Politische Revue mit deutschen Märchen – und Dominique Horwitz

Weimar  Dominique und Miriam Horwitz sowie Murat Parlak spielen mit Dichter Musäus einen Theaterabend in, aus und mit Weimar.

Murat Parlak , Miriam Horwitz und Dominique Horwitz (von links) Foto: Thomas Müller

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Das verspricht ein unglaublich spannungsgeladener Abend zu werden: wenn sich auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar auch nur zur Hälfte jene Gedankenwelt materialisiert, die der Schauspieler Dominique Horwitz und sein Regisseur Christian Filips vorab auszubreiten imstande sind.

„Es ist voller Überraschungen, es ist anarchisch – und unverschämt“, verspricht Horwitz im Ton heiterer Ernsthaftigkeit. Und das Publikum werde sich fragen müssen: „Kann das wirklich (deren) Ernst sein?“

Und sofern zutrifft, was der Schauspieler glaubt – dass nämlich Märchen Rätsel gegen zu schnelles Denken seien – ist eine so rätsel- wie märchenhafte Aufführung zu erwarten.

Ein Abend mit deutschen Märchen und über sie soll es ja auch werden. Was es nicht werden soll: ein Märchenabend. Eine politische Revue steht stattdessen im Raum. Ein Gesangsabend auch, musikalisches Kabarett. „Über dem ganzen Abend schwebt die große Märchenerzählung, die dieser Tage verbreitet wird: dass die Deutschen dabei seien auszusterben“, so Christian Filips.

Märchen als Keimzelle der bürgerlichen Familie

Die Grimmsche Sammlung der Kinder- und Hausmärchen taucht dabei nur ex negativo auf: Man betreibt, was der Regisseur „eine Art von Grimm-Exorzismus“ nennt.

Der Brüder Jacob und Wilhelm wegen nämlich verband Horwitz Märchen immer „ mit etwas Spießigem“: aufgrund ihrer erzieherischen Haltung im bürgerlichen Sinne. Sie dachten sich zwischen 1812 und 1858 dieses „Es war einmal“ aus, „um das Geschehen in eine Überzeit, in eine archaische Irgendwann-Zeit zu versetzen“, ergänzt der Regisseur.

Die Grimms hätten versucht, das Märchen vom Denken zu befreien. So sei es zur Keimzelle der bürgerlichen Familie, der Kinder und letztlich nationenbildend geworden.

Horwitz aber ist inzwischen auf das vorbürgerliche Gegenstück gestoßen: auf „Märchen, die erahnen lassen, wie es einmal zu Ende gegangen sein wird mit den Deutschen“.

Sie sind, wie er selbst ja auch, gleichsam in Weimar beheimatet, wo der Schriftsteller und Satiriker Johann Karl August Musäus sie seit 1782 verfasste. Er nannte seine Sammlung „Die Volksmärchen der Teutschen“. Dabei gibt es aber „keine Märchen, die künstlicher und künstlerischer wären als die von Musäus“, betont Christian Filips. Er spricht von der besonderen Tradition aufgeklärter Märchen, die in Weimar anfängt und dann nur noch fortgesetzt wird von Heine, dessen „Atta Troll“ an diesem Abend eine Rolle spielt.

Vor Grimms Schneewittchen kam Musäus’ Richilde

Musäus verortet seine Märchen klar in Raum und Zeit, zum Beispiel in Brabant „um die Zeit der Kreuzzüge“. Dort spielt sich jene Geschichte ab, die wir als „Schneewittchen“ kennen. Sie heißt hier „Richilde“ – und nach den ersten Seiten ließe sich denken, dies sei der Name des arg von Mordlust bedrohten Mädchens.

Es ist aber der einer künftigen Gräfin und Stiefmutter: ein sehr wahrscheinlich dem Ehebruch entsprungenes Früchtchen, das zur Dame wird, „die kein anderes Talent als Schönheit empfangen hat“. Für die, schreibt Musäus an geeigneter Stelle über sie und ihren Zauberspiegel, „gibt es keine größere Kränkung, als die, wenn ihr der Wahrheitsfreund auf der Toilette den unwiederbringlichen Verlust des ganzen Wertes ihrer Existenz verkündet.“

Da sie zu welken beginnt, blüht Blanca (die Weiße). Mittels Künsten des scheinbar zwielichtigen Hofarztes Sambul will sich Richilde ihrer entledigen: „Der Jud strich sich freudig den Bart und das Geld in seinen Säckel, und verhieß zu tun, wie ihm die arge Frau geboten hatte.“

Was sich hier wie antisemitisch liest, entpuppt sich als Täuschung. Denn Sambul, „der wider Gewohnheit seiner Kollegen nicht tötete, wo er’s durfte“, täuscht Richilde.

„Solange man erzählt, muss niemand sterben.“

Musäus legte die erste Sammlung von Volksmärchen der Deutschen überhaupt vor, zu einer Zeit, als es „die Deutschen“ im Grunde gar nicht gab. Sie spielen in Brabant, im Riesengebirge („Legenden von Rübezahl“), auch zwischen Orient und dem Thüringischen: „Melechsala“ heißt die schöne Muselmanin, die Graf Ernst von Gleichen nach Kreuzzug und Gefangenschaft aus Jerusalem heimführt, obwohl dort Gräfin Ottilie wartet. Man beschließt dann bekanntlich eine Menage à trois.

„Musäus ist eindeutig der Star des Abends“, betont Dominique Horwitz, auf den das ja irgendwie auch zutrifft. Horwitz spielt Musäus, auch den Hofarzt Sambul, nicht zuletzt aber sich selbst. Als Erzähler versucht er, das Märchen von der Nation zu erzählen. Die beiden anderen machen das nicht mit und erzählen Gegenmärchen: die Schauspielerin und Regisseurin Miriam Horwitz, die die Tochter spielt, aber eben auch ist, die zugleich ein Junge sein und Heinrich heißen möchte. Und Komponist und Musiker Murat Parlak, der sich selbst spielt und August von Kotzebue, Musäus‘ Neffen und Zögling.

Die drei sind in der Lage, meint ihr Regisseur, ihre künstlerischen Mittel auszustellen und zugleich zu ironisieren, aus der Rolle herauszutreten und sie trotzdem mitzuspielen.

Die Auskünfte vorab legen ein doppelbödiges Spiel mit Identitäten nahe: Wer tritt da eigentlich gerade auf, was ist ein Deutscher gestern, heute und morgen, welche Rolle spielt im Moment das Publikum?

Dominique Horwitz, der in knapp vier Wochen 60 Jahre alt wird, kündigt jedenfalls einen Abend an, „der von der ersten bis zur letzten Zeile auf Weimar zugeschnitten ist – auch wenn’s den Rest der Republik durchaus betrifft“. Das Theater kommt vor, die Stadt aber auch, sowohl die von 1782 als auch die heutige.

Und nichts und niemand wird dran glauben müssen. Denn, so Regisseur Filips, „solange man erzählt, muss niemand sterben.“

Premiere: Donnerstag, 30. März, 19.30 Uhr, Deutsches Nationaltheater Weimar. Weitere Vorstellungen am 9. April und am 2. Juni.

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