„Daniel wurde heiß geliebt, aber auch genauso gehasst”, so fasst es die langjährige Freundin Olivia Jones in der dreiteiligen ARD-Dokumentation „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ zusammen. Als der 17-Jährige durch „DSDS“ bekannt wurde, war er für die einen ein Star, für die anderen eine Witz- oder gar Hassfigur. Denn, wie die Journalistin Anja Rützel erklärt, waren queere Menschen Anfang der 2000er im TV auch immer eins: „Freaks” oder „schrille Paradiesvögel“ – und so auch Daniel. „Geschlechterrollen waren in der Unterhaltungsbranche, wie man sie im Fernsehen erlebt hat, komplett zementiert“, sagt sie.
Das, und auch, wie der Sänger später versucht, seriöser zu werden und schließlich, kurz vor seinem mysteriösen Tod 2018 auf einem Kreuzfahrtschiff, ein Leben als trans Frau mit dem Namen Lana Kaiser beginnen wollte, zeichnet die Doku nach. Dabei kommen Freundinnen, Ex-Freunde, Daniels Vater und Fans zu Wort. Das alles ist erstaunlich unaufgeregt und deshalb so bewegend. Während Einspieler zeigen, wie Daniel Küblböck in den 2000ern in den Medien auf eine groteske Art und Weise psychologisiert wurde, verzichtet die Doku vollkommen darauf – und hat genau darin ihre Stärke. Auch die mysteriösen Todesumstände, die an anderer Stelle wahrlich Stoff für ein komplettes True-Crime-Format liefern würden, werden zwar erzählt, aber eben nur als Teil des großen Ganzen.
Daniel Küblböck: Hass war immer auch ein Teil seines Lebens
Zuschauerinnen und Zuschauer kommen so Daniel Küblböck sehr nahe. Einem Menschen, der für viele Fans, wie etwa Philipp Gufler, damals so wichtig war, weil auch sie sich „irgendwie anders” fühlten. Gufler spricht von vielen jungen queeren Leuten in der Fangemeinde, die er „seine selbst gewählte queere Familie, die ich sonst nicht hatte” nennt und von den Konzerten als „Safe-Space”. Doch da ist auch immer die andere Seite. Beispielsweise die, bei der sich vornehmlich Männer in Online-Foren zusammentun, um Hass zu verbreiten oder massenhaft Konzerttickets kaufen, um den Sänger dort auszubuhen. Oder wie Moderator Riccardo Simonetti es sagt: „Menschen lieben es zu hassen.”
Und der Hass, das erfährt man schnell, zieht sich durch Daniels Leben. In seiner Autobiografie von 2003, „Ich lebe meine Töne“, beschreibt er seine Kindheit und Jugend. O-Töne daraus, die er selbst eingesprochen hat, werden immer wieder eingespielt und erwecken so den Eindruck, als hätte er selbst an den Filmen mitgewirkt. Nach der Trennung der Eltern lebte Küblböck zunächst bei seiner Mutter, die seinen Schilderungen zufolge alkoholkrank war und ihn misshandelte. „Du bist nichts und du wirst nichts werden”, soll sie ihm gesagt haben. „Wenn meine Mutter diesen Satz nicht gesagt hätte, wäre ich heute nicht da, wo ich bin”, sagt Küblböck später in einer Talkshow. „Aus diesem Grund bin ich immer wieder aufgestanden. Um zu zeigen, dass das nicht so ist. Das werde ich jedem immer wieder beweisen.”
