Burg Großbodungen steht zum Verkauf

Großbodungen  Die Burg Großbodungen steht zum Verkauf. Die Besitzer wollen das Eichsfeld wieder verlassen.

Die Burg ist kernsaniert, steht zum Verkauf. Gerlinde und Raban von Westphalen haben lange mit der Entscheidung gerungen.

Die Burg ist kernsaniert, steht zum Verkauf. Gerlinde und Raban von Westphalen haben lange mit der Entscheidung gerungen.

Foto: Eckhard Jüngel

Der Tee fließt goldbraun in die feinen Porzellantassen, der Frankfurter Kranz duftet verführerisch. Doch die Stimmung in der Burg Großbodungen ist gedrückt. „Ja, wir werden das Eichsfeld verlassen“, bestätigt der Graf. „Wir haben uns diese Entscheidung wahrlich nicht leicht gemacht“, nickt seine Gattin Gerlinde. „Aber wir sehen keine Möglichkeit, hier noch lange ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen“, fügt Graf von Westphalen hinzu.

Die Burg steht zum Verkauf. In wenigen Tagen wird auch die Kemenate – in der Galerien, Vorträge und Ausstellungen ihr Zuhause haben – zu haben sein.

1994 kam das Ehepaar ins Eichsfeld, übernahm die Bodunger Burg und sanierte sie von der Kernsubstanz her streng nach Denkmalschutz. Zum Verkauf steht sie für 730 000 Euro. „Wir geben sie mit für uns hohen finanziellen Verlusten her.“ Es gibt viele Gründe für den Entschluss, dem Eichsfeld den Rücken zu kehren. Es sind vor allem Gründe politischer Natur. Aber auch soziale. „Großbodungen hat in den vergangenen Jahren viel von seiner Leistungskraft verloren“, sagt Gerlinde von Westphalen. „Ein Supermarkt hat geschlossen, die Post ist weg, man muss mindestens zehn Kilometer fahren, um einen Brief frankieren zu lassen. Der Friedhof ist ein Problem, und die Gemeinde verfällt zusehends“, zählt sie auf. Nicht zuletzt sei das soziale Klima im Ort denkbar schwierig. Die Mauern in den Köpfen zwischen Ost und West seien so hoch wie nie, meint Raban von Westphalen.

Als das Paar vor 23 Jahren nach Großbodungen kam, habe man die Burg und später die Kemenate nicht aus persönlicher Arroganz heraus saniert oder um auf die Menschen hochnäsig herabblicken zu können. „Im Gegenteil“, sagt er. Er nennt ein aktuelles Beispiel: In der Galerie war eine große Reformationsausstellung zu sehen. Es kamen sehr viele Besucher aus ganz Deutschland, aus Hamburg oder auch Frankfurt. Aber nicht aus Großbodungen. „Nicht einmal die Pastorin.“

An den sozialen Kontakten könne es nicht liegen, zum Burgforum zählen rund 50 Leute aus der gesamten Region. Aber eben nur wenige aus Großbodungen. Bereits 1994 mit der Übernahme der Burg habe es Drohbriefe gegeben. Bündelweise. Und der Lack der gräflichen Autos wurde zerkratzt. „Das haben wir alles in Kauf genommen“, so die Gräfin.

Womit beide aber nur schwer leben können und es auch nicht mehr wollen, sei das politische Klima im Eichsfeld. Vor allem in den beiden vergangenen Jahren, als die Debatte um die Gebietsreform immer heftiger wurde, sei keine sachliche Diskussion mehr möglich gewesen. „Wenn man Begriffe hört, wie die DDR sei zurück oder ,kulturelle Amnesie‘, dann möchte man einfach nicht mehr“, sagt der Politikwissenschaftler. Aber es sei auch ins ganz Persönliche gegangen.

„Ich möchte nicht mehr ertragen, dass meine Frau als ,rot-grüne Seuche‘ beschimpft wird.“ Gerlinde von Westphalen gehört seit mehreren Legislaturen dem Kreistag an, seit der laufenden ist sie fraktionslos. „Und ich werde mein Mandat bis zum Ende der Wahlperiode engagiert weiter wahrnehmen“, sagt sie. Aber noch einmal werde sie nicht antreten. „Wir haben viel aushalten müssen.“ Man könne hart streiten, aber eben nicht unter der Gürtellinie.

Womit ihr Ehemann nicht mehr leben will, sei die „Autokratie des Landrates“. Er möchte nicht falsch verstanden werden, Werner Henning sei ein hochverdienter Mann. Im Jahr 2010 aber habe er auf Bitten des Landrates kostenlos ein Gutachten zu einer möglichen Gebietsreform erstellt. Darin habe er sich auch zur Notwendigkeit landsmannschaftlichen Verbundenheit bei einer Neugliederung geäußert. Das Verfassungsgericht in Weimar sei mit seinem Urteil nur der Rechtsprechung gefolgt. „Heute wird es dargestellt, als sei dies das Verdienst der Eichsfelder“, so der Graf. Das Heft wurde seinerzeit an alle Bürgermeister und Kreistagsmitglieder ausgereicht, sogar nachgedruckt. Heute wolle davon niemand mehr wissen. Und auch die ständig neuen Karten zur Gemeindefusion seien nicht Sache des Landrates, sondern die der Gemeinden

Raban von Westphalen nennt ein weiteres Beispiel: Die Deutsche Burgenvereinigung hat der Bodunger Burg 2012 den Denkmalpreis zuerkannt. „Dafür kann man sich nicht bewerben.“ Vom Landkreis sei ein Anruf an die Jury gegangen, dass die Burg dafür nicht reif sei, es genügend andere Objekte im Eichsfeld gebe. „Wir haben ihn trotzdem bekommen.“ Aber den Bürgermeistern sei nahegelegt worden, der Preisverleihung fernzubleiben, so der Graf.

Schon als persönliche Kränkung empfinden die von Westphalens einen weiteren Streit, der ihre denkmalgeschützte Burg betrifft. Im August 2013 brannte das Nachbarhaus nieder. Dort ist ein Neubau entstanden. Auch ein Zaun wurde neu gesetzt. „Aber nicht ortsüblich, sondern ein industrieller Metallzaun mit Kunststofflappen. Der liegt direkt am Burgturm an.“ Die Denkmalbehörde habe erst einen Tag nach Ablauf der Genehmigungsfrist eine Stellungnahme des Landesamtes für Denkmalpflege angefordert. Zu diesem Zeitpunkt war der Zaun aber schon genehmigt. Vom Landrat gab es einen Brief, man könnte die Sache mit den Nachbarn gerichtlich klären. „Unser Entschluss steht fest: Wir gehen“, sagt Gerlinde von Westphalen. Die Ausstellungen und Kulturveranstaltungen werden noch ein Jahr weiter gehen. Es gebe schließlich Verträge. Der genaue Zeitpunkt des Umzugs steht noch nicht fest. Der werde sich ergeben.

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