Er ist Preisträger verschiedener Dirigier-Wettbewerbe und konzertierte schon in den bedeutendsten Konzertsälen Europas: Gábor Hontvári. In dieser Saison ist er der Generalmusikdirektor am Theater in Nordhausen. Vor Beginn der Konzertreihe nahm er sich Zeit für ein Gespräch.
Sie haben in berühmten Konzertsälen in Amsterdam und Hamburg dirigiert. Welcher Saal hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Reihenfolge meiner liebsten Konzertsäle mag etwas überraschend sein, also nicht, was den ersten Platz anbelangt. Concertgebouw Amsterdam ist absolut mein Favorit. Das ist einfach eine Offenbarung, in diesem Saal zu musizieren. Das ist ein Gefühl, als würde man in ein angenehm warmes Butterbad eintauchen. Man hat dort das ideale Maß an Obertönen – für die Streicher ist das perfekt.
Aber den zweiten Platz belegt bei mir gar nicht so ein berühmter Saal, sondern ein ungarischer. Es gibt bei uns in Ungarn – nicht einmal in Budapest – in Pécs einen relativ neuen Saal, der eine unglaublich gute Akustik hat und locker mit dem Concertgebouw konkurrieren kann. Ich persönlich finde ihn sogar besser als die Elbphilharmonie. Zweimal durfte ich dort dirigieren, fantastisch.
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Jetzt geben Sie hier mit dem Loh-Orchester nicht nur im Kunsthaus in Sondershausen, sondern auch im Theater im Anbau in Nordhausen das erste Sinfoniekonzert der Saison. Ist das eine besondere Herausforderung?
Ich finde, die besondere Herausforderung unabhängig vom Saal gibt es für Orchester, Dirigenten und Publikum gleichermaßen. Es ist ein schweres, aber auch ein sehr unterhaltsames Programm, nicht ohne intellektuelle Last und mit technischen Schwierigkeiten. Ich habe dennoch bewusst eine Musik ausgesucht, die saalunabhängig ist, wo die Anforderungen an den Saal weniger eine Rolle spielen als die an uns selbst.
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Sie sind Ungar, und das 1. Sinfoniekonzert hat einen ungarischen Touch. Starten Sie mit Ihren Lieblingskomponisten?
Bartók auf das Programm zu setzen, ist für mich eine wichtige Pflicht und Botschaft. Er ist bei uns zu Hause einer der meistverehrten Komponisten. Seine Musik ist wie die heilige Kuh, und man hat als Ungar die Aufgabe, diese auf die authentischste Weise zu vermitteln, besonders, wenn man im Ausland dirigiert. Dieses Werk ist ein wahrer Makrokosmos. Ich betrachte Bartók in seiner Sprache in diesem Werk eher als einen internationalen Komponisten. In diesem Konzert geht es nicht nur um nationale Spezialitäten, sondern um die Verbrüderung der verschiedenen Kulturen. Eine sehr schöne und wichtige Botschaft.
Auch auf die Werke von Richard Strauss im ersten Teil des Programms freue ich mich. Strauss ist derzeit mein Lieblingskomponist.
Zum 1. Sinfoniekonzert „Auftakt!“
Musikalische Leitung: Gábor Hontvári
Solist am Horn: Laszlo Gal
Termine: Sonnabend, 4. Oktober, 18 Uhr im Haus der Kunst in Sondershausen sowie Sonntag, 5. Oktober, 18 Uhr im Theater im Anbau in Nordhausen
Werke: Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss, 1. Konzert für Horn und Orchester von Richard Strauss sowie Konzert für Orchester von Béla Bartók
Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ gilt als sein Schwanengesang. Spürt man trotzdem Momente der Hoffnung?
Auf jeden Fall! Das „Konzert für Orchester“ markiert eher einen Anfang. Für Bartók war das Exil in Amerika eine furchtbare und einsame Zeit, nicht nur das Verlassen der Heimat, die neue Sprache, er hatte auch nicht wirklich Erfolg als Komponist. Alle seine Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Er war seelisch krank, ziemlich arm und bekam Leukämie.
Der berühmte Dirigent Serge Koussewitzky war es, der den im Krankenhaus liegenden Bartók einen 1000 Dollar-Scheck brachte und ihn bat, etwas für das Boston Symphony Orchestra zu schreiben. Der Plan ging auf. Die Komposition hat Bartók neue Lebenskraft und neuen Lebenswillen gebracht. Diese Sehnsucht nach Leben spürt man deutlich in dem Werk, auch wenn in dem Stück viel Drama und Nostalgie steckt.
