- Uwe Klausnitzer zog in 41 Dienstjahren einmal seine Waffe auf bewaffnete Bankräuber – die Täter stellten sich, ein Schuss fiel nie.
- An einem Bahnübergang zwischen Bollstedt und Höngeda fand er Mutter und Kleinkind tot im zerstörten Auto – ein Einsatz, den er bis heute nicht loswird.
- Sein letzter Arbeitstag: Pensionierungsurkunde in der Hand, dann noch einmal Blaulicht an – ein schwer verletzter Senior auf der Straße wartete nicht.
Er hat seine Waffe auf flüchtende Bankräuber gerichtet, sich im Dienst Rippen gebrochen, das Handgelenk schwer verletzt – und an einem Bahnübergang im Unstrut-Hainich-Kreis Dinge gesehen, die er bis heute nicht loswird. In 41 Jahren als Polizist in Mühlhausen, ist Uwe Klausnitzer kein einziges Mal zurückgewichen. Nicht wenn es wehtat, nicht wenn es gefährlich wurde, nicht wenn es ihm jemand übelnahm. Und trotzdem: Heute grüßen ihn auf der Straße sogar die, denen er damals nicht gefallen hat.

Im Unstrut-Hainich-Kreis kennen ihn viele. Manche verbinden mit dem heute 62-Jährigen eine Begegnung, die sie lieber vergessen würden, andere erinnern sich an einen Mann, der in schwierigen Momenten den Überblick behielt. 41 Jahre lang trug Klausnitzer die Uniform der Polizei in Mühlhausen. – Jetzt ist es vorbei.

Der Abschied kam an einem Vormittag vor einigen Wochen – und doch war er alles andere als das. Erst hielt Klausnitzer die Urkunde zur Pensionierung in den Händen, dann rückte er noch einmal aus. Auf der Straße „Hinter der Harwand“ in Mühlhausen war ein Senior von einem Fahrzeug überrollt und schwer verletzt worden. – Es war Uwes letzter großer Einsatz. Besser hätte man 41 Dienstjahre nicht auf den Punkt bringen können: Urkunde in der Hand, Blaulicht an, los.
Vom Kochtopf in die Volkspolizei von Mühlhausen
Dass Uwe Klausnitzer einmal Polizist werden würde, war alles andere als vorgezeichnet. Der gebürtige Mühlhäuser, in Bollstedt aufgewachsen und dort auch zur Schule gegangen, absolviert seinen Abschluss an der Haarbergschule in Körner. Was danach kommt, ist klar für ihn: Er wird Koch.

Die Handelsorganisation der DDR, kurz HO, bildet ihn Anfang der Achtziger zwei Jahre lang aus. Was folgt, ist ein Praktikum in Berlin, am Müggelsee, in einem der angesagten Restaurants der Region. Großer Strand, viele Gäste, Stress. Klausnitzer lernt, was es bedeutet, für Massen zu kochen, unter Druck zu funktionieren, und den Laden am Laufen zu halten.

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Zurück in der Heimat, landet er in der Kantine der Kamgarnspinnerei in Mühlhausen. Vorübergehend, wie er damals denkt. Dann kommt Mitte der Achtziger die Einberufung zur Nationalen Volksarmee nach Zittau. 18 Monate Grundwehrdienst stehen an. Auch dort kocht Klausnitzer – für die Truppe. „Der perfekte Schliff“, sagt er heute. Danach nimmt ihn die Kamgarnspinnerei als zuverlässigen Koch mit Erfahrung für große Mengen gern zurück.
Doch dann verändert ein Nachmittag bei den Eltern seiner damaligen Freundin alles. Der Stiefvater der Freundin kommt mit ihm ins Gespräch, schiebt ihm schließlich Unterlagen rüber: Er solle sich doch bei der Volkspolizei bewerben. Klausnitzer denkt kurz nach – und tut es, ein Versuch. Die Antwort kommt prompt. „Sie können anfangen.“
Volkspolizist, Wendemoment, neue Republik
Es ist Mitte der Achtziger, als Uwe Klausnitzer seine Ausbildung zum Volkspolizisten in Magdeburg beginnt, auf der Verkehrspolizeischule. Danach folgen noch einmal sechs Monate praktische Ausbildung in Erfurt, bis alles sitzt. Der frisch gebackene Polizist Klausnitzer ist geboren. Und er arbeitet von Anfang an in Mühlhausen – seiner Stadt, seiner Heimat.

Die Jahre laufen ruhig an, bis die Lage im Herbst 1989 zu kippen droht. Gut ein Vierteljahr vor dem Mauerfall wird Klausnitzer zur Grenze nach Katharinenberg beordert. Es brodelt, auch dort. Wie überall. Was dann folgt, erlebt Klausnitzer hautnah mit: Am Tag nach dem Mauerfall in der Nacht schwingt er sich aufs Motorrad und fährt durch den Kreis.
Klausnitzer hat den Auftrag, Menschen den Weg in Richtung Grenzübergang zu weisen – Menschen, die es bis dato nicht exakt wussten, was da gerade passiert, und wo sie nun eigentlich hinfahren können. Es ist ein Moment, den er nicht vergisst.

