Nicht mehr allzu lange, dann ist Deutschland genauso lang vereint wie das Land zuvor durch den Eisernen Vorhang im Kalten Krieg geteilt war. Doch nach bald vier Jahrzehnten drohen die Erinnerungen an die leidige Trennung zwischen Ost und West wie auch an die SED-Diktatur in der DDR zu verblassen, insbesondere durch den demografischen Wandel.

Täglich

Der Newsletter für das Eichsfeld

Alle wichtigen Informationen aus dem Eichsfeld, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Während die sogenannte Erlebnisgeneration zunehmend altert und abtritt, wächst die Anzahl derjenigen Menschen kontinuierlich, die über keine persönlichen Erfahrungen und bewussten Erinnerungen an die Zeit vor 1989 verfügen, weiß man in Asbach-Sickenberg.

Auch interessant

„Dass die Zeitzeugen naturgemäß immer weniger werden, ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen“, erklärt der Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund Christian Stöber. „Sie sind eine unersetzliche Quelle bei der Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit und bieten einen authentischen und emphatischen Zugang. Die Geschichte der deutschen Teilung, die für junge Menschen heute bisweilen abstrakt und fremd erscheinen mag, wird durch Zeitzeugen konkret, nahbar und lebendig.“

Zeitzeugeninterviews sichern Geschichte des Eichsfeldes für kommende Generationen

Von umso größerer Bedeutung sei es, mündliche Überlieferungen von Zeitzeugen als Videointerviews langfristig zu sichern und für Bildung und Forschung dauerhaft zugänglich zu machen. Vor diesem Hintergrund wird am Grenzmuseum Schifflersgrund seit 2020 diese ebenso wertvolle wie aufwendige Dokumentationsarbeit geleistet, ermöglicht durch eine jährliche Projektförderung durch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung, die unter dem Namen „Zeitzeugenmemorial“ auch 2026 fortgesetzt wird.

Auch interessant

Der Schwerpunkt liegt auf Zeitzeugen aus der hessisch-thüringischen Grenzregion zwischen Eichsfeld und Werratal im Dreieck von Heilbad Heiligenstadt, Eschwege und Witzenhausen. Das Themenspektrum erstreckt vom Kriegsende 1945 über das Alltagsleben beidseits der innerdeutschen Grenze bis hin zur Friedlichen Revolution, der Deutschen Einheit und den vielfältigen Umbrüchen seit 1990.

Dabei handelt es sich im Einzelnen um sehr unterschiedliche Biographien und Perspektiven. Die Liste der bisherigen Interviewpartner umfasst Opfer des SED-Grenzregimes, Fluchthelfer und DDR-Flüchtlinge, frühere Angehörige der Grenztruppen, ehemalige Mitarbeiter von Bundesgrenzschutz und Zoll, Geistliche, Bürgerrechtler oder auch Personen, die zeitlebens im DDR-Sperrgebiet oder im „Zonenrandgebiet“ der Bundesrepublik gewohnt und gearbeitet haben.

Auch interessant

Anne Schmidt, die am Grenzmuseum seit Anfang an für die praktische Umsetzung des Projektes verantwortlich ist, erläutert: „Uns interessieren weniger die oft ohnehin schon bekannten Erinnerungen von prominenten Zeitzeugen, sondern vielmehr die Erfahrungen ganz ‚normaler‘ Menschen, um zu verstehen und zu vermitteln, wie die Lebenswirklichkeit an der Grenze war. Die Zeitzeugen werden nicht primär zur Erklärung von historischen Entwicklungen und Zusammenhängen sondern vor allem als Experten ihrer eigenen Lebensgeschichte befragt.

Für Projekt gab es schon eine Nominierung für den Grimmepreis

Das bedeute schlichtweg: Erzählt werden soll einfach das, was man persönlich erlebt hat.“ In ihrer Vielfalt und Vielzahl zeichnen die Interviews eine vielschichtige Erfahrungsgeschichte der deutschen Teilung. Insgesamt wurden bislang 54 Zeitzeugeninterviews mit einer Laufzeit von zusammen mehr als 77 Stunden aufgezeichnet. Die älteste Person gehört zum Jahrgang 1930, die jüngste war zum Zeitpunkt der Aufnahme 52 Jahre alt.

Auch interessant

Der Ablauf orientiert sich an einer bewährten Schrittfolge. Nach der Recherche und Auswahl möglicher Interviewpartner erfolgen die jeweiligen Kontaktaufnahmen und Vorgespräche. Auf dieser Grundlage werden personalisierte Gesprächsleitfäden entwickelt, ehe das eigentliche Interview im Studio des Grenzmuseums stattfindet. In Ausnahmefällen kann das Interview auch in der Wohnung der Zeitzeugen durchgeführt werden, sofern diese nur noch eingeschränkt mobil sind. Anschließend werden die audiovisuellen Aufnahmen gesichert, sequenziert und transkribiert, heißt: gespeichert, geschnitten und verschriftlicht.

Zeitzeugenprojekt Eichsfeld
Junge Besucherinnen an einer von drei großen Zeitzeugenstationen in der neugestaltetenDauerausstellung des Grenzmuseums Schifflersgrund© Grenzmuseum Schifflersgrund | Dennis Klose

Sofern die Personen über relevante Dokumente, Fotos und Objekte verfügen und diese bereitstellen, werden diese im Original oder als Digitalisat ebenfalls in die Sammlung des Grenzmuseums aufgenommen. „Das Zeitzeugenarchiv versteht sich als wachsendes Gedächtnis an Teilung, Diktatur und Einheit“, betont Stöber. „Die Berichte der Zeitzeugen machen die Werte von Einheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit deutlich und helfen uns, Geschichte anschaulich und greifbar zu vermitteln und den gewandelten Anforderungen und Erwartungen an die historisch-politische Bildungsarbeit gerecht zu werden.“

Auch interessant

Eine Vielzahl der Interviews ist bereits in digitale Bildungsangebote wie eine virtuelle Lernlandschaft geflossen, die 2025 für den Grimme-Online-Award nominiert war. Zu finden ist sie unter www.grenzgeschichten.grenzmuseum.de.

Zudem können Besucher in der neugestalteten Dauerausstellung des Grenzmuseums mehr als 150 Videos von insgesamt 20 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hören und sehen. In Zusammenarbeit mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Point Alpha Stiftung werden die Interviews außerdem nach und nach in ein Internetportal eingestellt, das sich insbesondere an junge Menschen richtet und unter www.zeitzeugenmemorial.de bereit steht.

Lesen Sie auch

Interessierte Personen, die bereit sind, als Zeitzeugen am Projekt mitzuwirken, können sich gerne bei Anne Schmidt telefonisch unter 036087/979945 oder per Mail an zeitzeugen@grenzmuseum.de melden. „Ein lebendige Erinnerungskultur setzt Mitmachen voraus“, so Schmidt.„Jede einzelne Lebensgeschichte, die erzählt und festgehalten wird, ist ein Beitrag gegen das Vergessen.“

red