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Eine queere Lebensgeschichte in den 2000ern
Damals, im Jahr 2002, ist der Hype um die erste Staffel „DSDS” riesig. Daniels Hater, wie man sie heute nennen würde, werfen ihm vordergründig vor, dass er nicht singen kann. Hintergründig geht es aber um so viel mehr. Da ist ein Jugendlicher, der „irgendwie anders” ist. Einer, der bunte, ausgefallene Klamotten – manchmal sogar einen Rock – und lange Haare trägt. Einer, der von sich sagt: „Ich fühle mich nicht männlich, ich fühle mich nicht weiblich. Ich fühle mich – gut.” Einer, der sich weder in die Schublade männlich, noch in die Schublade weiblich quetschen lässt – und das in einer Zeit, in der Selbstbezeichnungen wie non-binär für einen Großteil der Gesellschaft absolute Fremdwörter gewesen sein dürften. In einer Zeit, in der selbst die eigene Community durchtränkt war von Homophobie. „Die Community war leider nicht so für ihn da, weil sie ihn immer als Klischeeschwulen abgestempelt hat”, sagt Olivia Jones.
„Daniel ist ein Wegweiser gewesen, was Geschlechterrollen, Diversität und Sexualität angeht”, sagt Daniels Ex-Freund Robin Gasser. Und Riccardo Simonetti findet: „Ich weiß nicht, ob sie sich selbst so als queeres Vorbild gesehen hätte. Sie ist auf jeden Fall ein queerer Meilenstein, der es verdient hat, nicht ausradiert zu werden.” Heute, so glaubt No-Angels-Sängerin Lucy Diakovska, müsste sich Lana Kaiser kein anderes Image mehr zulegen. „Jemand wie Lana würde heute eine ganz andere Bühne und Akzeptanz bekommen. Ich glaube, dass jemand wie Lana heute viel für Aufklärung sorgen könnte, für die queere Community“, sagt sie.
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Aus Daniel Küblböck wird Lana Kaiser
Das andere Image zeigt die Doku auch. Daniels Weg hin zum Mann mit kurzen Haaren, Bart und Freundinnen, die er in der Öffentlichkeit zeigt. Hin zu jemanden, der auf Mallorca ein Leben in weitestgehender Anonymität verbringt und von der Millionärin Kerstin Elisabeth Kaiser, die er „Omi“ nennt, adoptiert wird. Bis hin zur Schauspielausbildung in Berlin.
Was in der Zeit in Berlin passiert ist, ist unklar. „Für mich ist die Schauspielausbildung ein Schlüsselmoment“, sagt Robin Gasser. „Ich weiß nicht, was da vorgefallen ist.” Ehemalige Kommilitonen und Kommilitoninnen erzählen, dass er, bis dato untypisch für ihn, stark betrunken bei Proben aufgetaucht sein soll, den Proberaum verwüstet und Kostüme zerschnitten haben soll. Schließlich wurde er der Schule verwiesen. Daniel hatte zu dem Zeitpunkt keinen Partner und auch wenig Kontakt zu Freundinnen und Freunden.
2018 schrieb Küblböck in den sozialen Medien, sie wolle fortan eine weibliche Geschlechtsidentität annehmen. „Ich nehme schon Hormone und bin auf dem richtigen Weg, eine Frau zu werden“, schrieb sie. Ihr neuer Name solle Lana Kaiser sein. Im September 2018 bestieg sie schließlich ein Kreuzfahrtschiff, das von Hamburg nach New York fuhr. Am 9. September 2018 war sie auf hoher See verschollen, vor der Küste Neufundlands. Kurz zuvor hatte sie ihrem Ex-Freund Manuel Pilz eine Sprachnachricht hinterlassen. Diese ist erstmals in der Doku zu hören. „Hallo Manuel, ich bin’s, der Daniel, also die Lana eigentlich“, sagt sie darin. „Ich wollte dir nur sagen, ich möchte gerne von diesem Schiff hier runter und ich würde gerne nach New York fliegen. Auf dem Schiff klappt irgendwie nichts, wie ich das will.“ Obwohl nie eine Leiche gefunden wurde, erklärte ein Gericht Lana Kaiser 2021 für tot.
Anmerkung der Redaktion: Daniel Küblbock lebte zuletzt als Lana Kaiser. Im Text werden beide Namen sowie männliche Pronomen aufgeführt, da seine Person vor allem als Daniel Küblbock bekannt wurde, ihre trans Identität aber respektiert werden soll.
Anmerkung der Redaktion
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