Ja, manchmal zwickt es schon ein wenig – beim Aufstehen. Aber Fred Baumann gibt diesen kleinen Beschwerden keine Chance, ihm die Lebensfreude zu trüben. „Ach, mit 72 ist das halt so“, sagt er und lacht.

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Birgit Baumann (70) ist froh, den Fred so agil an ihrer Seite zu wissen. Anderenfalls könnte sie sich gar nicht mehr vorstellen, ihr Café in diesem Alter noch zu betreiben. „Wir hätten schon das Handtuch geworfen, wenn mein Mann nicht so ein Workaholic wäre“, verrät die Chefin.
Andererseits: Fred genießt durchaus auch gern die Ruhe im Winter. Aber bereits im Februar beginnt das Kribbeln in den Fingern. Klopft der Frühling an die Tür, steigt die Sehnsucht nach Eis. Auch diesmal ist der Wunsch groß, wieder produktiv zu sein. Und so starten die beiden in eine neue Saison. Sie schreiben ein weiteres Kapitel ihrer beeindruckenden Familiengeschichte und blicken schon auf 45 Jahre zurück.
Die erste Eismaschine ist ein DDR-Eisfreezer vom VEB Kältetechnik
Der Traum vom eigenen Eis ist sogar noch älter. Seine Wurzeln liegen in der DDR. Irgendwann in den Siebzigerjahren wird die Idee geboren. Mit Geduld und Eifer realisiert Freds Mutter Hannelore (✝) den Familienwunsch und eröffnet im Mai 1981 ihre Eisdiele in Niedersachswerfen. Sie nutzt dafür das Gebäude einer früheren Bäckerei.

Baumanns erster Eisfreezer ist aus dem eigenen Dorf. Der Sachswerfer Kältetechnik-Betrieb ist in der DDR ein bedeutender Hersteller für diese Eismaschinen. Millionen Kinder der kleinen Republik lieben dieses leckere Softeis, das wie durch Zauberhand aus dem Zapfhahn am Kasten kommt. Und das Glück braucht keine Vielfalt. Vanille, Schoko und Erdbeer genügen.
Baumanns Eisdiele ist ein Erfolg. Aus einer Eismaschine werden vier. Ihre Eisgrundmasse holt sich die Familie stets aus Großwechsungen – vom VEB Nordeis. Vier Milchkannen ermöglichen den Transport. Daheim veredeln Baumanns die eisige Creme mit ihren Zutaten. Ihr Eis ist ein Renner. An heißen Tagen ist es oft ausverkauft.

Die DDR stirbt. Baumanns führen ihr Lokal in die neue Zeit. Aus der Eisdiele wird ein Eiscafé. Neue Maschinen verdrängen die Eisfreezer. Statt Softeis gibt es jetzt Streicheis. Und Vielfalt ist gefragt.
Auch die Räume sind nicht mehr zeitgemäß. Die Familie beginnt 1991 mit dem Umbau. Es ist ein körperlicher und finanzieller Aufwand, den Baumanns mit vereinten Kräften meistern. 1992 beginnt endgültig die neue Ära. 1996 übernimmt Birgit das Geschäft. 30 Jahre später blickt sie staunend zurück, wie schnell doch die Zeit vergangen ist.

Die Gegenwart ist unverändert lecker. Meist sind es 18 verschiedene Eiskreationen, die Baumanns anbieten. Im Straßenverkauf kostet die Kugel derzeit 1,50 Euro. Die Klassiker sind am beliebtesten: Vanille, Schoko, Erdbeer, Stracciatella, Joghurt. An den heißen Tagen auch Zitrone. Zu Baumanns Spezialitäten zählt das Wiener Mandel-Eis. Fred schwört ebenso auf sein Stachelbeer-Eis – vor allem im Hochsommer.
Die Experimentierfreude hält sich in Grenzen. Ganz ohne Forscherdrang ist Fred, der frühere Physik-Lehrer, zwar nicht. Man erinnert sich an sein Bier-Eis. Aber die Vernunft schlägt jedes Ausleben von Neugier. Baumanns Rezept ist ganz einfach: „Wir bieten nur noch Eissorten an, die uns auch selbst schmecken.“ Das heißt: Trüffel-Pralinen-Eis darf es schon mal sein.
Wir hätten schon das Handtuch geworfen, wenn mein Mann nicht so ein Workaholic wäre.
Birgit Baumann, Inhaberin des Eiscafés in Niedersachswerfen
Niedersachswerfen ohne das Eiscafé Baumann? Für die meisten Ureinwohner – also die „Arreés“ – ist dieser Gedanke unvorstellbar. Auch Birgit und Fred tun sich schwer damit. Aber jünger werden sie auch nicht. Deshalb halten sie schon Ausschau, ob sie Nachfolger finden, die das Café übernehmen wollen. „Es wäre schön, wenn hier weiterhin Gastronomie betrieben wird“, sagt Fred Baumann. „Niedersachswerfen darf nicht noch eine Gaststätte verlieren.“
Aus Altersgründen haben Birgit und Fred ihre Öffnungszeiten reduziert. Sie gönnen sich drei Ruhetage in der Woche. Aber der Blick zum Wetter ist entscheidend. Wenn die Sonne kräftig lacht, ist Eiszeit. Dann ist ein Ruhetag schnell gestrichen.
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Dieser Sommer könnte Baumanns letzte Saison sein. „Doch das sagen wir bereits seit einiger Zeit jedes Jahr“, sinniert Birgit und schaut ihren Fred an. Wer weiß? In fünf Jahren wartet das goldene Jubiläum.





