In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 75.000 Menschen an Brustkrebs. Überwiegend Frauen. „Viele Patientinnen brauchen die Chemotherapie, um gesund zu werden“, sagt Steffen Liebers, der im Brustkrebszentrum am Hufeland-Klinikum arbeitet.

Täglich

Der Newsletter für Unstrut-Hainich

Alle wichtigen Informationen aus dem Unstrut-Hainich-Kreis, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das Modellprojekt „Musiktherapie in der Onkologie“ (MTO) hat gezeigt, dass sich bei der Behandlung von Brustkrebs die Folgen der Chemotherapie lindern lassen. Vor allem die gefürchteten Empfindungsstörungen. Deshalb setzen sich Steffen Liebers, Chefarzt am Hufeland-Klinikum in Bad Langensalza, und der Erfurter Klavierpädagoge Karsten Linkies dafür ein, dass ihr entwickeltes Projekt fortgeführt und in einer wissenschaftlichen Studie ausgewertet wird.

Der Alltag ist für die Betroffenen kaum zu bewältigen

Eine der gefürchtetsten Nebenwirkungen der Chemo ist die Nervenschädigung Polyneuropathie. Sie äußert sich durch Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen in Händen und Füßen. „Bei schweren Ausprägungen können Betroffene nicht einmal mehr eine Tasse Tee oder einen Kochlöffel halten“, erklärt Liebers. Im Alltag seien sie damit massiv eingeschränkt.

Modellprojekt
Chefarzt Steffen Liebers (links) und der Erfurter Pianist Karsten Linkies setzen sich dafür ein, dass das Projekt fortgeführt und in einer wissenschaftlichen Studie ausgewertet wird.© Nico Koch

Studien zufolge kann gezielte Physiotherapie die Polyneuropathie lindern. „Die MTO, die Musiktherapie in der Onkologie, knüpft an diese Ansätze an“, sagt Liebers. Musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Im Mittelpunkt stehen pianistische Übungen am Klavier. Das Besondere: Am Ende entsteht daraus ein Musikstück.

Liebers weiß aus eigener Erfahrung, was Klavierspielen bewirken kann. Er ist selbst Schüler an der von Karsten Linkies gegründeten Klavierakademie Thüringen, die in Erfurt beheimatet ist. Der Linkies hatte bereits zuvor Erfahrungen damit gesammelt, wie sich Pianistenhände, die etwa durch jahrelanges falsches Üben geschädigt sind, am Klavier wieder trainieren lassen.

Krebspatientinnen schöpfen auch neuen Lebensmut

2024 startete das Modellprojekt mit zehn Patientinnen. Inzwischen haben drei weitere Frauen die MTO absolviert, sodass erste statistische Eindrücke vorliegen. „Der Erfolg ist gigantisch“, sagt der Chefarzt. Die Musiktherapie lief in Karsten Linkies Erfurter Klavierakademie jeweils begleitend zur Chemotherapie, die in der Regel 20 Wochen dauert.

Modellprojekt
Die Erfurterinnen Martina Schrader (links) und Silvia Jung meinen, dass das weitergehen muss. Denn mithilfe der Musik konnten sie die Krankheit einige Momente vergessen. © Funke Medien Thüringen | Sabine Spitzer

Martina Schrader (62) aus Erfurt war die erste Teilnehmerin. Die Diagnose Brustkrebs erhielt sie kurz vor ihrem 60. Geburtstag. „Ich bin danach in ein Loch gefallen“, erzählt sie. Auch, weil sie beruflich von 100 auf Null ausgebremst wurde. „Die Musiktherapie war ein Ausgleich“, sagt sie. Beim Spielen rückte der Krebs für Momente in den Hintergrund. Durch das Üben zu Hause habe sie wieder eine Aufgabe gehabt, die ihr auch Selbstbewusstsein gab.

„Ich kann wieder mit dem Messer schneiden“, berichtet sie. Damit gewann sie ein Stück Lebensqualität zurück. Inzwischen hat sie sich ein Klavier gekauft und nimmt privat weiter Unterricht bei Karsten Linkies. Der Krebs aber ist nicht besiegt, sie hat wieder Metastasen.

Pianos stehen jetzt als Leihinstrumente für Teilnehmer bereit

Auch Silvia Jung (62) aus Erfurt nahm an dem Projekt teil. Sie brach es jedoch ab – es fehlte ein Leihinstrument. „Ich habe viel Ehrgeiz“, sagt sie. Dass sie nicht üben konnte, habe sie sehr belastet. „Ich habe meine Therapiestunden aber trotzdem genossen“, sagt sie. Und sie ist überzeugt, dass sie vielen anderen Betroffenen helfen kann.

Dank einer Förderung des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen in Höhe von 11.000 Euro konnten inzwischen Pianos angeschafft werden, die Patienten ausleihen können. Dringend benötigt werden nun Mittel für die Musiktherapie-Stunden selbst. „Wir hoffen daher auf Spenden“, sagt Liebers. Um die Ergebnisse wissenschaftlich belastbar zu machen, brauche es Erfahrungen mit mindestens 20 Menschen.

Aktuell läuft die Suche nach neuen Brustkrebspatienten, die sich am Projekt beteiligen möchten. Fünf haben sich bereits gemeldet, darunter erstmals ein Mann. „Einige Restspendengelder sind noch da“, so der Chefarzt. Die Patientinnen und Patienten zahlen für die Musiktherapie nichts. Viele können aufgrund ihrer Erkrankung nicht arbeiten und haben kaum eigene Einkünfte.

Auch interessant

Auch interessant

Auch interessant

Auch interessant

Der Chefarzt hofft auch, für eine spätere Studie eine Universität oder eine Krankenkasse für die „Musiktherapie in der Onkologie“ begeistern zu können.

Spenden sind möglich auf dieses Konto: Gesundheitssportverein Bad Langensalza bei der VR Bank Westthüringen, IBAN: DE96 8206 4038 0000 4035 55, BIC: GENODE1MU2, Verwendungszweck Musiktherapie in der Onkologie MTO.