Thüringerin musste ihren Mann mutterseelenallein gehen lassen

Bösleben.  Eine Thüringerin berichtet darüber, wie sie von ihrem Mann in der Corona-Krise nicht richtig Abschied nehmen konnte und ihr Schmerz und ihre Trauer deshalb unermesslich sind.

Als Wilfried N. im März seiner schweren Krebserkrankung erlag, durfte seine Frau nicht bei ihm sein und auch nicht seine Hand halten. Als genauso grausam empfand sie es, dass an der Urnentrauerfeier nur neun Personen teilnehmen durften, obwohl sie im Freien stattfand. Lydia N. empfindet solche Restriktionen als unmenschlich (Symbolfoto).

Als Wilfried N. im März seiner schweren Krebserkrankung erlag, durfte seine Frau nicht bei ihm sein und auch nicht seine Hand halten. Als genauso grausam empfand sie es, dass an der Urnentrauerfeier nur neun Personen teilnehmen durften, obwohl sie im Freien stattfand. Lydia N. empfindet solche Restriktionen als unmenschlich (Symbolfoto).

Foto: Felix Kästle / dpa

Ein gutes halbes Jahr ist es jetzt her. Doch Lydia N.* (Namen redaktionell geändert) aus Bösleben (Ilm-Kreis) stehen die Ereignisse jener Tage im März und April deutlicher denn je vor Augen. Denn längst haben sich zu ihrem Schmerz Wut und Unverständnis gesellt. Lydia N. hat sich wegen der strengen Corona-Bestimmungen weder von ihrem schwerst kranken Mann verabschieden noch ihm nach seinem Tod in einer Weise das letzte Geleit geben dürfen, die sie für angemessen gehalten hätte. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Mehr als zwei Jahre hat Wilfried N. tapfer gegen seine schwere Krebserkrankung gekämpft. Schon im Frühjahr 2018, als er im Helios-Klinikum Erfurt die Diagnose erhielt, dass ein bösartiger Tumor sich im gesamten Bauchraum ausgedehnt und Metastasen gebildet hatte, war seine Prognose nicht gut. Lydia N. kann sich noch genau daran erinnern, wie ihr der behandelnde Arzt damals in einem Vier-Augen-Gespräch erklärte, wie schlecht es um ihren Mann steht. Alle Therapien, sagte er ihr, seien nun nichts als der Versuch, dem Krebs Einhalt zu gebieten und das Leiden zu lindern. „Mir war damals schon klar, dass mein Mann keine Chance hat“, sagt die 63-Jährige rückblickend. „Aber er hat trotzdem gekämpft.“

Wilfried N. ließ mehr als zwei Dutzend Chemotherapien und mehrere Operationen über sich ergehen. Es ging ihm, sagt seine selbst an Krebs erkrankte Frau, in dieser Zeit „sehr dreckig“. Und natürlich litt die Familie mit ihm mit – nicht zuletzt wegen der durch die Chemotherapien hervorgerufenen Wesensveränderung, die aus dem sonst so fürsorglichen, stets um das Wohl seiner Lieben bedachten Ehemann, Vater und Großvater zeitweise einen unleidlichen, oft extrem gereizten Patienten machten.

Plötzlich wollte er nicht mehr über die Krankheit reden

Nach den Therapien fühlte sich Wilfried N. zunächst besser – bis er sich wegen einer schweren Thrombose im rechten Bein erneut mehrfach in stationäre Behandlung begeben musste. Dennoch rappelte er sich immer wieder auf. Zwischenzeitlich war er sogar soweit wieder hergestellt, dass er stundenweise arbeitete und Lieferdienste mit einem Transporter übernahm. „Das hat ihm sehr viel Freude gemacht“, sagt seine Frau.