Man spürt den Hunger und die Lust darauf, und das ist eine stabile Basis für eine fruchtbare Arbeit.
Gábor Hontvári, Generalmusikdirektor des Loh-Orchesters
Von Richard Strauss haben Sie ein Frühwerk auf das Programm gesetzt: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“. Strauss war nicht gewillt, eine Analyse zu geben oder die Hintergründe zu benennen. Er wollte das Publikum „selber die Nüsse aufknacken lassen“. Können Sie Hinweise zum musikalischen Geschehen geben?
Um eine Brücke zu Bartók zu schlagen – es war auch für Strauss ein Neuanfang. „Till Eulenspiegel“ markiert eine ganz bewusste Trennung von dem kompositorischen Stil, den Strauss bis dahin gepflegt hatte. Strauss wandte sich einem neuen Weg mit „Till Eulenspiegel“ zu. Das Stück ist eine Riesenkritik an der Musik von Wagner. Das erste Till-Eulenspiegel-Thema mündet in den Tristan-Akkord, und Strauss dreht ihm damit als Till eine Nase. Das ist ein Affront an alles, was es vorher gab.
Die erste Station bei den Marktweibern gestaltet er als eine Kritik an dem Vermarktungsprinzip, am Kapitalismus. Dann verwandelt Strauss Till in einen Moralprediger. In der dritten Episode des Stückes geht es um die vergebliche Liebe zu einem Mädchen, wo wir seine Don-Juan-Musik hören, die dann aggressiv wird und die Kavaliermoral bewusst auflöst. Dann prangert er mit lautem Blechbläsergetöse die Philister und Philosophen an, die behaupten, ihr System sei ungebrochen.
Schließlich hat man irgendwie ab der Reprise das Gefühl, dass sich etwas gedreht hat. Eulenspiegel fühlt sich unschlagbar und erhebt sich über die ganze Menschheit. Danach muss er folgerichtig vor Gericht und untergehen. Das Ganze ist eigentlich ein zutiefst philosophisches Stück. Trotzdem, ganz zum Schluss gibt es noch einen Scherz, nach dem Epilog hört man Tills Lachen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
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In ganz jungen Jahren hat Strauss für seinen Vater ein Hornkonzert geschrieben. Dieses Konzert ist beim Publikum wie bei den Horn-Solisten gleichermaßen sehr beliebt.
Es ist einfach immer toll, ein Hornkonzert zu spielen. Das ist wirklich ein so besonderes Instrument, mit strahlend schönem Klang, mal voll Kraft, mal weich. Das Spektrum der Klangfarben ist sehr groß. Es vermittelt schnell die Energie und spricht das Publikum direkt an. Alle Orchestermusiker sind viel lässiger und spielen mit viel mehr Lockerheit. Das Hornkonzert von Strauss ist ein sehr unterhaltsames Werk. Es ist schon stellenweise virtuos für das Orchester in den Ecksätzen, aber es macht sehr viel Spaß, dieses zu spielen. Die Musik ist energiegeladen, spritzig und verbreitet gute Laune.
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Sie sind jetzt für ein Jahr hier als Generalmusikdirektor. Was haben Sie mit dem Loh-Orchester in Bezug auf die Klangkultur vor? Wo liegt Ihr Fokus bei der gemeinsamen Arbeit?
Innerhalb eines Jahres ist es nicht unbedingt realistisch, langfristige Pläne, wie die Erarbeitung einer fertigen Klangkultur, zu verwirklichen. Die Spielkultur eines Orchesters besteht aus verschiedenen wichtigen Parametern. Es gibt dennoch generelle Punkte wie die Intonation, die Balance, die Streichorchesterkultur, die Pflege der Artikulation und der rhythmischen Elemente. Es kommt auf das Timbre innerhalb eines bestimmten Repertoires an und die stilistische Breite, die man in verschiedene Richtungen Schritt für Schritt entwickeln muss.
Darüber hinaus soll eine interessante und kulinarische Programmsetzung unserem Publikum Freude bereiten. Gleichzeitig versuche ich, durch die sinfonischen Programme über die ganze Spielzeit hinweg, die genannten Parameter zu entwickeln oder wenigstens zu stabilisieren. Zu meiner Freude spüre ich generell die Motivation unserer Musiker, denn diese groß angelegten Werke wurden bisher entweder gar nicht oder seit längerer Zeit nicht mehr gespielt. Man spürt den Hunger und die Lust darauf, und das ist eine stabile Basis für eine fruchtbare Arbeit. red





