Mit sonnenverbrannten Nasen, müden Knochen und verstaubten Schuhen sind die insgesamt rund 150.000 Besucher von „Rock am Ring“ in der Eifel und „Rock im Park“ in Nürnberg nach Hause zurückgekehrt. Und mit ziemlich vielfältigen Festivalerfahrungen. Thüringer Livemusikfreunde reisten aufgrund der guten Verkehrsanbindung vor allem ins Frankenland.
Doch bevor Die Ärzte, The Smashing Pumpkins, Slayer und Dutzende weitere Bands aus der Rock-, Pop- und Metalwelt Stürme der Begeisterung entfachen, ist der Ärger groß: Viele der mobilen Toilettenwagen geben gleich am Freitag ihren Geist auf, nichts fließt mehr ab, sondern irgendwann nur noch über – Frauen und Männer schlagen sich daraufhin verärgert zwischen die wenigen Bäume und Büsche, die nicht von Bauzäunen versperrt sind.
Der Veranstalter reagiert auf die Störungen im Abflusssystem so gut er kann und lässt über Nacht mehrere Hundert klassische Dixi-Toiletten aufs Gelände karren – für die Besucher nicht die feinste Lösung, aber zumindest eine effektive.
Highlights: Kadavar und Feine Sahne Fischfilet
Somit rückt wieder in den Fokus, weshalb viele bereits seit Jahren an den Dutzendteich reisen: die Musik. Und die Chance, auch so manche Band zu sehen, die nicht allzu oft auf hiesigen Bühnen zu erleben ist. Es spricht für den Mut der Programmgestalter, dem zwar ziemlich genialen, aber doch recht kauzigen Quartett Tool am Sonntagabend zur besten Spielzeit die Hauptbühne zu überlassen.
Wesentlich zugänglicher zeigen sich Die Ärzte, die zwar recht routiniert zu Werke gehen, dafür aber viele zeitlose Songs zum Besten geben, um vor der Bühne gleich mehrere Generationen zum Singen und Tanzen zu bewegen. Weitaus mehr Energie – sowie literweise Bier und Pfeffi – versprühen Feine Sahne Fischfilet, deren rotziger Ton einigen sauer aufstoßen mag – aber dafür direkt ins Herz der Jugend trifft.

Mindestens ebenso intensiv, wenn auch musikalisch auf ganz anderen Wegen gehen es Kadavar an. Das Trio mit dem gebürtigen Thüringer Christoph „Lupus“ Lindemann an der Gitarre macht schon nach wenigen Takten seines leicht psychedelisch angehauchten Heavyrock deutlich, dass es für ein eindrucksvolles Konzerterlebnis neben drei talentierten Musikern eigentlich nur eines braucht: Leidenschaft. Die neun US-amerikanischen Maskenstars von Slipknot können insofern froh sein, dass sie abends die Hauptbühne für sich allein haben. Trotz irrwitziger Sounds, beweglichen Bühnenelementen und imposanter Lichtshow hätten Kadavar sie vermutlich an die Wand gespielt.
Überhaupt können sich diejenigen Besucher glücklich schätzen, die trotz der Fülle großer Namen hin und wieder Richtung Hallenbühne spazieren und so die ein oder andere Entdeckung machen. Hinsichtlich brachialer Intensität kann in diesem Jahr kaum jemand der Truppe Beartooth aus Ohio das Wasser reichen. Riesige Moshpits, Dutzende Crowdsurfer innerhalb weniger Minuten, rasende Begeisterung bis in den letzten Winkel der proppevollen Arena. Die derzeit pausierenden Heaven Shall Burn müssen aufpassen, dass der Nachwuchs nicht die Metallsäge an ihrem Thron ansetzt.
Slash vereint junges und junggebliebenes Publikum vor der Bühne
Hin und wieder spaltet die musikalische Vielfalt des Festivals das Publikum: So mancher langbärtige Bluesrocker wundert sich über den Zuspruch, den die südafrikanische Rap-Rave-Formation Die Antwoord genießt, und auch die Schnittmenge der Amon-Amarth-Anhängerschaft und dem Marteria-Publikum bleibt überschaubar, doch das gehört zum Festival dazu. Wer neugierig ist, geht auf Erkundungstour, der Traditionalist darf in seiner Nische bleiben. Nur wenn Slash zur Gitarre greift, sind sich so gut wie alle einig: Auch wenn der aufkommende Wind die Solomelodien leicht verweht, kann man von seinem Spiel einfach nicht genug bekommen.
Übrigens: 2020 wird Jubiläum gefeiert – 35 Jahre „Rock am Ring“ und 25 Jahre „Rock im Park“. Wer dann auftreten wird, wurde bislang nicht verraten, doch angesichts der Fülle der noch immer tourenden Bands aus den Neunzigern, diverser Altstars sowie vieler hungriger und professionell agierender Newcomer, dürften auch die nächsten Auflagen der beiden großen Festivals gesichert sein.
Martin Moll


