Nicht nur in Thüringen: Gagen in der Krise

Weimar.  Wie Intendanten in der Corona-Zwangspause mit ihren Gastkünstlern umgehen wollen und müssen - und der Kulturminister ihnen den Rücken stärkt.

Die freischaffende Sängerin und Tänzerin Nathalie Parsa als Marylou in "Märchen im Grand-Hotel" am Staatstheater Meiningen.

Die freischaffende Sängerin und Tänzerin Nathalie Parsa als Marylou in "Märchen im Grand-Hotel" am Staatstheater Meiningen.

Foto: Marie Liebig / Staatstheater Meiningen

Als tolles oder auch großartiges Beispiel feierten Künstler auf „Facebook“, was Intendant Reinhardt Friese dort vor einer Woche verkündete: „Das Theater Hof wird allen Gastkünstlern die verabredeten Gagen zu den verabredeten Terminen mindestens bis Ende der Spielzeit zahlen unabhängig von der Möglichkeit, ob die Leistungen der Künstler erbracht werden können angesichts der Corona-Krise.“ Es komme jetzt auf „gelebte Solidarität“ an.

Möglicherweise fühlte sich Friese ja von Ulrich Khuon inspiriert und wollte ihn überbieten. Der Intendant am Deutschen Theater Berlin hatte Tage zuvor dem Portal „Nachtkritik“ erklärt, man verzichte zunächst für April auf das Recht, Gastverträge aufzulösen und bezahle die vereinbarte Gage. Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, forderte, dass öffentlich finanzierte Theater zu ihren Verträgen stehen und bei juristischen Lücken „kulant“ sind.

Zur Kulanz im oberfränkischen Hof äußert sich Reinhardt Friese nicht direkt. Interviewanfragen unserer Zeitung blieben unbeantwortet. Schließlich verschickte das Theater am Wochenende eine Pressemitteilung. Man zahle, heißt es nun, Gagen auch in der Corona-Krise aus, verschenke allerdings kein Geld: „Es gibt keine Leistung ohne Gegenleistung!“

Erste Neuproduktionen werden komplett gestrichen

Die sind demnach zum Teil schon erbracht, in Proben zum Beispiel, oder werden neu vereinbart. Es werde individuelle Modelle geben, „die von Rückzahlung der Gagen über Teil-Anrechnung bis hin zur Verrechnung der Gagen mit künftigen Engagements reichen.“

Das entspricht schon eher einer Praxis, wie sie jetzt an vielen Theatern stattfindet, auch in Thüringen. Ohnehin steht die Vertragsklausel „höhere Gewalt“, die Zahlungen in diesem Fall ausschließen will, auf gewaltig wackligen Rechtsfüßen.

„Ich bin auch der Meinung, dass das bezahlt werden muss“, sagt der Meininger Intendant Ansgar Haag. Aufgrund einer „relativ guten Wirtschaftlichkeit der letzten Jahre“ könne man das auch. Nicht nur Haag weist dabei allerdings auf unterschiedliche Betriebs- und Rechtsformen der Bühnen hin.

Das Staatstheater Meiningen gehört, wie auch das Landestheater Eisenach, zu einer privatrechtlichen Kulturstiftung. Öffentlich gefördert, werden sie gleichwohl „wie ein Privattheater gerechnet.“ Der Stiftungsanwalt prüft laut Haag derzeit noch die Lage.

Dabei geht es auch um Kurzarbeitergeld. Das Thema ist etwas heikel. Immerhin ginge es um zusätzliches staatliches Geld für Einrichtungen, deren öffentliche Finanzierung ja weiterfließt.

Sollten solche Anträge gleichwohl durchgehen, bliebe der Lohn am Theater zu 100 Prozent gesichert, so Haag. Das gelte dann auch für Gastverträge. Andernfalls wäre eine Einzelfallprüfung notwendig.

In Meiningen betrifft das unter anderen einen Schauspieler und sechs Sänger, die als Gäste vorübergehend abhängig beschäftigt sind. Regisseure und Bühnenbildner bekommen als arbeitsrechtlich Selbstständige Honorare. Haag erzielte mit Betroffenen einen Vergleich, nachdem er bereits die Uraufführung „Der Camille-Claudel-Komplex“ streichen musste.

Hasko Weber in Weimar empfindet „als Rückenstärkung“, was Kulturminister Benjamin Hoff (Linke) unserer Zeitung gegenüber äußerte: die Erwartung, dass institutionell geförderte Kultureinrichtungen in der Krise vereinbarte Honorare und Gagen für Freie auszahlen (wir berichteten).

Die Gage gibt es jetzt, die Leistung kommt später

„Wir versuchen, erst einmal bis zum Stichtag 19. April alle Verträge zu 100 Prozent zu erfüllen“, sagt Weber. Ohnehin habe das Nationaltheater gut gewirtschaftet und könne Einnahmeverluste zunächst durch Rücklagen auffangen, sofern der Aufsichtsrat so entscheidet.

Gäste erhalten demnach sofort die Hälfte der Gagen für ausfallende Vorstellungen. Die andere Hälfte bekommen sie später in jedem Fall: Entweder kann die Vorstellung nachgeholt werden oder sie entfällt endgültig. Kulante Agenturen seien bei Gastdirigenten von sich aus von Verträgen zurückgetreten. Regieteams vorerst ausgesetzter Produktionen erhielten im Zweifelsfall die Hälfte der Vergütung.

Weber selbst kriegt nichts, nachdem seine nächste Inszenierung „gecancelt“ wurde: In „Zehn Gebote“ wollte er, mit Andris Plucis, die Zusammenarbeit Weimarer Schauspieler und Eisenacher Tänzer fortsetzen.

Das Theater Altenburg-Gera zahlt laut Verwaltungschef Volker Arnold Gästen bei kurzfristig ausgefallenen Vorstellungen 100 Prozent und vereinbart mit allen anderen „individuelle Lösungen“. Aktuell liegt eine dreiseitige Liste mit rund 50 Personen auf seinem Schreibtisch. Sie umfasst auch den Physiotherapeuten fürs Ballett oder einen IT-Spezialisten als Honorarkräfte. Einige Künstler erhielten eine Art Guthaben: Sie sollen später wieder beschäftigt werden, wofür ihnen schon jetzt teilweise Gagen ausgezahlt würden.

Wichtiger als ein Honorarausgleich jetzt sind für Guy Montavon in Erfurt Alternativen, die er Gästen anbiete: Engagements in den nächsten Jahren. Wer jetzt etwas verliert, bekomme es später kompensiert. Falls jemand wirklich in Not geriete, finde man aber eine Lösung.

Hasko Weber ist generell zuversichtlich: „Öffentliche Kultureinrichtungen können einen gewissen Zeitraum überbrücken“, sagt er. Und Ansgar Haag verweist durchaus dankbar auf einen aktuellen Brief von Kulturminister Hoff, wonach die Theaterfinanzierung in jedem Fall bis 2024 gesichert ist und bleibt.