Mit einem Festakt hat die Bauhaus-Universität am Mittwoch das bis dato neutral benannte „Auditorium Maximum“ in der Steubenstraße in „Maurice-Halbwachs-Auditorium“ umbenannt. Damit wolle die Universität nicht nur das Werk sowie die Persönlichkeit des französischen Soziologen und Philosophen ehren, sondern zugleich ein klares Zeichen gegen Faschismus und Autoritarismus setzen. Wir haben uns hierzu mit dem Medientheoretiker und Halbwachs-Spezialisten Henning Schmidgen von der Weimarer Bauhaus-Universität unterhalten.

Herr Schmidgen, wer war Maurice Halbwachs und was zeichnete ihn aus?

Halbwachs war einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. 1877 in Reims geboren, begann seine Karriere zu einem Zeitpunkt, an dem es die Soziologie als akademische Disziplin noch nicht gab. Er wurde als Philosoph ausgebildet, u.a. von Émile Durkheim, einem der ersten Soziologen überhaupt. 1919 hat Halbwachs dann in Straßburg die erste Vollprofessur, die ausschließlich der Soziologie gewidmet war, bekommen. Nach etwa 15 Jahren wechselte er nach Paris, wurde zuerst an die Sorbonne und danach ans Collège de France berufen, auf einen Lehrstuhl für ‚Kollektive Psychologie‘, heute würden wir sagen Sozialpsychologie. Angetreten hat er diese Stelle aber nie. 1944 wurde er von der Gestapo in Paris verhaftet. Im März 1945 starb er in Buchenwald an den Folgen von Deportation und Lagerhaft.

Peter Benz Bauhaus-Universität
Peter Benz, Präsident der Bauhaus-Universität, bei seiner Ansprache im gerade umbenannten Maurice-Halbwachs-Auditorium.© Funke Medien Thüringen | Marvin Reinhart

Trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung gehört Halbwachs in Deutschland zu den unbekannteren Soziologen.

Halbwachs ist in Deutschland zwar bekannt, aber im Grunde nur für eines: seine Theorie des kollektiven Gedächtnisses. Beginnend in den 20er-Jahren hat er sich damit intensiv beschäftigt. Noch in den frühen 40er Jahren hatte er ein Buch fertiggestellt, das aber erst in der Nachkriegszeit publiziert und ins Deutsche übersetzt wurde: ‚Das kollektive Gedächtnis‘. Hierzulande haben das dann die beiden renommierten Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann aufgegriffen. Vor allem deswegen kennen wir Halbwachs. Aber wir kennen ihn nicht als Soziologen, der sich dem Bevölkerungswachstum, der Stadtsoziologie oder der Arbeiterklasse auseinandergesetzt hat. Er ist also in vieler Hinsicht ein Unbekannter geblieben.

Können Sie seine Theorie des kollektiven Gedächtnisses kurz schildern?

Im Grunde ist es eine radikale Theorie. Nach Halbwachs haben wir als Individuum kein Gedächtnis, sondern immer nur in Gesellschaft. Beim Erinnern sind wir nie allein. Typischerweise fragen wir andere Bekannte, Familienmitglieder, Freunde: ‚Wie war das nochmal?‘ Wir schauen auf schriftliche Zeugnisse oder erinnern uns, wenn wir unser altes Schulgebäude betreten. Für Halbwachs sind es diese äußeren Stützpfeiler, die äußeren Zeugen der Zeit, die für das Erinnern essenziell sind.

Aleida Assmann
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann auf der Festveranstaltung zur Umbenennung des Audimax der Bauhaus-Universität in Maurice-Halbwachs-Auditorium.© Funke Medien Thüringen | Marvin Reinhart

Was verbindet die Bauhaus-Universität mit dieser Theorie?

Halbwachs spielt hier eine wichtige Rolle: Bei all denjenigen, die sich für Fragen der Geschichte, der Überlieferung, des kulturellen Erbes und der Medialisierung von Erinnerung interessieren.

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum die Universität ihr Audimax in Maurice-Halbwachs-Auditorium umbenennt.

Nein. Aus unseren Augen wurde Halbwachs‘ Schicksal bisher weder von der Universität noch von der Stadt ausreichend gewürdigt. Uns ging es darum, ein Zeichen zu setzen. Halbwachs steht stellvertretend für viele Gelehrte, die in Buchenwald inhaftiert waren. Mit der Umbenennung soll das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass neben vielem anderen auch die Wissenschaft sehr schnell zu den Opfern von Gewaltherrschaft zählt. Im Nationalsozialismus hat allein die Universität Straßburg 120 Deportierte zu beklagen, von denen nach der Befreiung nur die Hälfte wieder nach Frankreich zurückgekehrt ist. Darunter übrigens auch der Sohn von Maurice Halbwachs.

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Pierre Halbwachs…

Er war der eigentliche Grund für seine Deportation: Die Gestapo hat Maurice Halbwachs verhaftet, weil er seinem Sohn Pierre, der sich am Widerstand betätigt hat, Unterschlupf geboten hat. Die halbjüdische Ehefrau von Halbwachs konnte sich gerade so retten. Die ganze Familie ist in extremer Weise durch die Gewaltherrschaft der Nazis betroffen gewesen. Auch seine Schwiegereltern, Victor und Hélène Basch, sind durch die Gestapo ermordet worden.

Wird Halbwachs auch im wissenschaftlichen Arbeiten der Universität künftig eine größere Rolle spielen?

Ich hoffe es. Die Umbenennung können wir zum Anlass nehmen, uns vermehrt um die Rezeption von Halbwachs zu kümmern. Bisher sind ganze Bücher schlicht nicht übersetzt. Auch die Übersetzung des „kollektiven Gedächtnisses“ ist veraltet. So etwas könnte man sich vornehmen. Es wäre eine Arbeit, die nach vorne weist und neben der bloßen Erinnerung neue Perspektiven eröffnet.

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