Zufrieden schaut Hansgünter Reichelt auf seine Zeit als Pfarrer in Stadtilm zurück: „Es ist viel vorzeigbar an und in unserer Kirche Sankt Marien“, sagt er stolz. Nach mehr als 30 Jahren verabschiedet sich der heute 66-Jährige nun in den Ruhestand und lässt seine Erfahrungen und Erlebnisse noch einmal Revue passieren. Vom Orgelbau über den Wehrdienst in der DDR, das Theologiestudium und die Liebe bis hin zu neugierigen Konfirmanden: Hansgünter Reichelt hat so einiges zu erzählen. Eine Sache wird er aber definitiv nicht vermissen.
Über Umwege zum Theologiestudium gefunden
Dem 66-Jährigen ist – nicht ungewöhnlich in der DDR – die Theologenlaufbahn nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden. Nach dem Schulbesuch in Arnstadt und Ohrdruf machte der aus Dosdorf stammende Hansgünter Reichelt von 1975 bis 1978 eine Ausbildung zum Orgelbauer bei der Firma Böhm in Gotha. Doch während seines Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee, den er rückblickend als „keine gute Zeit“ bezeichnet, entschied er sich für das Studium der Theologie.

Zwischen 1980 und 1992 wurde daher das Theologische Seminar, später die Kirchliche Hochschule, in Leipzig zu Hansgünter Reichelts zweiter Heimat. Dort holte er das Abitur nach, studierte und promovierte. Zwischendurch absolvierte er in zwei Leipziger Gemeinden sein Vikariat, den Praxisteil des Theologiestudiums.
Eine Insel der Meinungsfreiheit und Pluralität
Das Theologische Seminar erlebte Hansgünter Reichelt als „Insel im roten Meer“, wie es ein bekannter ostdeutscher Theologe einmal formulierte. Es habe dort eine Atmosphäre der Meinungsfreiheit und Pluralität, eine für DDR-Verhältnisse sehr gut bestückte Bibliothek sowie immer wieder Gastvorlesungen von Westdozenten gegeben, die seinen Horizont enorm erweitert hätten.

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In Leipzig lernte Hansgünter Reichelt auch seine Frau kennen. Sie heirateten 1985 und bekamen sechs Jahre später ihre Tochter. In Leipzig erlebte der damals frisch gebackene Theologe im Jahr 1989 auch die Massendemonstrationen, die zur Friedlichen Revolution führten. „Man war hin- und hergerissen zwischen der eigenen Angst und dem Gefühl ‚So kann es nicht weitergehen!‘. Prophetische Texte der Bibel sprachen plötzlich unmittelbar in die Situation“, erinnert er sich.
Internationale Partnerschaften und eine starke Gemeinschaft
In Stadtilm, wo er 1992 die Pfarrstelle antrat, sei manches anders gewesen als in den Leipziger Stadtgemeinden. Über die Jahre habe er aber die dort entstandenen Beziehungen und Bindungen sehr schätzen gelernt.

Zum Pfarrbereich gehören seit 2013 auch die Gemeinden in Dienstedt, Groß- und Kleinhettstedt, Nieder- und Oberwillingen sowie Behringen. Froh ist Hansgünter Reichelt auch über die gute Zusammenarbeit mit den katholischen Christen in Stadtilm und Umgebung, denn: Egal ob Kirchenchor oder Weltgebetstag – das habe immer gemeinsam gut funktioniert.
Besonders lebhaft ist dem Theologen in diesem Zusammenhang ein Gottesdienst am 8. Mai 2005 in Erinnerung. 60 Jahre nach Kriegsende wurde damals ein Partnerschaftstreffen mit Gemeinden aus England, Frankreich und Baden-Württemberg in Stadtilm organisiert. „Es war sehr bewegend, diesen Gedenkgottesdienst gemeinsam mit Menschen aus den ehemals verfeindeten Kriegsnationen und den unterschiedlichsten Konfessionen feiern zu können.“
Engagement im Förderverein zum Erhalt der Kirche
Weitere Höhepunkte seiner Amtszeit seien Feste zu Ehren des Reformators Philipp Melanchthon und des Kindergarten-Gründers Friedrich Fröbel gewesen. So weise am Eingangsportal der Stadtilmer Kirche eine Skulptur von Melanchthon auf diesen oft im Schatten Luthers stehenden Reformator hin. Und Friedrich Fröbel habe mehrere Jahre seiner Kindheit in Stadtilm verbracht und immer wieder Sankt Marien besucht, unterstreicht der Pfarrer.

Seit 2001 ist Hansgünter Reichelt Vorsitzender des Fördervereins zur Erhaltung der Stadtkirche St. Marien in Stadtilm und habe im Rahmen des Religions- und Konfirmandenunterrichts immer wieder auch Kinder durch die Kirche geführt. Dabei kam ihm große Neugier entgegen: „Die haben mich dann regelrecht Löcher in den Bauch gefragt“, erzählt der Pfarrer.
Nicht vermissen werde er in seinem Ruhestand die Beschäftigung mit Bausachen: „Viele Gespräche und Formalitäten waren erforderlich, um etwas zu erreichen, aber das kostete unheimlich viel Zeit und war mitunter auch sehr mühsam.“ Künftig wird Hansgünter Reichelts Pfarrstelle in Stadtilm von Pfarrerin Therese Roppel betreut.
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