Sandra Maischberger widmet ihre Sendung an diesem Mittwoch gleich mehreren Krisen: dem Krieg in der Ukraine, der politischen Lage in den USA und den Spannungen in der deutschen Innenpolitik. Zu Gast sind der ARD-Ukraine-Korrespondent Vassili Golod, der frühere deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, der Kabarettist Vince Ebert, die taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann, Theo Koll, langjähriger Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios sowie Schauspieler und Autor Sky du Mont.

Ukraine-Korrespondent Golod: „Du liegst im Bett, die Sirenen gehen los“ 

Vassili Golod, seit zwei Jahren für die ARD in der Ukraine, beschreibt den Alltag unter russischen Angriffen: „Du liegst im Bett, die App geht an, Sirenen kommen, du hörst Explosionen.“ Er habe keinen Keller, sagt er, deshalb sitze er im Flur. „Du spürst die Erschütterungen und siehst, dass Drohnen in Wohnhäuser eingeschlagen sind.“ 

Der Reporter beschreibt, wie die Attacken inzwischen das gesamte Land treffen – nicht nur die Frontgebiete im Osten. Besonders heftig sei die Lage in Pokrowsk: Russische Truppen rückten „ohne Rücksicht auf eigene Verluste“ vor. Die Stadt sei nach ukrainischen Angaben umkämpft, nicht gefallen. Dass sie dennoch verteidigt werde, habe auch politische Gründe: „Man will Russland keinen Propagandasieg geben – und verhindern, dass Putin mit Bildern aus Pokrowsk zu Trump geht und sagt: Seht her, es läuft.“

Rüdiger von Fritsch: „Putin muss liefern“ 

Rüdiger von Fritsch, ehemaliger deutscher Botschafter in Moskau, ordnet die Lage ein: „Nachdem seine erste Angriffsidee gescheitert ist, hat Putin auf einen zermürbenden Krieg umgestellt.“ Russland habe 16 von 38 Raffinerien getroffen bzw. zeitweise außer Betrieb gesetzt, sagt der Diplomat. An vielen Orten stünden Menschen Schlange an den Tankstellen. „Wenn Putin solche Opfer verlangt, muss er am Ende etwas liefern.“

Der frühere Botschafter spricht von einem hybriden Krieg, der längst auch Europa betrifft: „Russland führt einen Krieg, der uns spalten soll – mit billigen Mitteln, die große Wirkung haben.“

Antisemitismus-Debatte über den neuen Bürgermeister von New York 

Maischberger weitet den Blick: In New York wurde der Demokrat Zohran Mamdani zum ersten muslimischen Bürgermeister gewählt. Kabarettist und Physiker Vince Ebert, nennt ihn „Marxist, Sozialist, Antisemit“. Da widerspricht Theo Koll, langjähriger Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios: „Einspruch – was ich bisher von ihm gelesen habe, ist er kein Antisemit.“ „taz“-Journalistin Ulrike Herrmann ergänzt: „Kritik an Israel muss erlaubt sein. Viele Juden haben ihn unterstützt – darunter Nobelpreisträger.“

Koll beschreibt Mamdani als Politiker, der mit sozialen Themen punkten will: kostenlose Kitas, staatliche Supermärkte, höhere Steuern für Wohlhabende. Maischberger lässt die unterschiedlichen Einschätzungen nebeneinanderstehen.

Streit um Friedrich Merz’ „Stadtbild“-Aussage bei Maischberger 

Zurück zur deutschen Innenpolitik. Die „Stadtbild“-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz sorgt auch in dieser Runde für Kontroversen – als sei sie noch nicht genügend besprochen. Theo Koll nennt sie „extrem missverständlich“. Ulrike Herrmann geht weiter: „Das ist ganz klar rassistisch. Wenn man sagt, es gibt ein Problem mit dem Aussehen von Leuten, wird gesagt: Wer nicht deutsch aussieht, ist ein Problem.“

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Die Kritik bleibt nicht ohne Widerspruch. Vince Ebert hält dagegen und spricht von einer Realität, die viele Menschen im Alltag wahrnähmen: „Wir müssen Weihnachtsmärkte mit Betonpollern schützen. Wenn ich das anspreche, sagen viele: Endlich sagt es mal jemand.“ Es ist, als hätte jemand die Debatten der vergangenen Wochen einfach neu zusammengeschnitten.

 Vince Ebert: „Man darf heute nicht mehr alles sagen“ 

Ebert weiter: „Wenn so viele Leute das Gefühl haben, sie könnten nichts mehr sagen, muss man das ernst nehmen.“ Theo Koll widerspricht: „Wir können sagen, was wir wollen. Aber die sozialen Medien treiben die Radikalisierung.“ Ulrike Herrmann ergänzt, dass dort, wo viele Migrantinnen und Migranten leben, kaum jemand AfD wähle – und wo keine leben, umso mehr. 

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Nach der intensiven politischen Diskussion wird es persönlicher. Sky du Mont, 77, Schauspieler und Autor, spricht über das Ende seiner Filmkarriere. „Ich habe keine Lust mehr. Nach 55 Jahren möchte ich etwas anderes machen.“ Maischberger fragt, ob ihn dieser Abschied auch freier mache – und ob er den aktuellen öffentlichen Debatten noch folgt.

Du Mont erzählt, wie sich Humor und Sprache aus seiner Perspektive verändert haben. „Wenn ich jemanden ‚Indianer‘ nenne, ihn aber behandele wie meinen besten Freund, habe ich nichts Schlimmes gemacht“, sagt er und spricht über das Gefühl, dass Menschen sich heute zu schnell verurteilen. „Wir überschlagen uns in diesem Land. Seien wir doch normal, nett zueinander.“ 

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„Ich habe lieber eine syrische Familie als Nachbarn als einen Nazi“

Auf Maischbergers Nachfrage zu einem älteren Interview reagiert er deutlich: „Ich habe lieber eine syrische Familie als Nachbarn als einen Nazi.“ Der Satz fiel 2015 im Kontext der damaligen Flüchtlingsdebatte; die heftigste Kritik kam damals vor allem aus rechten und rechtspopulistischen Kreisen in sozialen Netzwerken, wo ihm „Deutschenfeindlichkeit“ unterstellt wurde. Heute sagt er: „Das sehe ich genauso. Und es hat mich nicht wirklich gestört.“

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#27 Dorothee Bär über Kinder im Bundestag und den Feminismus-Faktor von Friedrich Merz
Meine schwerste Entscheidung
 

Zur FDP, der er früher angehörte, sagt er: „Das war nicht mehr meine FDP. Ich bin ein liberaler Mensch, aber Liberalität scheint heute überall schwer zu haben.“

„Stadtbild“-Debatte auserzählt – Talkshows brauchen neue Themen

Am Ende bleibt der Eindruck einer Runde, die mehr über den Zustand der öffentlichen Debatte erzählt als über deren Inhalte. Über Krieg, Antisemitismus, Sprache – alles Themen, die berechtigt sind, aber in dieser Kombination wie aus dem Archiv der letzten Wochen wirken. 

Gerade die „Stadtbild“-Diskussion hat ihre Halbwertszeit überschritten. Die Positionen sind bekannt, die Argumente ausgetauscht. Vielleicht wäre es Zeit, dass Talkshows den Blick wieder weiten: auf Themen, die noch nicht von Empörung und Wiederholung bestimmt sind.