Danach beginnt das große Umlernen. Ein Polizei-Crashkurs, um auf die neuen Anforderungen der wiedervereinten Republik reagieren zu können. Die Uniform wechselt später von Grün zu Blau. Schichtsysteme werden angepasst, umgestellt, neuausgerichtet. Zwei- und Dreischichtsystem, bis hin zur heutigen Zwölfstundentaktung im Wechsel von Tag und Nacht. Feiertags- und Wochenendarbeit kannte Uwe Klausnitzer schon aus seiner Zeit als Koch. – Neu war das nicht.
Rippen gebrochen, Waffe gezogen – und nie zurückgewichen
Was Klausnitzer in den Jahrzehnten danach erlebt, lässt sich nicht in eine Schublade pressen. – Er ist kein Polizist, der wegschaut. Er ist einer, der hingeht. „Ich gehe nicht zurück, das war noch nie mein Ding. Ich habe nie Angst gehabt und auch mal richtig durchgezogen, und dann raucht’s im Karton“, sagt er heute. Mehrfach wird er im Dienst verletzt. Gebrochene Rippen, blaue Flecken, ein schwer verletztes Handgelenk – die körperlichen Spuren seiner 41 Dienstjahre sind real.
Eine Episode hebt sich aus allem heraus. Nach einem Banküberfall in Körner zieht Klausnitzer seine Waffe – eine Makarow – und richtet sie auf das entgegenkommende Fluchtfahrzeug der Täter. Die Bankräuber sind bewaffnet. Klausnitzer steht. Die Täter halten an und stellen sich. Es ist der einzige Moment in über vier Jahrzehnten, in dem er seine Dienstwaffe scharf auf Menschen richtet. Ein scharfer Schuss fiel nie.

Seine Arbeitsweise ist klar: Erst die vernünftige Ansprache, dann Maßnahmen. „Deshalb habe ich an meiner Arbeit leider auch immer wieder Ärger gehabt, das war leider so“, sagt Uwe Klausnitzer. Der direkte, kompromisslose Stil, mit dem er auf der Straße agiert, habe seinen Aufstieg in der Hierarchie erschwert – bis aussichtslos gemacht. – Er sagt das ohne Bitterkeit. Eher mit der Nüchternheit eines Mannes, der weiß, was er ist, und mit sich im Reinen ist.

Der Zugunfall, den er nie vergessen wird
Es gibt Einsätze, die einen Polizisten nie wieder loslassen. Für Uwe Klausnitzer ist es ein Zugunfall an einem Bahnübergang zwischen Bollstedt und Höngeda. Der Notruf erreicht ihn, das Blaulicht geht an, er fährt raus. Was er an der Unfallstelle vorfindet, brennt sich ein, bis heute.

Die Schranken waren damals geschlossen. Trotzdem rollt die Fahrerin durch – und wird von dem Zug erfasst. Gut 300 Meter schiebt die tonnenschwere Lok das Auto vor sich her. Klausnitzer rennt auf die Gleise, blickt ins komplett zerstörte Fahrzeug. Er sieht eine Mutter am Steuer, ihr Kleinkind auf der Rücksitzbank.
Für beide kommt jede Hilfe zu spät. Sie sterben beim Aufprall. Spätere Ermittlungen rekonstruieren: Die Fahrerin war sehr wahrscheinlich von der Sonne geblendet worden, hatte sich kurz mit ihrem Kind befasst – und als sie wieder nach vorn schaute, waren die Schranken plötzlich unten. „Das vergesse ich nie wieder. Das ist schon immer schlimm und sehr schwer zu verarbeiten“, sagt Klausnitzer.

Respekt verloren, Einsätze verdoppelt – und trotzdem immer wieder gerne hin
Was Klausnitzer in all den Jahren auch beobachtet hat: Die Menschen haben sich verändert – und nicht zum Besseren, zumindest was den Umgang mit der Polizei betrifft. Der DDR-Bürger sei konditioniert gewesen auf eine gewisse Einsicht, sagt der 62-Jährige. Nach der Wende habe sich das schrittweise aufgelöst. Heute sei der Respekt auf der Straße gegenüber Polizisten häufig schlicht nicht mehr vorhanden. Pöbeleien, Gebrüll, beleidigende Gesten – das gehörte für Klausnitzer und seine Kollegen zum Alltag.
Hinzu komme, dass das Fahren unter Alkohol und Drogen längst keine Ausnahme mehr sei, sondern Tagesgeschäft. Einsatz jage Einsatz, sagt Klausnitzer, und mit der Zeit stumpfe man unweigerlich ab. Das Aufkommen heute sei mit dem von damals nicht mehr zu vergleichen. Auch an der Familie gehe dieser Job nicht spurlos vorbei.
Und doch: Wenn er heute im Unstrut-Hainich-Kreis unterwegs ist, begegnet ihm immer wieder jemand mit den Worten: „Das war gut, so wie Sie das damals gemacht haben.“ Auch Menschen, die damals alles andere als einsichtig waren, heute aber deutlich reifer sind, suchen das Gespräch mit ihm. „Ich hatte immer Spaß an meiner Arbeit, auch wenn ich manchmal gefrustet war. Aber ich bin immer wieder gerne rangegangen“, sagt Uwe Klausnitzer, Polizist im Ruhestand.
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Jetzt gilt es für ihn, fit zu bleiben: ein bisschen Sport treiben, vielleicht ein kleiner Nebenjob. Und die Pension endlich in vollen Zügen zu genießen. – Nach 41 Jahren im Polizeijob hat er sich das redlich verdient – das sagen nicht nur die, die immer auf seiner Seite standen.








