Liebe Leserin, geneigter Leser, meine Zeit ist gekommen. Bald ein halbes Jahr durfte ich Gast in Gotha sein, durch die Altstadt schlendern, in Cafés einkehren und mir vorstellen, ich wäre ein richtiger Kaffeehausliterat. Im Stadtpark durfte ich träumen und in meinen Turmzimmern schreiben. Ich verabschiede mich, indem ich Ihnen in meinen letzten beiden Kolumnen verrate, welche Orte mir besonders ans Herz gewachsen sind. Der echte Gothaer, die Originalgothaerin wird – da bin ich mir sicher! – alle diese Orte kennen, doch ist mein Blick darauf vielleicht ein anderer.

Der Schlosspark
Generationen von Stadtschreiber:innen haben von ihm geschwärmt und auch ich bin seinem Charme erlegen: Ende April, bei meiner Ankunft, lockte mich der Schlosspark mit zartem Grün und einer Handvoll Knospen, ziemlich willkürlich auf Geäst und Gesträuch verteilt. Ich war dabei, als die Besuchermassen während des Thüringentags hier Zuflucht suchten. Ich war dabei, als die Mirabellen im Sommer zu kleinen Sonnen heranreiften. Ich habe die Erpel gezählt. Was? Sagen Sie bloß, Ihnen ist nie aufgefallen, dass im Gothaer Schlosspark auf sieben Erpel gerade mal eine Ente kommt.
Die Synagoge im Altstadtforum
Zugegeben: Es fühlt sich etwas komisch an, als Jude an einem Ort zu leben, in dem alles Jüdische der Vergangenheit angehört. Obwohl das Modell der Synagoge bessere Zeiten gesehen hat, freut es mich, dass es in Gotha – abgesehen von Stolpersteinen, von dem unscheinbaren Gedenktäfelchen linkerhand des Bahnhofeingangs und dem abgeriegelten Friedhof – einen Ort gibt, der an die jüdische Geschichte der Stadt erinnert. Bemerkenswert ist es allemal, dass sich dort, wo heute tagtäglich Hunderte Menschen hinfinden, um Milch und Brot und Toilettenpapier zu kaufen, zumindest 34 Jahre lang – von 1904 bis 1938 – Juden zum Gebet zusammenkamen.

Einen persönlichen Ort des Gedenkens habe ich direkt vor meiner Haustür. Ein Stolperstein erinnert an Eva Ebenstein, Jahrgang 1912, die 1934 noch rechtzeitig ins britische Mandat Palästina fliehen konnte. An der Erfurter Uni beschäftigen sich Historiker gerade mit ihren Tagebuchaufzeichnungen, die uns wertvolle Einblicke darin gewähren, wie der Alltag einer jungen jüdischen Frau in den 20er- und frühen 30er-Jahren in Gotha ausgesehen hat.
Die Streuobstwiese auf dem Krahnberg
An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, Danke zu sagen. Danke, liebe Streuobstwiese, für den herrlichen Anblick, den du mir im Frühling, Sommer und Herbst beschert hast und für den Reichtum, mit dem du mich beschenkt hast. Ich bin Anhänger der Theorie, wonach selbst Gepflücktes prinzipiell besser schmeckt als im Laden Gekauftes. Dass es so viel besser schmeckt, hätte ich nicht gedacht. Die Besucherinnen meiner Märchensprechstunde können es bestätigen: Ihnen habe ich Apfelkuchen kredenzt, mit Äpfeln von der Wiese unterhalb vom Berggarten.
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Welche anderen Orte in Gotha für mich eine besondere Bedeutung haben, verrate ich Ihnen nicht. Noch nicht. Entweder Sie gedulden sich bis zu meiner nächsten Kolumne oder Sie schauen in der Stadtbibliothek vorbei. Denn dort werde ich in meiner Abschlusslesung am 3. Dezember um 17 Uhr aus meinen Kolumnen lesen sowie aus Texten, die während meiner Zeit in Gotha entstanden sind. Ich werde meine Nachfolgerin begrüßen und aus dem Nähkästchen plaudern.





