- Bis in die 1960er-Jahre war das Gut Willrode Wohnort des Revierförsters. Nach dessen Tod betreibt seine Witwe hier einen kleinen Ausschank.
- Acht Kinder ziehen Ernst und Maria Quednau hier draußen im Wald auf: ohne Auto, ohne fließend Wasser.
- Über eine außergewöhnliche Kindheit berichtet ihr Sohn Ulrich Quednau, der heute in Erfurt lebt.
Ein Schmuckstück mit jahrhundertealter Geschichte ist das Forsthaus Willrode. Versteckt im Wald liegt es zwischen Egstedt und Schellroda, umgeben von einem kleinen Wassergraben, einer wehrhaften Mauer, mit dem prächtigen barocken Haupthaus und der kleinen gotischen Kapelle.

Den Namen „Gräfin“ hat die Erfurterin immer abgelehnt
Die Historie reicht bis ins Mittelalter zurück, zur Wasserburg der Grafen von Gleichen. Zu DDR-Zeiten verfällt die Anlage zusehends. 1993 verstarb hochbetagt die letzte Bewohnerin des Forsthauses, Maria Quednau, Witwe des letzten Revierförsters. Bis zuletzt betrieb sie einen kleinen Ausschank. Ausflügler, die auf dem Weg von Erfurt hinauf zum Riechheimer Berg hier Rast machten, bekamen eine Fassbrause, ein Bier, einen Malzkaffee. Viele ältere Erfurter erinnern sich noch an „die Gräfin“, so wurde sie von manchen genannt. Ein Titel, den sie stets ablehnte. Sie, die immer schwer gearbeitet hatte, 60 Jahre lang das marode Haus nach Kräften bewirtschaftete, acht Kinder großzog.

Als der Vater noch Wilddiebe jagte
Auf einem Sofa in seinem Erfurter Wohnzimmer sitzt Ulrich Quednau und hält alte Fotos in der Hand. Er ist einer der Söhne von Maria Quednau, 87 Jahre ist er inzwischen alt. Aufgewachsen ist er in jenem Forsthaus im Wald, eine Kindheit so außergewöhnlich, so verwoben mit der Erfurter Geschichte, dass er Teile davon aufgeschrieben hat, für die Familie, seine drei Kinder, die sechs Enkel.

Ulrich Quednau wird 1939 geboren. Ein gutes Jahrzehnt zuvor war sein Vater Ernst Quednau aus Ostpreußen ins Thüringische gezogen, eine Anstellung als Förster suchend. Er fand sie zunächst im kleinen Schwarza bei Zella-Mehlis. Wenig später wurde die Stelle des Revierförsters in Willrode frei. Seitdem ist das Anwesen mit dem Namen Quednau verknüpft.
Die ältesten Anekdoten der Familie, an die sich Ulrich Quednau erinnert, stammen vom Vater. Förster, das war zur damaligen Zeit kein ungefährlicher Beruf. Wilddiebe trieben in den Wäldern ihr Unwesen. Als er gerade angekommen ist, wird im Revier um Zella-Mehlis nach einem besonders skrupellosen Mann gesucht. Er hatte einen Förster erschossen. Jahrelang gelingt es ihm, sich in den Wäldern zu verbergen. Ulrich Quednau lacht. Solche Geschichten kennt er zu Hauf.
Im Steiger ist der Krieg weit weg
Hier draußen im Wald ist der Krieg weit weg, der während seiner Kindheit tobt. Ja, sie hören die Sirenen des Luftalarms unten in Erfurt, gehen vorsorglich in den Keller. Doch der Vater kann in seinem Forstrevier bleiben, muss nicht an die Front. In den anarchischen Zeiten nach der Kapitulation ziehen bewaffnete Banden durch den Steigerwald. Es wird geraubt, sogar geschossen, einmal sogar in der Küche ihres Forsthauses, erinnert sich Ulrich Quednau.

Ruhiger wird es erst, als die Russen kommen. Soldaten der Roten Armee quartieren sich im geräumigen Forsthaus ein. Sie sollen die Telefon- und Stromleitungen reparieren und bewachen, die entlang der nahen Autobahn verlaufen. Sie schützen das Haus auch vor den Banden.
Über Vaters Zeit in Buchenwald wird nicht geredet
Doch der Vater, „eher ein Typ preußischer Beamter“, hat nicht viel übrig für die Kommunisten. Er glaubt, dass sie bald wieder verschwinden, legt sich mit der neuen Obrigkeit an. Den Forderungen nach Unmengen an Bauholz kann und will er als umsichtiger Hüter seines Waldes nicht nachkommen. Eines Tages wird er abgeholt, ins Speziallager Buchenwald gebracht. Erst drei Jahre später, so erinnert sich Ulrich Quednau, kommt er wieder frei. Und erzählt nie über seine Erlebnisse dort.

