Thüringer Nazi-Glocken: Versprochene Hilfe vom Land nur leeres Versprechen

Erfurt.  Absagen von Staatskanzlei und Finanzministerium. Gemeinde in Rettgenstedt fehlt Geld für Versöhnungsglocke

Die Nazi-Glocke aus Tambach-Dietharz mit der Adolf Hitler gewidmeten Inschrift "Dem Christus der Deutschen" ist  nun Teil der Ausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939 bis 1945" im Eisenacher Lutherhaus. Sie ist die erste Glocke aus der Zeit des Dritten Reiches, die in einer Ausstellung zu sehen ist.

Die Nazi-Glocke aus Tambach-Dietharz mit der Adolf Hitler gewidmeten Inschrift "Dem Christus der Deutschen" ist nun Teil der Ausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939 bis 1945" im Eisenacher Lutherhaus. Sie ist die erste Glocke aus der Zeit des Dritten Reiches, die in einer Ausstellung zu sehen ist.

Foto: Hanno Müller

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Seit einem Jahr wird in Thüringen über Glocken mit Nazi-Symbolik in mehreren evangelischen Kirchen debattiert. Immerhin, alle kompromittierten Glocken würden schweigen, bestätigte Elke Bergt, Baureferentin der EKM, dieser Tage auf Nachfragte.

Eine Ausnahme bildet die Glocke in Bielen (Stadt Nordhausen). Wegen der Inschrift „Im Jahre der Heimkehr des Saarlandes 1935 Aufgehaengt im Turm zu Bielen 21.3.35“ sehe man dort keine Notwendigkeit für eine Abschaltung der Glocke, ihre Geschichte werde aber aufgearbeitet (siehe Übersicht zu den Thüringer Glocken).

Am weitesten ist man in der Bergkirche in Tambach-Dietharz. Mitte Dezember wurde dort eine neue Christusglocke geweiht. Sie ist damit das erste Geläut, das eine Naziglocke in Thüringen ersetzt. Die Glocke mit der Aufschrift „In Treue Dem Christus Der Deutschen“ befindet sich in einer Sonderausstellung zum Wirken der NS-nahen Deutschen Christen (DC) im Lutherhaus Eisenach.

Leere Versprechen der Landesregierung

Finanziert wurde die Tambach-Dietharzer Christusglocke je zur Hälfte von Kirchenkreis und EKM. Ursprünglich hatten auch die Landespolitik Unterstützung zugesagt. Im Frühsommer 2019 war in dieser Zeitung zu lesen, Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) habe vor Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche in Erfurt versichert, es gebe weiter die Bereitschaft des Landes, „kreativ zu schauen, wie wir auch finanziell helfen können“. Zuvor hatte bereits das Thüringer Finanzministerium Lottomittel für neue oder die Umarbeitung der historischen Glocken in Aussicht gestellt. Passiert ist nichts.

Zwei Absagen für Rettgenstedt

Hinsichtlich der zwei belasteten Glocken von Rettgenstedt nahm der zuständige Gemeindekirchenrat des Pfarrbereiches Kölleda-Ostramonda das Land beim Wort – und wurde enttäuscht. Vor Ort blättern der Vorsitzende Egbert Geissler und Mitarbeiterin Ines Köhler im Schriftverkehr. Um eine Versöhnungsglocke finanzieren zu können, wandte man sich Anfang August mit der Bitte um Lottomittel sowohl an die Staatskanzlei als auch ans Finanzministerium. Schon eine Woche später kamen die Absagen. Zufall oder nicht: beide waren auf den gleichen Tag datiert. Seitens der Staatskanzlei verwies man in Sachen Lottomittel auf das Finanzministerium, das wiederum erklärte zeitgleich, alle Mittel seien bereits gebunden, man könne es ja 2020 wieder versuchen.

Eine im September an Ramelow gerichtete persönliche Einladung zum Vorort-Gespräch blieb unbeantwortet. Und auch eine für gestern von der Staatskanzlei zugesagte Erklärung lag bis zum Redaktionsschluss nicht vor.

Nicht entmutigen lassen

Die Glocken sind nicht das einzige Problem der Rettgenstedter. Auch der marode Dachstuhl der Kirche muss saniert werden. Während man bei den Kosten dafür auch dank der Hilfe durch diverse Stiftungen optimistisch ist, hängt die Finanzierung der geplanten Versöhnungsglocke in der Luft. Angebote liegen vor, von der veranschlagten Gesamtsumme fördert die EKM den Ersatzneuguss einschließlich der Armatur (17.000 Euro) zur Hälfte. „Allein schaffen wir das nicht“, sagen Köhler und Geissler. Entmutigen lassen wollen sie sich bei der wichtigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht. So unterstützt man Schüler des Gymnasiums Kölleda, die begonnen haben, die Geschichte der beiden Naziglocken zu ergründen.

Hintergrund: Wie steht es um die Naziglocken in Thüringen

Maua (Jena), Kirche St. Laurentius: Glocke mit NS-Inschrift und Hakenkreuz aus dem Jahr 1937 wurde abgenommen und soll ausgestellt werden.

Leutersdorf (Schmalkalden-Meiningen), Kirche St. Veit Glocke von 1938 mit Hitler-Inschrift wird nicht mehr geläutet. Guss einer Versöhnungsglocke geplant, Kosten 9401 Euro, Finanzierung ist noch unklar.

Tambach-Dietharz (Gotha), Bergkirche: Glocke von 1938 mit Inschrift in der Sonderausstellung im Lutherhaus Eisenach, neue Versöhnungsglocke im Dezember geweiht, Kosten: 12.000 Euro (durch Gemeinde und EKM).

Oberdorla (Unstrut-Hainich-Kreis, Kirche St. Peter und Paul: Glocke von 1934 mit Hitler-Brustbild soll abgeschliffen werden.

Bielen (Nordhausen), Kirche St. Martin und St. Johannes: Glocke von 1935 wird als unbedenklich eingeschätzt und weiter geläutet.

Rettgenstedt (Sömmerda), Kirche St. Bonifacius: zwei Glocken von 1935 mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuz schweigen, Neuguss geplant, Kosten: 26.600 Euro, Finanzierung unklar.

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