Das einst größte Motorenwerk der DDR stand in Nordhausen – die IFA. Als der Arbeiter-und-Bauern-Staat starb, zerbrach auch das Werk. Doch vergessen ist es bis heute nicht. Zum einen, weil es nach wie vor tausendfach im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert ist. Und zum anderen, weil die Betreiber des IFA-Museums unermüdlich die Erinnerungen wachhalten.

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Die Museumsverein zählt 135 Mitglieder. Sie leisten ausschließlich ehrenamtliche Arbeit und widmen sich der wechselvollen Geschichte des Industrie-Standortes. Im Blick haben sie alle drei aufeinander folgende Epochen: Lokomotiven, Schlepper und Motoren. Sie präsentieren Exponate und archivieren darüber hinaus alles, was noch auffindbar ist.
Keine Hinweise zum Verbleib der großen Wandbilder
Im Nachlass des Malers Otto Kayser fand sich Überraschendes. Es sind Bilder, die der Erfurter Historiker Peter Arlt dem Nordhäuser Schlepperwerk zuordnen konnte. Deshalb überließ er diese dem IFA-Museum. Bei der Übergabe stand allerdings die Frage im Raum, was wohl aus den Bildern, die Kayser mit seinem Kollegen Gottfried Schüler aus Weimar gemalt hatte, geworden ist. Es existieren Fotos und Malvorlagen, aber keine Hinweise zum Verbleib der Bilder.

Museumsleiter Hans-Georg Franke begab sich auf Spurensuche. „Aus den vielen Gesprächen, die ich zu den Bildern geführt habe, resultiert die Erkenntnis, dass sie offensichtlich keinen so großen Eindruck hinterlassen haben, wie das zu erwarten war“, berichtet Franke. Nur wenige Zeitzeugen haben sich erinnern können. Und die Bilder sind nicht zu finden.
Panzer-Motoren für Hitlers Krieg und sowjetisches Geheimprojekt
Das Werk hatte die Luftangriffe zum Ende des Zweiten Weltkrieges im April 1945 weitestgehend überstanden. Bis zum Krieg waren hier Lokomotiven und Traktoren gebaut worden. Von 1943 bis 1945 produzierten 500 Mitarbeiter und 1300 Fremdarbeiter Panzer-Motoren für Hitlers Krieg.
Als Nordhausen Teil der sowjetischen Besatzungszone war, gehörte das Werk zum Geheimprojekt „Institut Nordhausen“, das der Rekonstruktion der Raketen-Produktion aus dem Kohnstein (Mittelbau-Dora) dienen sollte. Ende 1947 wird der Betrieb demontiert.
Ab 1949 wurden in Nordhausen wieder Schlepper gebaut – die legendäre Brockenhexe. Architekten zeichneten im November 1949 einen völlig neuen Betrieb auf ihren Reißbrettern. Große, lang gesteckte Produktionshallen mit vielen Fenstern und den Materialien der Zeit: Holz, Backsteine, Dachpappe und Glas. Ein Teil der Steine stammte vermutlich aus den Ruinen des alten Betriebes.
Klare Linien und Grundrisse bestimmten das Bild des neuen Betriebes. Neben den Produktionshallen entstand das „Belegschaftsheim“ (so der ursprüngliche Name des Kulturhauses). Auf der Südseite waren drei Felder geschlossenes Mauerwerk und drei Felder Fenster bis unter die Decke. Einige Fotos vom Bau und eine Chronik von 1954 haben überdauert. Sie zeigen im Innenraum drei große Wandbilder. Wer diese Bilder in Auftrag gegeben hat, ist unklar. Vermutlich war es die Betriebsleitung, denn Kultur am Bau war damals angesagt.
Je länger man die Bilder betrachtet, umso mehr stellt sich die Frage: Waren sie als Mittel der Propaganda gedacht oder sollten sie nur die Wände schmücken? Das schmälert nicht ihren künstlerischen und historischen Wert. Ähnliche Bilder finden sich noch heute an den Fassaden der ersten Neubauten in der Stadt.
Mit jedem Umbau entfernte man sich von der Ursprungsidee
Mit einfachsten Mitteln, ohne Kran und Metallgerüst, ist das Kulturhaus entstanden. Es war nach seiner Fertigstellung ein Ort vieler Veranstaltungen im Werk. Eine umfangreiche Bühnenausstattung mit Räumen für die Künstler und Organisatoren ermöglichte die vielfältige Nutzung.
Irgendwann zwischen 1964 und 1968 wurde der große Saal für die Essensversorgung umgebaut. Ein Küchentrakt entstand. Fenster wurden verschlossen und Ausgabe-Öffnungen für das Essen eingebracht. Ein 2,50 Meter hoher Fliesenspiegel verdeckte fortan den unteren Teil der Bilder. Nach der Wende erfolgte ein weiterer Umbau – sehr zum Nachteil der ursprünglichen Gestaltungsidee.
In der Zeit der Dieselmotoren waren im Stammwerk 3800 Menschen beschäftigt. Sie brauchten Frühstück, Mittag, Schichtessen und natürlich auch Kultur. Viele Fotos entstanden. Aber die Fotografen hatten keinen Blick für die Bilder an den Wänden.
Wandbilder zeigen Stahlgießer, Traktoristen und Bäuerinnen
Diese Wandbilder hatten eine Größe von fünf mal sechs Metern und waren farbig direkt auf den Putz aufgetragen. Das erste Bild stellte Stahlgießer dar. Interessant ist, dass Kayser eine Frau im Kittel in den Mittelpunkt des Bildes rückte. Leitete sie die Männer an?

