„Kultur im Umbruch“ ist Knoblichs Leib-und-Magen-Thema

Erfurt  Tobias J. Knoblich ist ab Februar Kulturdezernent der Landeshauptstadt. Er sieht in der Kultur einen starken Druck zur Veränderung.

Dezernent Tobias Knoblich (vorne) nach der Wahl. Archivfoto: Marco Schmidt

Foto: Marco Schmidt

Mitunter zitiert Tobias J. Knoblich, das gehört zu seiner Art ironischen Humors, Erich Honecker: Es könne, erklärte der Ende 1971 vor dem Zentralkomitee, „auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben“. Honecker war seit einem halben Jahr SED-Chef – Knoblich seit drei Monaten auf der Welt. Der Satz war inhaltlich und stilistisch gemeint. Viele in der DDR versprachen sich davon damals ein kulturpolitisches Tauwetter – was sich letztlich als unbegründet erwies.

Knoblich meint, wenn er so etwas zitiert, Strukturen. Und nicht wenige in Erfurts Kultur befürchten eine Frostperiode. Er muss zeigen, ob und inwiefern das unbegründet ist.

Misstrauen ist vorprogrammiert. Er weiß das. „Allein schon aus dem Rollenwechsel heraus“ habe er damit zu tun, denkt er. Seit 2011 Kulturdirektor der Landeshauptstadt, ist er ab Februar Kulturdezernent. Der parteilose Kulturwissenschaftler, aus Zwickau stammend, wechselt vom unbefristeten Angestelltenverhältnis auf den für sechs Jahre garantierten Stuhl eines politischen Wahlbeamten. Der Verwalter wird Gestalter.

Das allein ist schon ein ziemlich singulärer Vorgang. Der einigermaßen holprige Weg dorthin war es auch. Knoblich hätte jetzt eigentlich als Kulturdezernent nach Bayreuth wechseln sollen. Dann aber gab es Zoff in der rot-rot-grünen Erfurter Stadtregierung, den der kulturferne Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) forcierte und nutzte, eine offene Flanke zu schließen. Er brachte Knoblich im Stadtrat als Dezernent durch und so Kulturpolitik ins Zentrum seiner dritten Amtszeit.

Kulturdezernent Bayreuths ist besser als Kulturdirektor Erfurts, dachte der karrierebewusste Knoblich, Kulturdezernent Erfurts aber noch viel besser. Also gab er der oberfränkischen Stadt nachträglich einen Korb.

Dabei gibt’s in Erfurt ja „manchmal einen überstarken Reflex des Festhaltens um jeden Preis, der nicht meiner Vorstellung von Gestaltung entspricht“. So jedenfalls schrieb es Knoblich der Landeshauptstadt über diese Zeitung ins Stammbuch, als er sich noch nach Bayreuth zu verabschieden schien. Verzagtheit und Verlustängste attestierte er ihr.

„Ehrliche, rationale, gleich- wohl brutale Forderung“

In Erwartung des neuen Amtes erhält eine solche Äußerung mehr Brisanz, so wie vieles, was Knoblich sagte und schrieb. „Hätte ich gewusst, dass ich mal auf der anderen Seite sitzen würde“, sagt er etwa mit Blick auf den Kulturaussschuss des Stadtrates, „hätte ich manches möglicherweise etwas verdaulicher formuliert und mich diplomatischer verhalten.“

Das betrifft in Teilen wohl auch einen Vortrag, den er Anfang 2017 in Weimar hielt, auf der Jahrestagung des Fachverbands für Kulturmanagement. Der Diskurs wurde, mit einiger Verzögerung, nun in der „Zeitschrift für Kulturmanagement“ publiziert.

Unter Stadträten seien „Misstrauen, Klientelpolitik, Geschmacksurteile und der Wille zur Wiederwahl“ reichlich vorhanden, schrieb Knoblich. „Transformation als Programmformel dürfte da nicht zwingend auf fruchtbaren Boden fallen.“ Transformation, also „Kultur im Umbruch“ war Thema jener Tagung.

Sie ist Knoblichs Leib-und-Magen- Thema. Er stellt fest, „dass umfassende Transformation nottut“. Krisen in Kultureinrichtungen, die finanziellen Lasten und die Resonanz des Publikums macht er geltend.

Der Wandel in der Gesellschaft verlangt demnach eine Transformationsbereitschaft, die „eine ehrliche, rationale, aber gleichwohl brutale Forderung“ sei. „Es ist eine ,Entzauberung‘ der Kulturpolitik als Geste des Guten, die man nicht infrage stellen darf.“ Allzu oft, so Knoblich weiter, sah man Kultur bislang „als Kontinuum in Zeiten des Wandels“.

Knoblich weiß, wie das wirkt, welcher Ruf ihm vorauseilt: „ich wolle Veränderungen herbeiführen und begreife das als One-Man-Show.“

Es gehe ihm aber schon um Kooperation. „Mein Hauptziel ist, Politik und Verwaltung in eine Verantwortungspartnerschaft zu bringen und zu einer Diskursgemeinschaft zu kommen“, sagt er, auch wenn das gewiss sehr idealistisch gedacht sei.

