Wer in Erfurt spontan ein Fahrrad ausleihen möchte, hat derzeit keine Möglichkeit dazu. Bis März 2023 ging es noch. Über die App von „nextbike“ konnten Erfurterinnen und Erfurter die grauen Räder an festen Standorten ausleihen. Seitdem ist das Angebot verschwunden, und das schon zum zweiten Mal. Jetzt bleibt nur noch eine Auswahl an E-Scootern, die oft auf der Straße zu sehen sind. Laut dem ADFC ist die Nachfrage nach einem solchen Bikesharing-System jedoch noch da.

Zwei Projekte gab es bereits

Ganz neu ist die Idee eines öffentlichen Leihradsystems in Erfurt nicht. Bereits zwischen 2009 und 2015 gab es ein erstes Angebot von „nextbike“, damals in Kooperation mit der Thüringer Waldquell Mineralbrunnen GmbH. Zwischen 30 und 35 Fahrräder wurden im Rahmen des „Klimataxi“-Projekts zur Verfügung gestellt, wobei die Ausleihe einen Euro pro Stunde gekostet hat. Finanziert wurde das System teilweise durch die Leihgebühren und die Werbeflächen auf den Rädern. Warum das Projekt nicht verlängert wurde, lässt sich heute nicht mehr genau klären.

Mietrad
Früher standen Mietfahrräder der Firma Nextbike am Hauptbahnhof. Seit drei Jahren sind diese jedoch nicht mehr zu sehen (Archivfoto).© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Neuen Schwung brachten 2018 Studierende der Fachhochschule Erfurt. Der Studierendenrat (Stura) der FH hatte einen Vertrag mit „nextbike“ abgeschlossen und das System wurde wiederbelebt. Es startete mit 75 Rädern und wuchs später auf rund hundert. FH-Studierende haben pro Semester 1,50 Euro bezahlt und durften dafür ein Fahrrad kostenfrei ausleihen, so oft sie wollten, wobei die Nutzungsdauer pro Ausleihe auf eine Stunde begrenzt war. Für die Öffentlichkeit galt ein Tarif von einem Euro pro halbe Stunde.

Klares Bekenntnis ist Bedingung fürs Weitermachen

Warum der Vertrag mit „nextbike“ nicht weiter verlängert wurde, wurde auf Anfrage nicht eindeutig erklärt. Der heutige Stura konnte dazu keine konkreten Auskünfte geben, da sich die entsprechenden Unterlagen nicht mehr finden ließen. Mögliche Gründe für die Entscheidung gegen ein weiteres Angebot von „nextbike“ könnten laut Ellen Fischer, Sprecherin des Stura, die gestiegenen Preise und der Wunsch sein, das Angebot nicht mehr aus Studierendengeldern zu finanzieren.

Der Vertrag lief bis September 2022 und wurde anscheinend bis März 2023 verlängert. Neben der Kooperation sei auch ein klareres Bekenntnis der Stadt eine Bedingung für das Weitermachen, meinte damals Mareike Rauchhaus, die zu der Zeit Sprecherin von „nextbike“ war.

Keine konkreten Pläne für zukünftiges Bike-Sharing

Das Unternehmen aus Leipzig sei grundsätzlich offen für ein neues Bikesharing-Angebot in Erfurt, teilte die aktuelle „nextbike“-Sprecherin Karoline Keybe auf Anfrage mit. Öffentliche Leihradsysteme liefen in Deutschland meist über eine Ausschreibung und wurden im Auftrag von Kommunen oder Verkehrsverbünden betrieben. Außerdem sollte das System idealerweise in eine übergreifende Mobilitätsplattform oder ÖPNV-App eingebunden werden, sodass es mit dem öffentlichen Nahverkehrsnetz integriert ist, erzählt Keybe. Prinzipiell ist „nextbike“ für eine mögliche Kooperation offen, um erneut in Erfurt aktiv zu werden. Konkrete Pläne gibt es aber aktuell nicht.

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Die Stadtverwaltung nennt verschiedene Gründe, weshalb ein Leihsystem in Erfurt nicht neu aufgesetzt wurde. Zum einen führt sie die hohe Fahrradbesitzquote in Erfurt an, zum anderen die kompakte Stadtstruktur und Anbindung an den ÖPNV. Die Nachfrage nach Fahrrädern für sehr kurze Strecken sei daher vergleichsweise gering – dies spiegele sich auch in der Rückmeldung der Touristikbranche wider.

Nachfrage war sehr gering

Die Erfahrungen aus früheren Projekten zeigten, so Sophie Pohl von der Rathaus-Pressestelle, dass die tatsächliche Nutzung und Nachfrage so gering war, „dass sich ein wirtschaftlicher Betrieb für die Anbieter nicht dauerhaft aufrechterhalten ließ“. Ein kommunal organisiertes oder bezuschusstes Bikesharing-System erfordere erhebliche finanzielle Mittel aus dem städtischen Haushalt (Betriebskostenzuschüsse), da sich verlässliche Verleihsysteme in Städten vergleichbarer Größe selten rein über Nutzerentgelte trügen. Die E-Scooter-Flotten in Erfurt werden von privaten Unternehmen vollständig eigenwirtschaftlich betrieben. Die Stadt zahlt keinerlei Subventionen oder Zuschüsse.

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„Aktuell gibt es seitens der Stadtverwaltung keine konkreten Pläne für eine öffentliche Ausschreibung eines städtisch finanzierten Bikesharing-Systems. Die begrenzten kommunalen Mittel werden priorisiert in den Ausbau und die Qualität der Radverkehrsinfrastruktur, also Radwege, sichere Abstellanlagen und Fahrradparkhäuser, investiert, wovon alle Radfahrenden in Erfurt dauerhaft profitieren“, sagt Sophie Pohl.

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„Privaten Anbietern steht es jedoch weiterhin frei, eigenwirtschaftlich ein System in Erfurt anzubieten.“