Dann aber der Rückschlag: Anfang Januar 2020 rief Wilfried N. seine Frau von der Arbeit aus an. Sie müsse ihn abholen, er könne nicht mehr laufen. Wieder wurde der 68-Jährige im Erfurter Klinikum untersucht. Die Ärzte entdeckten einen neuen Tumor – „und an dieser Stelle, vermute ich, hat mir mein Mann nicht die volle Wahrheit gesagt“. Lydia N. ist sich sicher, dass ihr Mann zu diesem Zeitpunkt längst wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt, er sie aber nicht beunruhigen und ihr nicht das letzte bisschen Hoffnung rauben wollte. „Er wollte mich schützen.“

Jede Nachfrage habe er heftig abgewehrt

Aber natürlich entging ihr nicht, dass er nach der Entlassung aus der Klinik zusehends schwächer wurde und immer häufiger Ruhepausen brauchte: „Wir haben Schafe und Hühner und ein großes Grundstück. Um all das hat er sich weiterhin gekümmert, obwohl er nur sehr schlecht laufen konnte. Spätestens nach einer halben Stunde musste er sich wieder hinlegen.“ Mit seiner Frau über die Krankheit sprechen aber wollte er auf gar keinen Fall, jede Nachfrage habe er heftig abgewehrt.

Dann kam der 6. März: Wilfried N. füllte noch den Holzvorrat für die Heizung auf, dann legte er sich sofort zu Bett. Lydia N.: „Da war mir klar, hier stimmt was nicht.“ Ihr Mann habe hohes Fieber gehabt und sei extrem geschwächt gewesen. Als sie den ärztlichen Notdienst rief, habe man ihr zunächst geraten, ihren Mann doch selbst mit dem Auto ins Krankenhaus zu bringen. „Aber das hätte ich nicht geschafft, wie sollte er denn die Treppe herunterkommen?“ Es habe, berichtet Lydia N., mindestens zehn Anrufe gebraucht, bis die Notärztin und der Rettungswagen endlich kamen. Denn längst sei wegen Corona alles in Alarmbereitschaft gewesen – und bei einem fiebernden Patienten habe jeder sofort an das Virus gedacht.

Morgens um kurz vor 9 Uhr kam der Anruf

Wieder wurde Wilfried N. ins Erfurter Klinikum gebracht, seine Frau fuhr mit einer eilends gepackten Tasche hinterher. Wenige Tage später hatte sie erneut ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt: Ihr Mann, erklärt er Lydia N., werde sterben. Aber niemand wisse, wie lange das dauere. Ob Wochen, Monate oder ein Jahr. Dann aber ging es sehr schnell: Als Lydia N. ihren Mann am 14. März besuchen wollte, hatte man ihn schon auf die Palliativstation verlegt. „Plötzlich durfte ich mich nicht mehr frei auf dem Klinikgelände bewegen. Um zu meinem Mann zu kommen, musste ich mich am Haupteingang melden und zur Station bringen lassen.“ Es war das letzte Mal, dass sie ihn auf Station besuchen, in seiner Nähe sein und seine Hand halten durfte.

Das letzte Mal lebend gesehen hat sie ihn am 23. März: „An diesem Tag war das Wetter so schön, dass eine Schwester das Bett meines Mannes ans geöffnete Fenster schob und ich von draußen mit ihm reden durfte.“ Lydia N. erzählte ihrem Mann bei dieser Gelegenheit, dass sie alles vorbereitet hatte, um ihn nach Hause zu holen: ein Zimmer renoviert, ein Pflegebett bestellt, einen Palliativpflegedienst organisiert.

„Ich habe mit ihm gesprochen, anderthalb Stunden lang“

Aber es war zu spät. Am nächsten Morgen um kurz vor 9 Uhr kam der Anruf. Der Arzt teilte Lydia N. mit, dass ihr Mann um vier Uhr morgens verstorben ist. Sie könne, sagte er, jetzt in die Klinik kommen und sich solange von ihm verabschieden, wie sie wolle. „Das muss man sich einmal vorstellen“, ist Lydia N. noch immer empört. „Bei meinem sterbenden Mann durfte ich nicht sein, bei meinem toten Mann aber schon? Das ist doch unmenschlich.“ Sie habe, erzählt sie weiter, sich natürlich nicht dazu in der Lage gefühlt, nach Erfurt zu fahren, habe stattdessen ein Bestattungsinstitut damit beauftragt, ihren Mann abzuholen und in seinen Räumen aufzubahren. Dort habe sie sich dann von ihm verabschiedet. „Ich habe mit ihm gesprochen, anderthalb Stunden lang. So, wie ich auch heute immer noch mit ihm spreche.“