Und bremsen will er sich auch. Leichte Korrekturen, keine großen Umbrüche. „Die Trägheit der Leute und Strukturen werden es ohnehin schwer machen, Veränderungen auch nur graduell vorzunehmen.“

Dahinter steckt weniger Kritik als Einsicht in die Natur des Menschen.

Von der Trägheit subjektiver Welten schreibt der Historiker Gerd Dietrich in seiner dreibändigen „Kulturgeschichte der DDR“, die soeben erschien. Knoblich vertieft sich gerade in die fast 2500 Seiten. „Denn nur langsam“, so Dietrich, „wenn überhaupt, ändern die Menschen ihre Vorstellungen von der Welt. Normal ist ein konservativer Umgang mit der Wirklichkeit, nicht das Infragestellen, sondern die Verteidigung einmal angenommenen Wissens.“

Das beschreibt Möglichkeiten und Grenzen einer Transformation, wie sie Knoblich in Weimar am Beispiel Thüringens entwickelte. Er wies auf „die Schwäche insbesondere der kommunalen Kulturpolitik“ hin. Stadt- und Kreisräte diskutierten „weniger über tatsächliche Kulturpolitik als vielmehr über Einzelfälle ohne Blick auf eine damit verbundene, übergeordnete Strategie.“

Das ist eines seiner Ziele in Erfurt, sagt Knoblich unserer Zeitung: „Kultur aus der teilweise vorhandenen Isolation herauszuführen und in größere Zusammenhänge zu bringen.“

Wie das gehen soll, hängt unter anderem von seinem Geschäftsbereich ab, über den Knoblich mit OB Bausewein spricht. Neben der Kultur könnte die Stadtentwicklung dazu gehören (anstatt wie bislang Wirtschaft). Jedenfalls reiche Kulturpolitik „vom integrierten Stadtentwicklungskonzept bis hin zur Denkmalpflege“ und sei längst mehr als reine Förder- und Institutionenpolitik.

Eine Kritik aller Institutionen hält er allerdings für notwendig: „Wie können wir Angebote, die für sich genommen wichtig und unverzichtbar sind, so organisieren, dass sie effizient sind“, lautet demnach die Frage.

Ein Konzept für die Museen kündigte Knoblich bereits an. Er will aber generell dort, wo man „größere Beträge ausgibt“, genauer hinschauen und einen „Qualitätsdiskurs führen“: Wer und wie viele gehen wohin, was kommt bei Leuten an? Er will „Leistungsfähigkeit hinkriegen.“

Knoblich stellt Diagnosen. Therapien will er zusammen mit der Stadtpolitik und den Institutionen entwickeln, „ohne etwas vorzugeben.“

Gleichwohl will er die Re-Integration des Puppentheaters Waidspeicher ins Stadttheater, aus dem es einst hervorging, „stärker prüfen“ – und jedenfalls Doppelstrukturen abschaffen, bei Werkstätten oder der Öffentlichkeitsarbeit der Theater.

Soll das Puppentheater ins Stadttheaterzurückkehren?

Der Waidspeicher solle als Spielstätte erhalten und saniert werden, nicht aber als reiner Puppentheaterstandort. Das sei „auch aufgrund räumlicher Gegebenheiten“ schwierig. Puppentheater und Theater müssten „noch intensiver zusammenarbeiten“, überhaupt müsse man „Kulturbetriebe jenseits der alten Beherrschungsräume denken“.

In seinem Vortrag hatte er die Tendenz beschrieben, „dass die großen Kulturinstitute sich zulasten kleiner konsolidieren“. Auf Nachfrage nennt er das kommunale Kino oder das Tanztheater als Beispiele für diejenigen, die vergleichsweise wenig Geld erhalten. „Die Städte Weimar und Erfurt“, schrieb Knoblich explizit, haben nicht zuletzt wegen ihrer Theater- und Orchesterstrukturen – ob eingestanden oder nicht – erhebliche Probleme, anderen Kulturfinanzierungen gerecht zu werden.“

In diesem Jahr beginnt das Land mit der Überprüfung der Theaterverträge, die hier und dort wohl angepasst werden müssen. Eine Fusion von Erfurt und Weimar will aber in der Staatskanzlei niemand mehr.

Auch Tobias J. Knoblich meidet das Wort inzwischen, obschon er nicht müde wird, auf nicht zufällig gleiche Bühnengrößen hinzuweisen sowie aufs fehlende Sprechtheater in Erfurt, das einige Gastspiele aus Weimar nicht ersetzen können.

Knoblich wird der einzige Kulturdezernent Thüringens mit Expertise sein. Er ist nicht nur vom Fach, sondern stark vernetzt. Mitten in der Bayreuth-Erfurt-Affäre wählte man ihn in Bonn zum Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft. Die sprach sich umgehend für „eine Neuausrichtung der Kulturpolitik“ aus.

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