Zum dritten Mal in Folge fand am zweiten Fastensonntag in Gernrode ein Passionsspiel statt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, Besucher aus den Nachbargemeinden, aus dem Eichsfeld und sogar aus weiter entfernten Orten waren angereist, um die Aufführung mitzuerleben.

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Rund 50 Mitwirkende hatten das neue Stück in monatelangen Proben einstudiert und zogen die Gemeinde mit ihrem Spiel in den Bann. „Wir möchten den Menschen ermöglichen, das Leiden unseres Herrn in einem Anspiel mitzuerleben und sich so bewusst auf das Osterfest vorzubereiten“, erklärt Walter Preis von der katholischen Gemeinde in Gernrode, der das Passionsspiel mit vorbereitet. Das Stück sei so gestaltet, dass es auch für Kinder gut verständlich ist und die Aufführung nicht zu lang wird.
In diesem Jahr standen besonders viele Kinder, Jugendliche und neue Darstellerinnen und Darsteller mit auf der Bühne. Es wurden aufwendige Gewänder genäht, das Bühnenbild erweitert und für die Figur des Pilatus eine Statue mit der Aufschrift „SPQR – Senatus Populusque Romanus/Senat und Volk von Rom“ angefertigt. So nähert sich das äußere Erscheinungsbild des Passionsspiels jedes Jahr weiter den historischen Vorbildern an.
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Judas und Petrus stellen Fragen nach Schuld und Vergebung
Im Mittelpunkt der diesjährigen Aufführung stand die von vielen als undankbar empfundene Rolle des Judas. Mit besonderer Spannung warteten die Besucher auf seinen Auftritt. Judas begeisterte das Publikum mit einem eindringlichen Spiel: Er bekannte seinen Verrat an Jesus offen und suchte verzweifelt einen Ausweg aus seiner Schuld. Gleichzeitig stellte er der Gemeinde eine unbequeme Frage: Wer hat Jesus nicht selbst schon einmal verraten oder seinen Namen verleugnet?
Daran knüpfte die Szene an, in der Petrus seinen Herrn dreimal verleugnet. Der Blick auf Judas und Petrus lenkte die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Frage des Abends: Gelten Vergebung, Barmherzigkeit und Gnade – die tragenden Säulen des Christentums – nicht auch für Judas? Müsste man mit seiner Gestalt in der Verkündigung nicht oft nachsichtiger und weniger rigoros umgehen?
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Über diese Frage konnten die Besucher nachdenken, als Judas nachdenklich neben dem Kreuz saß und Christina Fütterer in eindrucksvoller Weise den angepassten Text des Liedes „Der Weg“ vortrug. Doch nicht nur die Judas-Szene prägte den Abend. Auch die anderen Stationen der Passion, die beiden Lektorinnen, die sorgfältig gestalteten Kostüme, das einfühlsame Orgelspiel zwischen den Szenen und weitere Gesangseinlagen trugen wesentlich zur Wirkung des Passionsspiels bei.
Während des gesamten Passionsspiels herrschte eine große Stille in der Kirche. Als Jesus das schwere Kreuz nach Golgota trug, war die Spannung und Ehrfurcht der Besucher förmlich zu spüren, so Preis.
Gemeinsames Gebet und Spendenaktion prägen das Passionsspiel
Zum Passionsspiel in Gernrode gehören traditionell auch gemeinsame Bitten. In diesem Jahr stand dabei besonders die Bitte um die schützende Hand des Herrn über die Familien im Mittelpunkt. Für viele wurde der Abschluss des Abends zu einem bewegenden Moment, als nach dem Segen gemeinsam das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ gesungen wurde.
Wie in den vergangenen Jahren diente das Passionsspiel auch einem guten Zweck: Ein Teil der Kollekte kommt einem sozialen Projekt zugute. In diesem Jahr erhält der Indienpatenschaftskreis Kirchworbis eine Spende für sein wichtiges Engagement.
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Warum gibt es in Gernrode jedes Jahr ein Passionsspiel? Damit reiht sich der Ort in eine alte Tradition ein: In mehreren Gemeinden Deutschlands werden regelmäßig Passionsspiele aufgeführt. Ähnlich ist es in Heiligenstadt, wo seit vielen Jahren am Palmsonntag eine Prozession mit gleichbleibenden Inhalten stattfindet. Wer danach fragt, findet gute Antworten – in der gelebten Frömmigkeit, im Gemeinschaftserlebnis und in der Möglichkeit, das Leidensgeschehen Christi mit allen Sinnen zu erfahren.
Der lang anhaltende Applaus am Ende der Vorstellung in Gernrode zeigte, wie sehr das Passionsspiel die Besucher bewegt hatte. Viele waren bereits bei früheren Aufführungen dabei und hatten sich auch in diesem Jahr bewusst wieder auf den Weg gemacht.
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Wer am zweiten Fastensonntag keine Zeit hatte, bekommt noch eine weitere Gelegenheit: Am Karfreitag wird das Passionsspiel in Gernrode erneut aufgeführt. „Wir freuen uns über alle, die sich mit uns gemeinsam auf den Weg durch die Passion machen“, sagt Walter Preis.











