Er ist längst kein Geheimtipp mehr: Seit Jahren begeistert Martin Kohlstedt international, mal mit sanften Tönen am Flügel, mal mit ordentlich Bass und Synthesizer, aber stets mit improvisierten Stücken, die er live und unter Höchstkonzentration auf der Bühne zusammenzubauen vermag. Jedes Konzert ist im wortwörtlichen Sinne einzigartig, jedes eine Art Experiment mit verschiedenen Vorzeichen. Was passiert, kann vorab keiner wissen.

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Am kommenden Freitag, 20.30 Uhr, hat sich der im Eichsfeld aufgewachsene und im Erfurter Zughafen groß gewordene Wahl-Weimarer ganz neue Vorzeichen gesetzt: Auf der Weimarer Seebühne will er nicht alleine, sondern mit drei Schlagzeugern auftreten. Was die Gäste beim Open-Air erwartet und ob Fans auch bald mit einem neuen Album rechnen können? Wir haben uns mit Martin Kohlstedt vorab unterhalten.

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Am Freitag stehen Sie nicht alleine auf der Bühne, sondern zusammen mit zwei Schlagzeugern und einer Schlagzeugerin. Ein Novum, wenn man so will. Wie ist es dazu gekommen?

Die Idee stammt von einer unverhofften Geburtstagsparty vor einem Zürich-Konzert. Wir sind zuvor bei Freunden vorbeigefahren von der Band Faber. Ich wurde gefragt, ob ich dort spielen möchte. Allerdings standen wir etwas im Stau und wir kamen eigentliche zu spät an, in diesem dunklen Raum, in dem schon das ganze Wochenende über viel passiert war. Es war eine seltsam schöne Sonntag-Nachmittag-Stimmung. Dort standen jedenfalls drei Schlagzeuge und wir haben zusammen einen recht animalischen Groove ins Laufen gebracht. Es hatte etwas zeremonielles, diese Stimmung aufzugreifen und sich mit dem Synthie in die Mitte zu stellen.

Das Umfeld spielt bei ihren Improvisationen immer eine große Rolle und die Stimmung hat viel Einfluss auf die Musik.

Ich versuche über die Intuition in eine Improvisation zu kommen. Das geht am besten, wenn ich mich etwas Strukturellem unterwerfen kann. Schon als Kind funktionierte es gut, wenn ich zu einer tickenden Uhr im Wohnzimmer gespielt habe. Man geht am besten aus seinem Kopf raus, wenn man sich auf etwas verlässt, das einen steuert.

Das werden am Freitag dann drei Schlagzeuge sein.

Nein, nicht ganz. Hinten wird es ein Schlagzeug geben, links und rechts elektronische Beatinstrumente.

Über den Dächern der Kulturstadt: Martin Kohlstedt ist entschiedener Wahl-Weimarer.
Über den Dächern der Kulturstadt: Martin Kohlstedt ist entschiedener Wahl-Weimarer.© Archiv | Lena Tabea Matthias

Wer wird mit ihnen auf der Bühne stehen und für die Beats sorgen?

Einerseits ist das Dave Daniel Boensch, mit dem ich schon oft in Weimarer Projekten gespielt habe. Das Tierische, das ich von meinen Stücken auch verlange, wird am Freitag von Dave angetrieben. Dann gibt es Michael Nagler, ein riesiger Kerl, der aber die filigransten Hände auf der Welt hat. Wir hatten in den letzten 15 Jahren eine wundervolle Zeit schon auf vielen Festival-Bühnen zusammen. Und dann wird Aline Patschke mit uns auf der Bühne stehen. Sie bringt das analoge, das organische mit rein.

Sie sind erst kürzlich von einer großen Tour zurückgekommen. Wie war es?

Die eigentliche Europa-Tour habe ich im März und April gespielt. Wir hatten elf Länder durchstreift. Der Sommer ist dann eher ein Puzzle-Potpourri. Da fährt man von einem großen Open-Air etwa in Dresden weiter zu einem Festival wie dem Acht Brücken – da konnte ich die Kölner Philharmonie ausverkaufen. Und dann geht es wieder auf eine kleine Freundschaftsbühne im Wald, um dann ein paar Tage später mit großen Stars beim Jazz-Open in Stuttgart aufzutreten.

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Sie sind viel auf Tour: Würden sie sagen, ihre Fans verteilen sich über die ganze Welt?

Ja, das Internet ist die verrückteste Erfindung des letzten Jahrtausends.

Wie steht es mit den Fans in Thüringen?

In Thüringen ging es wohl am spätesten los. Da waren andere viel früher im Boot. Aber das war auch ok, ich fühle mich in der Situation wohl. Das Kunstfest hat im vergangenen Jahr nochmal nachgeholfen. Spätesten damit wurde deutlich gemacht, dass ich auch Thüringer bin.

Wenn Sie in Weimar über die Straße gehen, werden sie angesprochen von Fans?

Ja, doch. Aber das ist zu 90 Prozent im schönen Bereich, ganz mitmenschlich, emphatisch und vorsichtig. Weimar ist dafür klein genug und ich mag es, wenn die Dinge verbunden sind.

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Wie geht es weiter, nach dem Konzert?

Danach wird es eine Vorbereitung auf den Herbst geben. Skandinavien und der Osten Europas stehen auf dem Programm: Wir fahren über Dänemark und Norwegen nach Schweden und über Estland und Polen wieder zurück nach Deutschland.

Das ist schon ein straffes Programm. Wie viele Konzerte sind es in einem Jahr?

Dieses Jahr waren es viele. Wir kommen bestimmt auf 60.

Martin Kohlstedt
Der Weimarer Pianist Martin Kohlstedt veröffentlichte im November 2024 sein erstes Live-Album. © Archiv | Karine Bravo

Können sich Fans auch bald wieder auf ein neues Album freuen?

Das wird es dann im Frühjahr geben. Ich bin gerade am Schweißen und habe das Gefühl, dass ich noch nie so elektronisch unterwegs war. Das Album wird ein Ausflug. Weg von der Liebelei, weg von der Romantik. Das ist für mich ein Bruch. Im Jahr 2023 hat eine größere Metamorphose stattgefunden und die gilt es, zu verarbeiten.

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Wird es am Freitag trotz des Experiments mit drei Schlagzeugen noch klassisch nach Martin Kohlstedt klingen?

Das hat mit dem Chor funktioniert, das hat in den Reworks mit großen und kleinen Stars dieser Welt funktioniert. Es bleibt meine Musik. Beim Kunstfest vergangenes Jahr hatte ich eine Viola ganz spontan eingeladen und wir haben zwei Songs improvisiert. Genau solche Situationen will ich in Zukunft noch mehr provozieren, weil es die Musik immer wieder in eine Grundverhandlung gibt. Das braucht die Musik und das brauche ich. Immer weitere Flüssigkeiten: Es darf nichts fest werden, sonst wird es öde.

Tickets für Martin Kohlstedt auf der Weimarer Seebühne am Freitag, 22. August, gibt es noch im Internet oder an der Abendkasse. Beginn ist um 20.30 Uhr.