Ulrich und seine Geschwister gehen zur Schule, zweieinhalb Kilometer zu Fuß nach Schellroda, barfuß im Sommer. Im Winter holt Vater manchmal den Pferdeschlitten heraus. Was für ein Spaß. Ein Auto hat die Familie nie besessen. Versorgen können die Eltern das Haus zum großen Teil selbst. Es gibt Beete und Tiere, Schafe, Enten, Hühner, Hähne. Ein Pferd für die Kutsche und auch eine Kuh. Mutter Maria melkt sie, macht Butter selbst. Sie holt Wasser vom Brunnenhäuschen vor der Mauer, wenn die Leitung ins Haus mal wieder kaputt ist.
Mit dem Fahrrad in die Stadt bei Wind und Wetter
Die Kindheit im Wald, sie prägt. Meist sind die Geschwister draußen. Lang auf dem Sofa hält es Ulrich Quednau auch heute nicht aus. Dass sie Angst gehabt haben, daran kann er sich nicht erinnern. Ein Foto zeigt die Mutter, wie sie Frischlinge mit der Flasche aufzieht. Der Bruder hatte sie mitgebracht, direkt aus dem Wurf der Bache. Verrückt.

Die Oberschule besucht Ulrich Quednau in Erfurt, die Theodor-Neubauer-Schule, heute Königin-Luise-Gymnasium. Er und der Bruder beziehen ein Zimmer in der Nähe, damit sie nicht immer den Weg hinauf ins Forsthaus fahren müssen. Zur Lehre bei der Bau-Union aber pendelt er mit dem Fahrrad. Bei Wind und Wetter. „Ich hatte keine Fehltage“, sagt er stolz. Er lernt Zimmermann, wird Bauingenieur. Drei Mädchen und fünf Jungs waren sie, Förster wurde keins der Kinder. Zwei Schwestern heiraten zumindest einen.
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Die jungen Rekruten hat Maria Quednau ins Herz geschlossen
1968 stirbt der Vater. Der neue Revierförster bezieht ein neues Domizil am Haarberg. Maria Quednau behält lebenslanges Wohnrecht in Willrode. Jetzt ist sie größtenteils allein hier, zeitweise lebt ihr jüngster Sohn mit hier. Regelmäßig kommen Kinder und bald auch Enkel und Urenkel zu Besuch. Einsam wird es nicht. Ausflügler kommen, stillen hier ihren Durst. Und immer wieder Soldaten aus den vielen NVA-Kasernen in der Nähe. Die jungen Rekruten hat Maria Quednau besonders ins Herz geschlossen. Sie können hier feiern, manchmal sich verstecken vor ihren Offizieren.

Das Haus steht immer offen. „Die Türen waren teilweise so morsch, die konnte man gar nicht abschließen“, sagt Ulrich Quednau. Passiert ist nie etwas. Außer einmal: Da fehlen plötzlich einige Stücke vom Goldschmuck und anderen Andenken, die die Mutter in einer kleinen Vitrine im Obergeschoss aufbewahrt hat. Sie ist enttäuscht – und dreht den Soldaten kurzerhand den Bierhahn zu. Es gibt erst wieder etwas, wenn der Dieb gefunden ist.
Wenig später sind die Sachen wieder da. Ulrich Quednau lacht. Was ihn an dieser Geschichte am meisten beeindruckt: Als der Dieb gefunden ist, nimmt die Mutter ihn in Schutz vor der drohenden Selbstjustiz unter den Kameraden.
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All die Geschichten, einige muss Ulrich Quednau noch zu Papier bringen. Der Stoff würde für ein kleines Büchlein reichen. Es würde sicher viele neugierige Leser finden, die mehr wissen wollen über diesen Teil der langen Geschichte des Forsthauses Willrode, die sich noch erinnern an die Ausflüge zur „Gräfin“, an Fassbrause und Malzkaffee. Ab und an kehrt Ulrich Quednau an den Ort der Kindheit zurück, hält Kontakt zur jetzigen Försterin. Manche Familienfeier haben sie dort begangen. Dann wird erzählt, von der Kindheit im Wald.








