- Wieso es besser ist, Kinder im Kyffhäuserkreis nicht vor der Auseinandersetzung mit dem Tod zu schützen.
- Susanne List hat schon Hunderte Sterbebegleiterinnen im Kyffhäuserkreis ausgebildet.
- Mit welchen Vorurteilen Sterbebegleiterinnen im Kyffhäuserkreis zu kämpfen haben.
Er soll im Alltag keine Rolle spielen und ist doch alltäglich. Man will, so lange es geht, nicht an ihn denken, und doch wird er uns alle irgendwann einholen. Die Rede ist vom Tod. Er ist in unserer Gesellschaft ein Tabu und wird akribisch aus dem Alltag entfernt. Man beschäftigt sich erst mit ihm, wenn es wirklich sein muss. Wenn man selbst auf den Tod zugeht oder Angehörige todgeweiht sind.

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Das weiß auch Susanne List, leitende Koordinatorin beim Ambulanten Hospiz- und Palliativdienst Sondershausen – Sömmerda – Artern. Sie begleitet seit mehr als 25 Jahren Menschen im Sterbeprozess, berät Institutionen wie Angehörige, bildet Ehrenamtler aus, gibt Weiterbildungen für Pflegekräfte, schreibt im Landtag an Gesetzen und hält Vorträge.
Eltern aus dem Kyffhäuserkreis sollten Kinder nicht völlig vor dem Thema „Tod“ bewahren
Den Tod beiseitezuschieben, das fängt offenbar schon in der Kindheit an. „Oft rufen mich Eltern an, die sich fragen, wie sie ihr Kind schützen können“, sagt List. Ist etwa der Großvater schwer erkrankt und geht auf den Tod zu, wollen Eltern ihre Kinder vor dem schwierigen Thema schützen. Dabei glaubt List, dass das Gegenteil besser wäre. Sie rät Eltern, ihre Kinder nicht vor dem „Begreifen“ zu bewahren.
Sähe ein Kind den todgeweihten Opa zuletzt zu einem Zeitpunkt, als es ihm noch gut ging, dann sei es schwerer zu verstehen, wenn er auf einmal sterbe, sagt List. Das biete Platz für Fantasien, die meist viel schlimmer seien, als die realen Bilder. „Bekommt ein Kind aber die Krankheit mit, besucht den Großvater im Krankenhaus und sieht, dass er immer weniger wird, dann versteht es die logische Konsequenz des Todes besser.“

Hunderte Sterbegleiter hat Susanne List aus dem Kyffhäuserkreis ausgebildet
Der Ambulante Hospiz- und Palliativberatungsdienst Sondershausen – Sömmerda – Artern ist nicht nur auf Spenden, sondern auch auf Ehrenamtler angewiesen. Jährlich bildet List Menschen, meist Frauen, zu zertifizierten Sterbebegleiterinnen aus. Hunderte sind in den vergangenen Jahren durch ihre Schule gegangen.
Dass der Tod mit einem Tabu belegt ist, macht es manchmal schwierig, neue Ehrenamtler zu finden. Dabei ist sie sich sicher, dass die Sterbebegleiter auch in ihrem persönlichen Leben enorm von dem Ehrenamt profitieren. „Wir opfern uns nicht“, sagt List. Für sie sei es immer wieder erstaunlich zu sehen, beinahe ein Suchtfaktor, wie die Teilnehmer sich im Laufe eines Kurses verändern. „Sie werden aufmerksamer, behutsamer und weniger wertend“, sagt List.
Auseinandersetzung mit dem Tod hilft Sterbebegleitern im Kyffhäuserkreis, eigene Bedürfnisse klarer zu erkennen
Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod, würden die Teilnehmer kleine innere Revolutionen erleben. Auch, weil sie sich im Zuge des Kurses stärker mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigten. „Was brauche ich im Hier und Jetzt?“, sagt die 65-jährige List.
Viele der Teilnehmer in ihren Kursen seien Frauen, die gerade in Rente gingen oder andere einschneidende Erlebnisse gehabt hätten. Für sie könnten der Kurs und das Ehrenamt als Sterbebegleiterin auch ein sinnstiftendes Element in ihrem neuen Lebensabschnitt sein.
Sterbebegleiterin aus dem Kyffhäuserkreis: „Wir wissen nicht, wie Sterben geht.“
„Wir wissen nicht, wie Sterben geht“, sagt List. Jede Person, die dem Tod geweiht ist, brauche etwas anderes. „Wir begeben uns auf die Suche mit den Betroffenen nach dem, was das Richtige für ihn ist.“ List erinnert sich an einen Fall, bei dem ein sterbender Schäfer keine Beruhigungsmittel einnehmen wollte.
Stattdessen überlegte die zuständige Sterbebegleiterin, was ihm helfen könnte. „Da kam sie auf die Idee, ihm ein Schaffell ans Bett zu bringen, das er in der Hand halten konnte.“ Das habe ihn schließlich beruhigt. „Das kann man nicht direkt im Kurs lernen“, sagt List. „Dort lernt man, aufmerksam zu sein.“
Medien nutzen oft das falsche Wort: Sterbebegleitung und Sterbehilfe sind etwas Gegensätzliches
Im Hospizberatungsdienst hat List auch immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. „Sie sind doch diejenigen, die mit der Spritze kommen“, bekäme die 65-Jährige manchmal am Telefon zu hören. Dabei seien Sterbebegleitung und die umstrittene aktive Sterbehilfe etwas völlig Gegensätzliches.
Auch Zeitungen und Medien nutzten immer wieder das Wort Sterbehilfe in Bezug auf Sterbebegleitung. In der Diakonie vermeide man aber das Wort „Hilfe“. Denn das würde suggerieren, dass sie aktiv etwas verändern könnten. Aber das treffe bei der Sterbebegleitung nicht zu. „Es ist die hohe Kunst der Begleitung, auszuhalten, dass man nichts verändern, sondern nur begleiten kann.“
Wie der Tod im Kyffhäuserkreis enttabuisiert werden könnte
Zur Enttabuisierung des Todes könnte beitragen, dass sich Schüler schon in der Schule mit ihm beschäftigen würden. „Ich würde mir wünschen, dass Schulen uns nicht erst anfragen würden, wenn gerade ein Amoklauf war, sondern wir regelmäßig an Schulen zu dem Thema informieren“, sagt List.
Man merke bei den jungen Menschen eine große Bereitschaft, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Und wenn sich Kinder mit dem Tod beschäftigten, dann sprächen sie mit ihren Eltern und Großeltern darüber – und so könne dem Thema gesamtgesellschaftlich eine größere Rolle zukommen.
Trauerbegleitung, Palliativberatungen, kostenfreie Beratungen zu vorsorgenden Vollmachten: Wer sich über das breite Angebot des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes, das weit über die Sterbebegleitung hinausgeht, informieren möchte, kann das hier tun.





