Es sind nicht nur seine Recherchen als Ortschronist, die den Troistedter Harry Sochor besonders sensibel für Geschichte seiner Heimat während des Zweiten Weltkrieges und für die Zeit danach machen. Auch in seinem Familienkreis stieß der heute 72-Jährige auf Spuren jener Zeit.

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Etwa 15 Jahre ist es her, dass sich Sochor mit seinem Onkel über dessen Kriegserlebnisse unterhielt. Max Ewald, geboren 1927, wurde noch Anfang 1945 zum Kriegsdienst eingezogen. Er überlebte, heiratete, verdiente sein Geld bei der Deutschen Reichsbahn und liebte die Arbeit im Garten. 2012 starb er im Alter von 85 Jahren in Ulla. Die Erinnerungen, die er zwei Jahre vor seinem Tod seinem Neffen Harry schilderte, macht dieser nun anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes unkommentiert öffentlich:
Mit 17 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen
„Mit 16 Jahren musste ich 1943 in ein Wehrertüchtigungslager nach Ohrdruf bei Gotha. Ein Jahr später, von September bis Dezember 1944, wurde ich in ein Reichsarbeitsdienstlager nach Niederaltteich bei Deggendorf in Bayern geschickt. Kurz danach, im Januar 1945, wurde ich nach Gotha zum II. Flak-Ersatz-Bataillon Mot 59 eingezogen. In Kronberg bei Eisenach erhielten wir im Exerziergelände die Ausbildung als Flakhelfer am 3,7er Flakgeschütz.

Ab Januar 1945 erfolgten Bombenangriffe auf die Stadt Gotha. Wir gaben unser Bestes mit den-Zwei-Zentimeter-Flakgeschützen als Gegensteuer. In der Feuerpause war Aufräumen angesagt.
Im Februar 1945 wurden 16 Kameraden als Kradmelder ausgebildet. Wir hatten vier Motorräder zur Verfügung. Kurze Zeit später wurden wir umgesiedelt, es ging in den Thüringer Wald. Nach Ende der Ausbildung mussten wir auf dem Kronberg bei Eisenach Panzersperren errichten. Ich wurde als Spähtrupp in Richtung Eisenach abgestellt. Hin und wieder machten wir Pause auf dem Karolinenturm. Kurze Zeit später war die nächste Abkommandierung zum Panzersicherungstrupp. Wir waren ständig Tieffliegerangriffen ausgesetzt.
23 Männer wagen die Fahnenflucht
Unser Oberleutnant sagte: ,Wer sich an mich hält, hat die Chance zu überleben.‘ Wir waren 23 Männer, die die Flucht vor dem Tode wagten und desertierten. Die Heeresführung und die SS-Truppen verkündeten ständig: ,Wer desertiert, wird öffentlich erschossen oder erhängt.‘ Wir hatten große Angst, aber wir wollten leben.
Wir haben in dieser Zeit Quartier in Tüttleben bei Gotha bezogen. Die SS war überall in der Nähe, sie verbreitete Angst und Schrecken unter der Abwehrmacht vor allem bei uns. Alle anderen Waffengattungen hatten ebenso Dampf wie wir vor diesen Truppen. Die Führung befahl: ,Alle an die Front oder der Tod.‘
Wir versteckten uns tagsüber, und nachts schlichen wir uns heimwärts in Richtung Ulla. Die Amerikaner rückten Tag für Tag weiter voran. Sie erschossen alles, was sich ihnen in den Weg stellte und stellen könnte. In unserem Versteck pfiffen Geschosse über uns hinweg.
Bauern helfen mit ziviler Kleidung aus
Dann war plötzlich Ruhe – Gott sei Dank. Diese hielt nur kurz. Plötzlich folgte wieder leichter Beschuss. Die Granaten schlugen circa drei Meter neben dem Kommandanten ein. Manche explodierten zwei bis drei Meter über uns in der Luft. Es waren Splittersprenggranaten. Einige Kameraden schafften es nicht; wir ergriffen nur noch die Flucht. Einen Verletzten setzten wir auf Karabiner und brachten ihn in Sicherheit. Zwei Mann trugen ihn, und zwei Mann stützten ihn rechts und links. Es war alles wie ein Alptraum. Wir traten den Rückzug an: In einem Dorf versenkten wir unsere Gewehre. Bauern gaben uns Sachen, und die Uniformen verbrannten wir schnell.
Eine Familie versteckte mich und meinen Freund. So hatten wir eineinhalb Tage Ruhe. Nachts ging es weiter. Kurz vor dem Aufbruch wollte unser Oberleutnant einen amerikanischen Panzer mit der Panzerfaust abschießen, doch die Leute im Dorf konnten es gerade noch in letzter Minute verhindern.
Wir schlichen an Urbich vorbei, irgendwie an der B7 entlang, immer Ulla, den Heimatort, im Kopf. Immer Angst im Nacken, vor Hunger erschöpft und den Gedanken stets präsent, nicht noch erwischt zu werden.
Unterschlupf in Scheune in Daasdorf am Berge
In Daasdorf am Berge in der Feldscheune des Bauern Graul haben wir uns versteckt und schliefen vor Erschöpfung schnell ein. Nach zwei Tagen Ruhepause gingen wir nachts weiter nach Hause. An einer Flakstellung, die voll intakt und bewacht war, schlichen wir uns voller Angst vorbei...

Ach: Auf der Flucht kurz vor Erfurt auf der Weimarischen Straße war eine große Menschenmenge. Da wir es nicht einschätzen konnten, haben wir uns schnell versteckt. Beim nächsten Nachtmarsch ging es an der Henne-Kaserne in Erfurt vorbei, immer in Richtung Ulla.
Endlich zu Hause – aber Angst vor Verrat
SS-Streifen sind oft und überall umhergefahren. Wehe, sie haben Fahnenflüchtige erwischt, die waren des Todes. Entweder gleich erschossen, verhaftet und liquidiert, oder sie kamen auf den Buchenwald. Nach Wochen der Angst kam ich endlich in meinen Heimatort Ulla bei Weimar wieder nach Hause zu meiner Mutter.
In unserem Haus waren Kriegsflüchtlinge einquartiert. Diese hätten uns, meinen Freund und mich, verraten und ausliefern können. Also mussten wir uns wieder verstecken. In unserer Scheune im Stroh machten wir uns ein schönes Versteck. Um eventuell einen Fluchtweg zu haben, brachen wir ein Feld des Fachwerks in Richtung Garten aus der Wand.
Nachdem ich mich bei meiner Mutter bemerkbar gemacht hatte, war es geschafft. Sie brachte uns Essen und Trinken im Schweineeimer. So bemerkte keiner der Einquartierten, dass wir in der Scheune lebten. Irgendwann gingen wir in den Hof, und die Zeit des Krieges war vorbei.“





