Heute ist einer der guten Tage: Viele Kunden stecken bei „Miss Kauflust“ in der Marktstraße kurz ihren Kopf zur Tür herein, rufen der Chefin einen schnellen Gruß zu und gratulieren herzlich zum gerade gewonnenen Titel „Händlerin des Jahres“. Dabei hatte Anja Kiel, die fröhlich und stolz die guten Wünsche entgegennimmt, erst gar nicht mitmachen wollen beim Wettbewerb des Citymanagements. Denn es gibt richtig miese Tage im Leben der 45-Jährigen: Der Brustkrebs, der schon besiegt schien, ist zurück.

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Der Krebs hat gestreut. Vier Wochen alt ist diese neue Diagnose. Die reine Schulmedizin werde ihr nicht mehr helfen können, wie sie offen ausspricht. Um einen Moment später wieder zu lachen und klarzustellen: „Ich gebe nicht auf. Niemals.“ Heute gibt es nur Platz für Freude und Dankbarkeit.
Powerfrau mit dem Herz auf der Zunge
Ein bisschen kürzertreten will sie, vielleicht nicht mehr ständig im Laden stehen, der doch seit 13 Jahren ihr Leben ist. Ihre Kundinnen und ihr siebenköpfiges Team werden sie sicher unterstützen. Und natürlich ihr Mann, der schon seit 24 Jahren an ihrer Seite steht. Den Vater ihrer 23-jährigen Tochter hat sie, als es gar nicht gut um sie stand, vor eineinhalb Jahren in aller Eile geheiratet. Und ihren Namen Scheinpflug, der doch zu ihrer Marke gehört, für die Familie gern hergegeben. Das Schicksal meint es in Sachen Gesundheit nicht gut mit den beiden: Auch ihr Mann ist schwer erkrankt.
Aufgeben ist ohnehin keine Option für sie, die sich selbst „Vollblutweibchen“ nennt, als „Stehauffrauchen“ und „Powerfrau“ gilt und das Herz stets auf der Zunge trägt. Sie lässt ihre schwarzen Wimpern klimpern, perfekt abgestimmter Nagellack und Lippenstift leuchten zum Oberteil in Pink oder dem Leopardenmuster. „Unauffällig“ und „introvertiert“ sind nicht ihre Adjektive. Man mag sie, auch mit ihrer speziellen Art, oder eben nicht, sagt sie achselzuckend: „Ich bin, was ich bin!“
Mode-Präsentation gerät zur Reality-Show
Dass sie schon optisch polarisiert, ist ihr durchaus bewusst. Als sie in Corona-Tagen in einer MDR-Sendung vor laufender Kamera gegen ihr unnötig erscheinende und unfaire Auflagen für ihre Branche schimpfte, habe sie sich gewiss nicht nur Freunde gemacht. Apropos Corona: Als sie ihr Geschäft geschlossen lassen musste, während Lebensmittelhändler ihr Textilsortiment aufstockten, war das wie ein Katalysator. Mit Sozialen Medien, Internet-Shop, Community betrat sie Neuland, hier ist sie seither richtig durchgestartet. Ohne staatliche Hilfen in der Pandemie, wie sie betont.
Auch heute präsentiert sie Mode, vieles davon aus Frankreich, Deutschland und Italien, live auf ihrem Instagram-Kanal. Die 150 Quadratmeter Verkaufsfläche ihres Ladens in der Marktstraße sind ihre Bühne für die tägliche Internet-Präsenz. Dieser Tage eben auch für ihre Dankesrede an die Kundinnen, die sie mit ihren Stimmen zur „Händlerin des Jahres“ machten und damit zu Tränen rührten. Wer einschaltet, bekomme eine Reality-Show geboten: „Wir lachen und wir weinen zusammen“, sagt Anja Kiel.
Mode ist für Miss Kauflust die große Liebe
Für die Inhaberin von „Miss Kauflust by Anja Scheinpflug“ kommt ein weiterer Aspekt hinzu: „Meine Kundinnen sind meine Therapeuten.“ Als ihr im letzten Sommer die Haare ausgingen, sie Perücke oder doch lieber Mütze selbst bei 36 Grad im Schatten trug, kauften ihre Kundinnen auch Mützen, schwitzten darunter aus Solidarität, wie sich Anja Kiel erinnert. Jetzt, in ihrer gesundheitlichen Situation, den Laden aufzugeben? Diesen Gedanken habe sie schnell verworfen.
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„Mode ist meine große Liebe“, sagt sie. Ihre berufliche Laufbahn aber begann für die Tochter einer Gastronomen-Familie als Bürokauffrau. Erst 2004 wechselte sie in den Handel, leitete auch das Schiller-Kaufhaus in Weimar, wo sie viel für ihr heutiges Geschäft gelernt habe. Mode sei schließlich ein Stück Lebensgefühl und zähle zu den kleinen Freuden im grauen Alltag. Wie wichtig diese Freuden sind, aber auch, dass man sie oft als zu selbstverständlich annimmt, habe sie erst durch ihre Erkrankung so richtig festgestellt. Jetzt wisse sie: „Das Leben ist zu kurz für irgendwann.“
Anja Kiel will weiter für ihre Kundinnen stark und da sein. Auch als „Brustkrebs-Kämpferin“ das Thema aus der Tabuzone holen. Das Leben sei weiter lebenswert und müsse auch künftig mit ihr rechnen: „Ich werde schon noch meine Enkelkinder verziehen!“, kündigt sie lachend an. Wer will ihr da widersprechen.