Die Urnenbeisetzung fand am 2. April statt. Nur neun Personen durften dabei sein. „Das Bestattungsunternehmen hat sich sehr viel Mühe gegeben, ein Mitarbeiter sprach mitfühlende Worte. Aber eine richtige Grabrede gab es nicht. Es war eben nur eine Urnenbeisetzung“, sagt Lydia N. traurig. „Wir haben viel Verwandtschaft, außerdem war mein Mann lange bei der Feuerwehr aktiv und im Ort sehr geschätzt und beliebt. Dabei fand die Beisetzung im Freien statt, man hätte doch Abstand zueinander halten können. Aber nein, es war nicht möglich.“

Nur neun Personen durften bei der Urnenbeisetzung dabei sein

Vor allem ein Bild hat sich Lydia N. eingeprägt: Wie eine Tante ihres Mannes ganz allein hinter dem Zaun zum Friedhof stand, um sich doch von ihrem Neffen verabschieden zu können. „Dieses Bild kriege ich einfach nicht aus dem Kopf.“

Wie viele Menschen ihren Mann mochten, das habe sie am Tag nach der Urnenbeisetzung nicht nur an dem Meer an Blumen und Kränzen ablesen können, das am Grab abgelegt worden war, sondern auch an mehr als 300 Kondolenzbriefen. „Ich war aber mindestens eine Woche nicht in der Lage, sie zu öffnen“, sagt Lydia N. Als sie später gelesen habe, dass sich selbst Thüringens Ministerpräsident nicht an die Vorschriften gehalten habe und zur Trauerfeier für eine Nachbarin gekommen sei, habe sie sich über die Restriktionen noch mehr geärgert. Die Tatsache, dass sie ihren Mann mutterseelenallein gehen lassen musste und in den Tagen und Wochen nach seinem Tod abgesehen von ihrer Familie von niemandem in den Arm genommen werden durfte, mache es ihr nahezu unmöglich, über den Verlust hinwegzukommen. „Ich kam monatelang nicht aus den Tränen heraus.“

Erinnerungen an den Tod ihres ersten Kindes werden wach

Schließlich hat Lydia N. es schon einmal erlebt, dass sie sich von einem lieben Menschen nicht richtig verabschieden konnte: Das erste Kind, das ihr und ihrem Mann 1977 geboren wurde, verstarb gleich nach der Geburt. „Wir haben damals die Sterbeurkunde und die Urkunde über die Einäscherung bekommen, das war’s.“ Niemand habe sich danach erkundigt, wie es ihr und ihrem Mann gehe, niemand sie in dieser Phase begleitet oder psychologische Hilfe angeboten. Man habe das Ganze vielmehr totgeschwiegen und erwartet, dass sie nach kurzer Zeit zur Tagesordnung übergehe. Jetzt aber sei die alte Wunde wieder aufgebrochen, ihr Leid umso größer.

Lydia N. ist dankbar, dass sie demnächst zur Reha in eine psychosomatische Klinik gehen darf; sie hofft, dass ihr der Aufenthalt bei der Trauerbewältigung hilft. Ansonsten versucht sie, ihrem Alltag durch die Dinge Struktur zu geben, um die sie sich kümmern muss: Sie sieht nach ihrer pflegebedürftigen Mutter, holt die jüngeren Enkelkinder mehrmals die Woche ab, versorgt ihre Tiere. Tochter und Sohn unterstützen sie, wo es nur geht, sind aber natürlich selbst noch gefangen in ihrer Trauer. Lydia N. stellt die Corona-Hygieneregeln nicht infrage, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen, ist für sie „Normalität“. Aber sie ahnt, dass es noch lange dauern wird, bis sie sich an den Gedanken gewöhnt hat, dass ihr Wilfried nie mehr wiederkommen wird: der Mann, mit dem sie 46 Jahre zusammen und fast 44 davon verheiratet war. „Ich habe in jedem Zimmer ein Foto von ihm stehen, daneben eine Kerze“, sagt sie. „So ist er immer bei mir.“