endgültig.

"Begehrt ihr’s wirklich, mein totales Theater?", wird Wagner 1876 zur Eröffnung von Bayreuth fragen, und wer heute ein Ohr hat für Inszenierung, hört die Sportpalastfrage mit.

Das ist die Dimension des Wahns von Wahnfried, so groß und erschreckend ist das Pathos, aber auch das Genie des Komponisten. Auf der Bühne des Meininger Theaters jedoch, das sein Wagnerjahr 2013 am Wochenende mit Reinhard Baumgarts Stück "Wahnfried – Bilder einer Ehe" eröffnete, ist Wagner ganz klein.

Was Regisseur Jan Steinbach auf Frank Alberts betont theatralische Stufenbühne bringt, ist eine Homestory, in der der Betrachter das Hohe Paar Cosima und Richard lange suchen kann: Er wird es nicht finden.

Was er findet, das ist ein frühseniler Schwätzer mit Hang zu schönen Frauen. Der Richard Wagner, den Peter Bernhardt spielt, könnte auch kleinadeliger Großbauer auf dem Landgut in Tribschen sein, wo der ganze lange erste Teil des Stückes spielt, er könnte "Alle meine Entchen" komponiert oder nichts geschaffen haben als die lächerlich-pathetischen Stabreim-Libretti – wehe, walle, woge, Welle –, mit denen er später seine Sänger quälen wird.

Im Ton des jovialen Hausvaters plaudert sich Bernhardts Wagner durch eine weitgehend selbstgenügsame Existenz. Sendungsbewusstsein? Leidenschaft? Nicht die Spur. Selbst wenn er sein Haus als feste Familien-Burg beschwört, wenn er ’70/’71 vom "Krieg gegen die welsche Kultur und die jüdische Musik" tönt, wirkt er unbeteiligt am eigenen Wohnstuben-Antisemitismus. Sträflich, dass Regisseur Steinbach dieses Thema dermaßen bagatellisiert.

Wenn er Wagner an der Spitze der Bühnentreppe aufstellt und ihn in pathetischer Rede das Festspielhaus eröffnen lässt, dann strahlt diese Gestalt nichts aus, nicht einmal Stolz, nur Kleingeist. Keine Frage, auch davon wird Wagner nicht wenig besessen haben. Aber etwas müsste Bernhardt schon zeigen von dem Besessenen, von dem Genie Wagner; etwas müsste Jan Steinbachs Inzenierung spüren lassen von den Anbetungs- und Abhängigkeitsverhältnissen, die zwischen dem Komponisten und seiner Eheherrin Cosima bestanden haben müssen. So, wie "Wahnfried" hier auf die Bühne kommt, ist das ganze Stück, ist die ganze inszenierte Wagner-Ehe eine Belanglosigkeit.

Wenig Wahn,

viel falscher Friede

Wo ein Richard Wagner keine Reibungsfläche bietet, kann eine Cosima nicht zünden. Chris Pichler spielt sie in dauernder Anspannung, immer an der Schwelle zur Hysterie, und das wirkt ermüdend auf die Dauer; zumal das, was diese Figur interessant machen könnte – Gewissensnot angesichts ihres Ehebruchs, aufkeimendes Interesse am linkischen jungen Nietzsche –, bald ersatzlos verpufft. Chris Pichler arbeitet sich redlich ab an dieser Rolle, sie spielt mit enormem Körpereinsatz, aber auch sie kann aus den Ehe-Episoden keinen großen Theaterabend machen. Auch nicht im Doppel mit Ulrike Barthruff als gealterter Cosima, die ihren Richard um Jahrzehnte überlebt hat. Barthruff sitzt meist nur in der Szenerie herum, ihre wenigen Rückblick-Sätze sind überflüssig.

Immerhin: Harald Schröpfer bringt als Hans von Bülow – Meiningens Hofmusikintendant in den 1880-ern – eine Ahnung von Tragik und Wut auf die Meininger Bühne, er zeigt den verlassenen Ehemann als einen, der glaubhaft an Verlust und Kränkung leidet. Bei seinem Auftritt, bezeichnenderweise nur dann, begreift der Zuschauer die Größe des Skandals, den die Familie Wagner verkörpert. Florian Beyers Nietzsche ist ein sympathischer, aber konturenloser Jungphilosophierer; Anja Lenßen spielt Judith Gautier als nur eine weitere Frau, die unbegreiflicherweise vom ältlichen Spießer Wagner fasziniert ist.

Ingo Broschs Liszt ist eine Karikatur wie alle auf der Bühne, aber wenigstens eine, die der Zuschauer mit Wohlwollen wiedererkennt. Grazile Hände auf den Tasten eines albernen Kinderklimperklaviers, wehendes Haar, wogende Frackschöße – welch ein Bild von Liszt, das Brosch da verkörpert.

Der Rest ist Farce mit sprechendem Haushund (Matthias Herold) und herumstehenden Commedia-dell’arte-Figuren. Und für eine Farce sind zweidreiviertel Stunden einfach zu lang. Wagners Musik kommt übrigens, von ein paar Schlusstakten abgesehen, nicht vor.

Freundlicher Applaus. Das Wagnerjahr fängt gerade erst an; es kann nur besser werden.

Nächste Termine: 25. und 30. Januar, jeweils 19.30 Uhr.

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