„Tannhäuser“ in Weimar: Im Sog der Erotik

Weimar  Regisseur Maximilian von Mayenburg akzentuiert am Deutschen Nationaltheater die anbetungswürdige Liebe als auch die triebhaften Momente

Szene aus der Weimarer Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“-Oper“: der beeindruckende Corby Welch als Tannhäuser.

Szene aus der Weimarer Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“-Oper“: der beeindruckende Corby Welch als Tannhäuser.

Foto: Candy Welz

Wie heißt es so schön: Jung gefreit hat nie Bayreuth. Auch in Richard Wagners grandioser Oper „Tannhäuser“ kommt es bekanntlich nicht zum glücklichen Ende. Der zwischen Venus und Elisabeth zerrissene sowie von der Gesellschaft heftig gescholtene Held tut zwar Buße, doch seine biologische Triebfeder ist stärker als die moralische.

Jeder „Tannhäuser“-Regisseur hat sich aber zu entscheiden, ob er die Geschichte realitätsnah oder als mystisch infizierten Code erzählt. Dem freischaffend arbeitenden Maximilian von Mayenburg gelingt mit seiner zweiten Wagner-Oper-Inszenierung ein Gleichnis aus beiden Seiten. Er akzentuiert geschickt die anbetungswürdige Liebe und den zur Verdammnis führenden Sog der Erotik.

Bereits während der Ouvertüre hebt sich der Vorhang nur zur Hälfte. Alles nur Halbwahrheiten? Mit Taschenlampen – wie es Daeyoung Kim (Hermann, Landgraf von Thüringen), Artjom Korotkov (Walther von der Vogelweide), Andreas Koch (Biterolf), Jörn Eichler (Heinrich der Schreiber), Andrii Chakov (Reinmar von Zweter) und SuJin Bae (Hirt) tun –, lässt sich jedenfalls nicht ins Herz eines Menschen hineinleuchten.

Die Statisterie schält sich sehenswert aus dem Ei

Maximilian von Mayenburg presst das labyrinthische Knäul widerstrebender Gefühle und Interessen vorwiegend in ein Schwarz-Weiß-Ensemble aus Bühne (Stephan Prattes) und Kostümen (Ursula Kudrna). Wolfram und Venus, einer bezopften, minoischen Schlangengöttin ähnelnd, gönnt er opulente wie dezente Farbspiele. Zudem deutet von Mayenburg die Kunst als Waffe an, indem er Teile des zerlegten Flügels sinnvoll zweckentfremdet. Und das ganze Drama um Liebe, Lust und Leidenschaft beginnt wie eh und je nach sehenswerten Eisprüngen.

Die von Markus Markus Oppeneiger einstudierte Statisterie windet sich aus ihren Eierschalen, marschiert später als soldatische Moralapostel zu „Freudig begrüßt“, vor allem aber singt sie ganz prächtig.

Von hoher Strahlkraft zeigte sich einmal mehr die Staatskapelle Weimar unter der Leitung ihres Chefdirigenten Kirill Karabits. Das Orchester läuft derzeit zu immer neuer Bestform auf. Vielleicht hätte Kirill Karabits im dritten Akt etwas mehr die dynamischen Zwischenstufen betonen sollen, aber ansonsten war die Staatskapelle von seidenweichen Streichern bis hin zu süffisanten Blechbläsern einfach ein makelloser Wagner-Sänger.

In der Titelpartie beeindruckte Corby Welch. Dass der aus den USA stammende Künstler anfangs nicht gerade dem Legato huldigte, war wohl Tannhäusers wütendem Verdruss über sich selbst beziehungsweise seiner erotischen Übersättigung geschuldet. Mit Camila Ribero-Souza (Elisabeth) und Sayaka Shigeshima (Venus) waren die weiblichen Hauptrollen ausgezeichnet besetzt. Beide Sängerinnen agierten auch darstellerisch souverän. Elisabeth ließ bei der Begrüßung der teuren Halle ihre ungebrochene Lust auf neues Leben mit dramatischem Odem spüren; die Venus unterstrich ihre Anziehung durch voluminöses Changieren zwischen Sopran- und Altsphären.

Stürmischer Applaus und etliche Bravo-Rufe

Uwe Schenker-Primus war als Wolfram von Eschenbach eine Klasse für sich, und dies nicht nur wegen der sanften Lyrismen beim bekannten Gruß an den Abendstern. Nein, Uwe Schenker-Primus kostete seine Partie umfassend aus. Vom Konkurrenten Tannhäuser quasi wachgeküsst, ist der edle Wolfram erotisch derart infiziert, dass er dem treulosen Verführer an die Gurgel gehen muss. Anschließend schleppt sich der gute Wolfram in nachdenklicher Verwirrung die Himmelsleiter hinauf. Aber welcher Venus entgegen? Am Ende, nach einem kurzen Moment des Durchatmens, sah sich das Deutsche Nationaltheater Weimar durchbraust von einer verdienten Woge aus stürmischem Applaus und vielen Bravo-Rufen. „Im Genuss nur“, so der Protagonist, „erkenn ich Liebe!“ Eingeschlossen diejenige zur großen und großartig gemachten Oper.

Nächste Aufführungen: 22. April, 12. und 26. Mai