Sechs Notstromaggregate, 600 Meter Starkstrom- und ein Kilometer Medienkabel, 150 Leuchten, 45 Projektoren, 14 Medienplayer und 52 Lautsprecher – nach dieser technischen Ausstattung verlangt in diesem Jahr die elfte Auflage des Fassadenprojektionsfestivals „Genius Loci“. Die aufwendigste Produktion, die Festivalmacher „MXPerience“ um Hendrik Wendler bislang umsetzte, breitet sich diesmal über einen Ort aus, dem für gewöhnlich jede Art von Spektakel, freudvoller Unterhaltung und Leichtigkeit widerspricht: über das Mahnmal von Buchenwald. Vom 30. August bis zum 1. September zeigt sich „Genius Loci“ auf dem Ettersberg.
Kleine: Festival gibt keine Wahlempfehlung für 1. September
Nicht ohne Grund sind Spielort und Termin und das Motto „Gefühlt ist es 5 vor 33“ so gewählt. Schließlich hat Thüringen am 1. September einen neuen Landtag zu wählen. Und das politische Spektrum, das um Stimmen wirbt, ist diesmal insbesondere an den Rändern so laut wie lange nicht. „Wir wollen mit dem Festival keine Wahlempfehlung geben, aber die Leute dazu bewegen, ihre Entscheidung gut zu überdenken und verantwortungsvoll zu treffen“, sagte Weimars Bürgermeister Peter Kleine (parteilos). Es werde diesmal kein Genius Loci der Bratwurststände, aber umso mehr eines, das Eindruck hinterlasse.
Die Stadt Weimar findet sich in diesem Jahr in exponierter Rolle, das zu beurteilen. Nachdem sich das Wirtschaftsministerium des Freistaats im Vorjahr aus der Finanzierung des Festivals zurückgezogen hatte, weil es ihm an Strahlkraft für Thüringen über Weimar hinaus fehlte, sprang die Stadt mit 135.000 Euro aus dem kommunalen Haushalt ein. Wie zum Beweis, dass sich der vormalige Förderer irrte, gehen die Veranstalter davon aus, dass der abendlich illuminierte Glockenturm nun bis hin nach Erfurt zu sehen sein wird – ein, so Hendrik Wendler, besonderer „Impact ins Thüringer Land“.
Gedenkstätte erwartet Zehntausende Besucher
Abseits solch unterschwelliger Retouren steht freilich das ernsthafte Ansinnen des Projektes im Mittelpunkt. „Es ist ein besonderes Ereignis für die Gedenkstätte Buchenwald, wenn Zehntausende Besucher zu uns kommen und sich mit neuen Perspektiven auseinandersetzen, in denen das Mahnmal erscheint“, sagte Gedenkstätten-Sprecher Rikola-Gunnar Lüttgenau.

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Die Festivalmacher nähern sich ihrer Projektionsfläche indes so angemessen, wie es ein großer Friedhof, der das Mahnmal mit seinen Ringgräbern ist, und das größte europäische Denkmal auf dem historischen Ort eines Konzentrationslagers gebieten. Die Ringgräber selbst werden in die Projektion nicht einbezogen, aber illuminiert und damit passiv hervorgehoben. Die drei Projektionen des diesjährigen Festivals brachte im Frühjahr ein internationaler Künstlerwettbewerb ans Licht, auf den hin über 100 Arbeiten aus 22 Ländern eingereicht wurden, bis aus Aserbaidschan, Indonesien und von den Philippinen.
Italienisches Kreativstudio schon 2013 und 2015 in Weimar
Das Kunstwerk „Ghostpoets“ vom italienischen Kreativstudio „mammasONica“ wird sich als Licht- und Klanginstallation an den sieben Relief-Stelen des Mahnmals wiederfinden. Die Künstlergruppe war bei Genius Loci in Weimar bereits mit Projektionen am ehemaligen Gau-Forum 2015 und 2013 an der Anna-Amalia Bibliothek präsent. Unter dem Titel „Empathy“ setzen die „Area Composer“ aus Düsseldorf die 18 Pylonen der Straße der Nationen besonders in Szene. Sache von Marina Konther und Martin Etienne aus Frankreich ist es schließlich, den Glockenturm in ihre Arbeit einzuhüllen. Dabei haben sie sich von Rilkes Gedicht „Die Stille“ inspirieren lassen.
Das Festival lädt am letzten Augustwochenende von Freitag bis Sonntag jeweils ab 20 Uhr bis 1 Uhr morgens ein. Für den Weg von Weimar hinauf zur Gedenkstätte und später zurück bieten die Festivalmacher und Weimars Stadtwirtschaft einen kostenlosen Busshuttle an. Die Busse fahren ab 20 Uhr vom Goetheplatz mit Zwischenhalt am Bahnhof im Viertelstunden-Takt nach Buchenwald. Wer mit dem Pkw dorthin fahren möchte, sollte ob der an der Gedenkstätte zwar hinreichend vorhandenen, aber am Festivalwochenende sicher massiv beanspruchten Parkplätze an wenn möglich an Fahrgemeinschaften denken. Das Parken dort ist an den drei Genius-Loci-Tagen ebenfalls gratis.





