Am Morgen des 18. Juli 1897 tat es in der Löberstraße einen heftigen Schlag. Eine tonnenschwere Dampflok durchbrach einen Prellbock und stürzte von der Eisenbahnbrücke hinab auf die Straße. Verletzt wurde bei dem Unglück niemand. Der Lokführer war beim Rangieren offenbar zu schnell unterwegs und war über das Ende des Kopfgleises hinausgefahren.

Unaufgeregte Zeitungsmeldung am Folgetag

Warum erzähle ich Ihnen diese 128 Jahre alte Neuigkeit? Das Stadtarchiv postete die Geschichte unlängst auf seinen Social-Media-Kanälen. Es gibt Fotos der im 45-Grad-Winkel von der Brücke hängenden Lok und von Zeitungsartikeln, die tags darauf erschienen.

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Diese Artikel sind aus heutiger Sicht wirklich putzig. Es erschien eine kleine Meldung im „Allgemeinen Anzeiger“. In wenigen Sätzen wird das Ereignis geschildert, beginnend mit: „Ein eigenartiger Unfall hat sich gestern Morgen ereignet.“ Zu erfahren ist der Ablauf und dass der Verkehr auf der Löberstraße ungehindert (!) weiterging. Wohlgemerkt: Da lag eine Lok auf der Straße! Unsere Ahnen waren ziemlich abgebrüht. Die Meldung endet mit dem Hinweis, dass ein(!) Bild beim „Photographen Strnad“ zur Besichtigung aushängt. Wunderbar!

Mehr Historisches aus Erfurt

Stellen Sie sich für einen Moment vor, ein ähnlicher Unfall – ohne Verletzte! – würde heute passieren. Eine ICE-Lok macht einen Luftsprung und stürzt auf die Straße. Der halbe Stadtteil würde abgeriegelt. Innerhalb von Minuten gäbe es Fotos und Videos en masse in den sozialen Netzwerken. Unsere Zeitung würde seitenfüllende Texte und Fotostrecken produzieren, mit Experten sprechen, die Bergungsarbeiten im Live-Ticker begleiten, Foto-Drohnen starten. Die Tagesschau und CNN würden Kamerateams nach Erfurt schicken.

So ändern sich die Zeiten.

Friedemann Mertin
Friedemann Mertin© Funke Medien Thüringen | Daniel Volkmann