Eine Gedenktafel soll im öffentlichen Raum mehr als 500 Juden aus Nordhausen namentlich würdigen, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ins Exil oder in den Suizid getrieben wurden. Doch die CDU hat den SPD-Antrag im Stadtrat mit den Stimmen der rechtsextremen AfD abgelehnt (unsere Zeitung berichtete).

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Schon seit 17 Jahren beschäftigt sich der Stadtrat mit diesem Thema. Im Jahr 2008 brachte Nordhausens ehemaliger Bürgermeister Manfred Schröter (✝ 2022) als Mitglied der CDU-Fraktion im Stadtrat die Erstellung einer namentlichen Gedenktafel auf die Agenda. Mit Erfolg: Der Stadtrat fasste damals den Beschluss, eine Gedenktafel mit den Namen aller Nordhäuser Einwohner zu errichten, die als Juden verfolgt und entrechtet wurden.

Dass die hohe Zahl der jüdischen Opfer als Argument gegen die Anbringung einer Gedenktafel angeführt wird, wirkt höchst verstörend.

Andreas Froese, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

In den darauffolgenden Jahren ist das Schicksal der jüdischen Nordhäuser näher erforscht worden. Mehr als 500 Namen von Verfolgten konnten ausgemacht und zusammengetragen werden. Doch trotz dieser neuen biografischen Erkenntnisse wurde eine sie würdigende Tafel noch nicht errichtet. Der immer noch geltende Stadtratsbeschluss ist bis heute nicht umgesetzt.

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Die Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora begrüßen es sehr, dass sich viele Menschen in Nordhausen für eine namentliche Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Einwohner der Stadt einsetzen, berichtet Gedenkstättenleiter Andreas Froese. Die Errichtung einer solchen Gedenktafel sei überfällig. In Zeiten, in denen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Geschichtsrevisionismus lautstark propagiert werden, wäre sie ein klares und sichtbares Zeichen gegen diese Bewegungen und für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte.

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Denn das viel beschworene „Lernen aus der Geschichte“ muss mit konkretem Handeln einhergehen, meint Froese. Umso mehr irritiere die Argumentation, eine Tafel mit mehr als 500 Namen sei zu groß und zu teuer. „Dass die hohe Zahl der jüdischen Opfer als Argument gegen die Anbringung einer Gedenktafel angeführt wird, wirkt höchst verstörend.“

Die stattdessen vorgebrachten Alternativen zur Nennung der Namen von Verfolgten – ein digitales und damit ortsunabhängig einsehbares Gedenkbuch oder eine Tafel mit einem QR-Code, über den die Namen aufgerufen werden können – seien keinesfalls ausreichend. Sie können allein nicht leisten, was notwendig ist: die Geschichte der jüdischen Nordhäuser erstens am Ort der Verfolgung selbst zu zeigen, den Verfolgten zweitens ein Stück ihrer Identität zurückzugeben, derer sie zur Zeit des NS-Regimes beraubt wurden, und drittens ihre Namen und ihr Schicksal sichtbar in das Stadtbild einzubeziehen.

Die Vernichtung der jüdischen Nordhäuser während der Zeit des Nationalsozialismus ist auch Teil der Stadtgeschichte. Aus diesen Gründen appellieren die Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora an alle demokratischen Fraktionen im Stadtrat sowie an die Stadtverwaltung, das Anliegen einer namentlichen Gedenktafel ernsthaft und mit fachkundiger Unterstützung zu verwirklichen.

Fraktionen beklagen „digitale Verlagerung ins Unsichtbare“

In einer gemeinsamen Erklärung haben die Stadtratsmitglieder von SPD, Linken, Grünen, FDP und der Bürgerliste die Errichtung der Namenstafel gefordert. „Mit großer Bestürzung“ nahmen die Fraktionen die Ablehnung der CDU mit den Stimmen der AfD zur Kenntnis. 

Die Namenstafel sollte ein sichtbares und dauerhaftes Zeichen des Erinnerns und Mahnens sein an jene Nordhäuser jüdischen Glaubens, die entrechtet, vertrieben und ermordet wurden, betonen die Fraktionen. „Ihr Schicksal ist Teil unserer Stadtgeschichte. Das Gedenken an sie zu verweigern, bedeutet, sie ein zweites Mal zu vergessen.“

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Sie kritisieren ausdrücklich den Vorschlag der CDU, stattdessen lediglich einen QR-Code anzubringen, der auf eine Internetseite verweist. Das sei eine „digitale Verlagerung ins Unsichtbare“.

Das Erinnern sei kein Selbstzweck. „Es ist unsere Verpflichtung gegenüber den Opfern, gegenüber den kommenden Generationen – und gegenüber unserer eigenen Menschlichkeit.“

CDU bleibt dabei: Diese Tafel ist zu teuer und zu groß

CDU-Fraktionschef Steffen Iffland rückt derweil von seiner Argumentation nicht ab. Die Gedenktafel sei zu teuer. Sie würde „weit über 20.000 Euro kosten“. Zudem würde eine Tafel mit mehr als „500 Namen nebst Lebensdaten und Hinweisen einen riesigen Platz beanspruchen“. Iffland verweist wiederholt auf das Buch „Das Schicksal der Nordhäuser Juden“ und auf eine Stein-Tafel am Siechenhof. Damit erfülle sich Schröters Wunsch, die Namen vor dem Vergessen zu bewahren, sagt er.

Die Ablehnung des Antrages „nur auf die Zustimmung der AfD herunterzubrechen und zu diskreditieren, ist kein demokratischer Umgang miteinander“, meint Iffland. „Es ist Populismus.“ red