Nie wieder Krieg. Das wünschen sich die Schwestern Ingrid Tschorn (*1939) aus der Lausitz und Dietlinde Wiesel (*1940) aus Oldisleben (Kyffhäuserkreis), beide geborene Schunda. Die Familie lebte im Sudetenland. „1945 wurden wir, ich bin die jüngere Schwester, mit unserer Mutter aus Nordböhmen vertrieben. Unser Vater ist im Krieg vermisst“, erzählt die Oldislebenerin.

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Angekommen in Sachsenburg, landeten Mutter und die zwei kleinen Töchter in der Mühle bei Bechstädts. „Durch den Krieg haben wir nicht nur unser Hab und Gut, sondern auch unsere Heimat verloren. Not und Elend mussten wir am eigenen Leib erfahren“, erzählt Dietlinde Wiesel und hält die Tränen zurück. Die Erinnerung an das Wendejahr 1989 ließen bei Schwester Ingrid ganz besondere Gedanken aufkommen, die sie anlässlich des kürzlichen Jahrestages zu Papier brachte:

„Mein 1989 – Geschichten, die bewegten“

In diesem Jahr, 1989, wurde nicht nur ich selbst, sondern auch eine meiner Cousinen im Westen 50 Jahre alt. Nun konnte ich aufgrund neuer Regelungen im Reiseverkehr zu einem wichtigen Familienereignis im Sommer das erste Mal in die Bundesrepublik fahren. Fast alle unsere Verwandten waren nach der Vertreibung aus Nordböhmen 1945 in die amerikanische und englische Besatzungszone gekommen – nur meine Mutter mit uns zwei kleinen Mädchen war in der sowjetischen Zone in Thüringen gelandet, wo sie auch bis zu ihrem Lebensende blieb.

Das erste Mal im Westen! Von meinen bescheidenen Mitteln – ich hatte ja nur die 15 Mark der DDR umtauschen können, dazu kamen die 100 D-Mark als Geschenk der Kommune – wollte ich mir ein paar „Schätze“ kaufen. Mein Hobby war damals die Seidenmalerei, also kaufte ich in einem Drogeriemarkt Gold- und Silberfarbe zum Malen, und natürlich reine Seide.

Diese gab es als fertig rollierte Tücher und vom Ballen. Selbstverständlich ging ich davon aus, dass die Seite vom Ballen billiger sein müsste. Aber hier machte ich meine erste Erfahrung in kapitalistischer Betriebswirtschaft: die von Hand umsäumten Tücher durch indische Frauen oder Kinder waren billiger! Wenn ein deutscher Verkäufer den Ballen auf den Tisch legen, die entsprechenden Meter abmessen und abschneiden muss – das wird teuer! Inzwischen haben wir uns an solche Tatsachen gewöhnt – oder auch nicht?

Aber das geschichtsträchtige Jahre 1989 war ja noch lange nicht zu Ende. „Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber“ möchte ich mit Heinrich Heine sagen, als ich zum Geburtstag meiner Mutter nach Thüringen fuhr. Aus unserer schönen sonnigen Lausitz startete ich mit unserem Trabbi und kam wohlbehalten am 10. November nachmittags an. Meine Mutter war ganz aufgeregt und sagte: „Die Mauer ist offen!“ Ich darauf: „Welchen Westsender guckst du denn?“ Wir zu Hause konnten nämlich keinen Westsender empfangen. Jedenfalls kamen wir beide nicht mehr vom Fernseher weg: das Kaffeetrinken fiel aus!

Atemlos staunten wir über die vielen Menschen in Berlin, die über die Grenzübergänge liefen, rannten und mit ihren Autos fuhren. Die Mauer war gefallen! Unfassbar! Am nebligen Sonntag, dem 12. November, wurde aber erst mal der 78. Geburtstag gefeiert. Für den Montag hatte ich meinen Haushaltstag beantragt, weil ich nicht im Dunkeln zurückfahren wollte.

Aber dieser Montag war mehr als dunkel: Durch den dicken Nebel konnte man fast gar nichts sehen. Als sich auch bis Mittag das Wetter nicht gebessert hatte, trieb mich mein Pflichtbewusstsein zur Heimreise – schließlich wollte ich am nächsten Tag wieder pünktlich auf der Arbeit sein. Mit meinem Trabbi kam ich nicht weit. Schon die erste Fernverkehrsstraße war nach Unfällen gesperrt. Auf holprigen Umwegen und durch kleine Dörfer bewegte sich die Autokarawane bis nach Halle. Hier war der reinste Hexenkessel: gelber stinkiger Smog und Nebel lag in den Straßen, an den Kreuzungen waren Kokskörbe mit brennenden Kohlen aufgestellt worden, damit man sich überhaupt ein bisschen orientieren konnte. Ich war heilfroh, als ich den Ernst-Thälmann-Platz hinter mir hatte.

Aber ich kam nur noch bis zum Autobahnzubringer, dann stand alles. Mittlerweile wurde es mir mulmig: es war spätnachmittag, wurde dunkel und eiskalt. Ich unterhielt mich mit einem Taxifahrer, der hinter meinem Auto stand. Nachdem er erfahren hatte, dass ich noch bis in die Lausitz fahren wollte, riet er mir zur Umkehr nach Halle und in das Hotel „Stadt Halle“: immer geradeaus und hinter der Brücke über den Ernst-Thälmann-Platz zweimal rechtsherum.

Das versuchte ich auch in diesem Waschküchen-Nebel. Dann hielt ich an, um mich zu orientieren und fragte einen Passanten nach dem Hotel. Die Antwort war: Sie stehen direkt davor. Nach dem Einchecken musste ich schnell meinen Mann auf der Arbeit anrufen, denn zu Hause hatten wir kein Telefon. Es war Montag, und auch in Halle sollte wieder eine „Montags-Demo“ stattfinden. Also ging ich an den brennenden Kokskörben vorbei in die Innenstadt. Die Straßen waren voller Menschen, die zum Markt strömten, wo auf einer Bühne jemand eine frenetische Rede hielt und wegen des Nebels nur eine kleine Demonstration vorschlug.

So setzte sich der Menschenstrom in Bewegung – und ich mittendrin. Hinter mir liefen zwei Mädchen mit einem Transparent „Weg mit H.-J. B.“. Ich fragte sie, wer das ist. Der erste Sekretär der Bezirksleitung Halle. Wer kannte schon die Namen aller „Bezirksfürsten“ in der DDR?

Zurück im Hotel schaltete ich den Fernseher ein und war mitten in der Debatte der historischen Volkskammersitzung. Als Erich Mielke sagte: „Ich liebe euch doch alle!“, kam erst vorsichtiges Gelächter auf und dann immer stärkere Unruhe. Ich musste mich in den Arm kneifen, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume! Alles war so unwirklich: der gelbliche Nebel, der gespenstische Menschenzug und dann diese „Liebeserklärung“.

Die halbe Nacht habe ich nicht geschlafen. Am nächsten Tag konnte ich meine Heimfahrt mit dem Trabbi fortsetzen. Dieses denkwürdige Jahr 1989 war noch nicht zu Ende. Eine geschichtliche Umwälzung war in Gang gekommen, die nicht mehr aufzuhalten war.