An einem Freitag, den 13., schlage ich die Augen in einer fremden Dachwohnung auf. Ich bin die Dreizehnte, erinnere ich mich. Die dreizehnte Stadtschreiberin von Gotha. Die dreizehnte Fee – Sie erinnern sich an Dornröschens Fluch? – aber hoffentlich nicht.

DoroFee verschüttet beim Blick aus der Stadtschreiberwohnung vor Schreck den Kaffee. War das nicht ein lila Drache?
DoroFee verschüttet beim Blick aus der Stadtschreiberwohnung vor Schreck den Kaffee. War das nicht ein lila Drache?© Illustration Dorothee Eva Herrmann

Ich sehe aus dem halbrunden Fenster auf die Altstadt. Da schießt etwas daran vorbei. Hatte das nicht Schuppen? Träumen Sie noch, Frau Autorin? Doch so abwegig ist der Gedanke nicht, bin ich doch geradewegs in einem Märchen gelandet! Zwar bin ich im Gegensatz zu meinen Vorgängern selbst Thüringerin, aber in einer Residenzstadt zu schreiben, wird ganz gewiss märchenhaft.

Nur ein Uhu: Dorothee Eva Herrmann schließt eine tierische Bekanntschaft auf dem Gothaer Markt.
Nur ein Uhu: Dorothee Eva Herrmann schließt eine tierische Bekanntschaft auf dem Gothaer Markt.© Dorothee Eva Herrmann | Dorothee Eva Herrmann

Am Tag zuvor im Brühl angekommen, geriet ich unter Prinzessinnen, Hexen, Einhörner und Cowboys, die sich auf dem Marktplatz tummelten. Die Gothe’schen sind närrisch? Manche gewiss. Am Rosenmontag zog ein Tross Jecken inklusive der Stadtoberhäupter durch die Kindergärten und ich schwebte als Fee mit ihnen. Als ehemaliges Funkenmariechen – ist das tatsächlich schon 37 Jahre her? – bewunderte ich die morgendliche Tanzlaune.

In den vorgehaltenen Spiegel muss jeder selbst schauen

Egal, wie man zu Fasching und seiner manchmal aufgesetzten Fröhlichkeit stehen mag, ich kann den Wunsch verstehen, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Als Kinderbuchautorin und Leseförderin tauche ich in meinen Lesungen als Fee auf, damit die Kinder in die Geschichte eintauchen können.

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Erwachsene in Kostümen? Manch einer wird sagen: Haben wir denn nicht Wichtigeres zu tun in diesen harten Zeiten? Doch Weltflucht, Tellerränder erklettern, gegen den Strom schwimmen – wir Künstler, ob von Wort, Bühne oder Bild, tun dies ohnehin. Ja, es ist unsere Aufgabe, Narren zu sein und uns zum Narren zu machen. In den Spiegel, den Narren und Künstler einem vorhalten, muss jeder selbst schauen und das Bild darin deuten. Ist es vielleicht eher das, was so viele am Fasching stört?

Zauberhaft: „DoroFee“ schwebt mit Gothas Narren – Oberbürgermeister Knut Kreuch (von links), Bürgermeister Ulf Zillman und dem Beigeordneten Peter Leisner – durch die Kindergärten der Stadt.
Zauberhaft: „DoroFee“ schwebt mit Gothas Narren – Oberbürgermeister Knut Kreuch (von links), Bürgermeister Ulf Zillman und dem Beigeordneten Peter Leisner – durch die Kindergärten der Stadt.© Dorothee Eva Herrmann | Dorothee Eva Herrmann

Doch ist es nicht immer richtig, Gemeinschaft zu feiern? „Und Märchen zu leben, wenn auch nur für kurze Zeit?“, flüstere ich beim Tippen vor mich hin.

„Märchen gehen immer gut aus“, antwortet eine knarrende Stimme. Ich fahre hoch. Da, im Turm des Hospitalgebäudes, verschwindet da nicht gerade etwas Lilafarbenes, Schuppiges? Hm, so märchenhaft ist Gotha nun auch wieder nicht, dass hier noch Drachen leben! Oder haben Sie schon einen gesehen?

Ich freue mich auf ein märchen- und sagenhaftes Jahr mit Ihnen! Und vielleicht nutzen Sie die ein oder andere Stunde, um närrisch zu sein?

Dorothee Eva Herrmann ist Gothas Stadtschreiberin 2026. In ihren Kolumnen berichtet die Märchenschreiberin „DoroFee“ regelmäßig über sagenhafte Begegnungen in der alten Residenzstadt.