Ein anderes Bild zeigt die Montage von Traktoren im damaligen Schlepperwerk. Dem Traktor auf dem Montageband fehlt noch das linke Rad. „Bemerkenswert ist, wie genau die Maler das beobachtet haben, sogar die Laufrichtung des Reifenprofils ist richtig gezeichnet“, erklärt Hans-Georg Franke. „Das wissen selbst heute nur die Spezialisten.“
Die Produktion vom „Pionier“ war 1950 vom Horch-Werk aus Zwickau nach Nordhausen verlagert worden. Bis 1956 haben mehr als 20.000 Stück die Werkshallen in der Kasseler Landstraße verlassen.
Am interessantesten ist für Franke das Bild zur Landwirtschaft. Am unteren Rand sitzen Frauen bei einer Pause nach schwerer Arbeit, eine hält noch eine Getreidegarbe, die anderen beiden bereiten das Essen vor. Aus dem oberen Bildrand kommen nun ein Traktorist sowie eine Frau in Hosen und mit offenem Haar. Sie zeigen mit der Hand auf die neue Technik, die ihn die schwere Arbeit abnehmen soll. Er der Traktorist, sie die Bedienung auf dem Mähbinder, die Brille zum Schutz vor Staub in der Hand. „Vielleicht soll auch verdeutlicht werden, dass die Arbeiterklasse ihnen die neue Zeit bringt“, meint Franke. Die Traktoristen waren in der Regel nicht Bauern, sondern Landarbeiter. „Damit schließt sich der Kreis“, so Franke. „Die Schwerindustrie liefert das Material für den Bau neuer Landtechnik. Arbeiter und Bauern verbindet das Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern.“
„Es ist erstaunlich, wie genau und zugleich unpatriotisch der Künstler die damalige Zeit widerspiegelt“, erklärt Franke. „Eine Zeit, die in Industrie und Landwirtschaft von Aufbruchstimmung und gleichzeitig großer Unzufriedenheit geprägt war.“
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Den gesamten Nachlass von Otto Kayser hat die Familie der Stadt Gotha überlassen. Die vorhandenen Fotos und Malvorlagen bildeten die Grundlage zur Rekonstruktion der drei Bilder für die Ausstellung im IFA-Museum. Eine der wenigen originalen Malvorlagen hat Gotha freundlicherweise der Stadt Nordhausen aus Dauerleihgabe überlassen. red




