Mit Baggerschaufel, Maurerhammer und Spaten wird auf dem Rathausparkplatz seit Anfang dieser Woche ein weiteres Kapitel jüdischer Stadtgeschichte freigelegt. Schicht für Schicht, unter sengender Sonne, arbeiten sich die Archäologen auf einem Streifen von 100 Quadratmetern in die Tiefe. Am Mittwoch steht hier staunend auch Karin Sczech am Bauzaun, ehe sie vor die Medienöffentlichkeit tritt und beschreibt, was es mit der Grabung auf sich hat. Und was hier an Funden mit Gewissheit in den kommenden eineinhalb Monaten zutage treten wird. Die Frage ist längst nicht mehr, ob hier etwas gefunden wird, sondern nur noch: was genau.
Tanzhaus von beachtlicher Größe stand an diesem Platz
Wer die Erfurter Welterbe-Beauftragte kennt, weiß, wie gern sie – „wäre es nicht so elend heiß“ – an der Seite ihrer ehemaligen Kollegen selbst in der Grube stehen würde. Schließlich war sie ab 1999 als Gebietsreferentin beim Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) angestellt. In Erfurt hat sie die Grabungen am jüdischen Friedhof begleitet, die Mikwe entdeckt und vieles mehr. Was wird wohl unter dem Parkplatzpflaster liegen?

Seit 2020 arbeitet Karin Sczech bei der Stadt Erfurt als Beauftragte für das Unesco-Welterbe. Und genau dafür soll die Dienstag gestartete Grabung im geringsten Fall untermauern, was aus Dokumenten über den Untergrund des Parkplatzes schon bekannt ist. Dass hier ein Tanzhaus stand, von enormer Größe und mit Gewölbedecken auf jeder Etage. Dass hier eine weitere jüdische Gemeinde ihre Synagoge hatte. Und dass sich im Erdreich nicht weniger als 3000 Jahre Erfurter Besiedlungsgeschichte verbergen. Und von unentdeckten Schätzen zu sprechen, das bringe Unglück, so sagt lachend Grabungsleiter Christian Tannhäuser vom TLDA: Man finde sie einfach. Wenn aber, so sei es immer, dann wohl erst am letzten Tag der Grabung …
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Grabungen ziehen sich über mehrere Jahre
Aber auch ganz ohne Scherz und Schatz ist die Grabung von immensem Wert: Ihr wird zugedacht, dass sie als weiterer Teil des jüdischen Welterbes der Stadt eine Initialzündung sein könnte. Eine, die dem Welterbe-Thema und der Idee, das Besucherzentrum anstelle des Parkplatzes zu errichten, neuen Schwung geben könnte. Bis in die Reihen der städtischen Entscheidungsträger hinein. Immerhin: Nach einjähriger Verzögerung gab es nun endlich Geld für die Grabungen. Für dieses Jahr und das nächste, einen niedrigen sechsstelligen Betrag.

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Immer wieder muss die Pressekonferenz pausieren, weil Autos über die Gasse rollen, einen Stellplatz suchen. Doch die Zeit des Parkplatzes scheint endlich. Baubeigeordneter Lars Bredemeier (CDU) gibt ihm maximal eine Zukunft von zehn Jahren. Denn wo heute im Schatten des Rathauses auf einem dafür viel zu schönen und zentralen Platz nur schnöde Autos parken, befand sich einst ein lebendiges Zentrum jüdischen Lebens, das in den Fokus rücken soll.
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Parkplatz wird wieder in Ursprungszustand versetzt
Die Grabung, die bis Mitte September andauern soll, konzentriert sich auf den Bereich, wo einst das sogenannte „Tanzhaus“, ein bedeutendes Gebäude der zweiten jüdischen Gemeinde, stand. Dieses wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und später abgerissen.

Bereits in den ersten Tagen der Grabung kamen beeindruckende Mauerreste zum Vorschein. „Wir sehen hier die Ostwand des Tanzhauses, deren Existenz bereits durch Notdokumentationen aus den 90er Jahren bekannt war“, erklärt Karin Sczech anhand von Fotos. „Aber es zeigen sich auch Strukturen, von denen wir bisher nichts wussten. Und da wird es natürlich spannend.“ Die aktuellen Grabungen gehen tiefer als frühere Bodeneingriffe und sollen bis zu den Gründungshorizonten der Gebäude in etwa zweieinhalb Metern Tiefe vordringen.

Christian Tannhäuser betont: „Wir wollen das Denkmal erhalten, nicht zerstören. Deshalb gehen wir sehr vorsichtig, fast chirurgisch vor, um die Befunde zu sichern.“ Nach Abschluss der Dokumentation wird die Grube vorerst wieder verfüllt, um die freigelegten Mauern vor Witterungsschäden zu schützen: „Sonst bliebe uns am Ende nur Schutt“. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden nicht allein die entscheidende Grundlage für die zukünftige Planung des Welterbezentrums, sondern auch für die Beantragung von Fördermitteln.
Informations-Container verschafft nötigen Überblick
Ein besonderer Anziehungspunkt während der Grabung ist ein Informations-Container, der durch Sponsoring der Firmen Wagner Kies und der WBG-Einheit ermöglicht wurde. Wer die Treppe hinaufklettert, dem bietet sich nicht nur ein erhöhter Blick auf die laufenden Arbeiten. Im Inneren wird mit Plänen und Fotos über die komplexe Bau- und Nutzungsgeschichte des Platzes informiert.
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Gezeigt werden auch Funde von früheren Grabungen: Porzellanbeine von Puppen finden sich darunter, Steine eines Fenstersimses, aber auch ein Matchbox-Auto, 1973 in England hergestellt, dessen Achsbruch und Verlust bestimmt ein Kind beweint haben dürfte, wie es in der Vitrine heißt. Dem Parkplatz – und schon wieder rollt ein Auto übers Pflaster – trauert außer Anwohnern und Rathausbeschäftigten mit Parkgenehmigung wohl kaum jemand nach.










