Nach dem Hitzecheck der Plätze in Weimar im Vorjahr hat unsere Zeitung den Experten Steffen de Rudder gebeten, Plätze in der Innenstadt im Hinblick auf besondere Probleme beziehungsweise Anregungen für die Umgestaltung zu betrachten. Nach dem Theaterplatz hat sich der Professor im Fachgebiet Städtebau an der Fakultät Architektur und Urbanistik der Bauhaus-Universität dem Herderplatz gewidmet:

Es geschah im deutschen Sommer des Jahres 1976, als die LOESS-Linie, das „gleitende 30-jährige Mittel“, den vieljährigen Durchschnittswert der Jahrestemperaturen durchbrach und sich von da an nur noch in eine Richtung bewegte: nach oben. Gemerkt hat es niemand, und wissen konnte es auch niemand, weil es noch fünfzehn Jahre brauchte, um das dreißigjährige Mittel bilden zu können. Jetzt aber ist klar: Seit 1976 wird es stetig wärmer, und alles spricht dafür, dass es so weitergeht.
Was in Weimar wirklich für Hitzeschutz sorgen kann
Viele Städte entwickeln Klimaaktionspläne, die von guten Ratschlägen zum individuellen Hitzeschutz (viel trinken, Kopfbedeckung, Rollläden runter) bis zum langfristigen Umbau von Straßen und Plätzen reichen. Wenn das Problem nicht gelöst wird, können immerhin die Symptome gelindert werden. Erträglicher wird die Hitze durch Verschattung, Belüftung und Befeuchtung. Markisen, Vordächer oder Kolonnaden können Gehwege verschatten; für Bäume ist in kleineren Straßen oft nicht genug Platz. Oft gibt es Zielkonflikte: Die Linden in der hinteren Steubenstraße sind so groß gewachsen, dass die Wohnungen kaum noch Sonne kriegen und der Blick auf den Turm der katholischen Kirche, ein wichtiger „Point de vue“ im historischen Straßenraster, vollständig zugewachsen ist.

Größere Plätze sind ideal für das Pflanzen von Bäumen
Der ideale Ort für Bäume sind größere Freiräume wie der Herderplatz, einer der schönsten Plätze Weimars. Seine große Qualität ist seine räumliche Vielfalt: Er besteht eigentlich aus zwei Plätzen, dem großen vor und dem kleineren hinter der Herderkirche. Auf dem großen Platz gibt es genau vier Bäume: je eine Neupflanzung vorm Gemeindehaus und vor der Kaffeerösterei und sehr malerisch die zwei großen Linden seitlich vorm alten Gymnasium, die zusammen mit der Rückseite der Kirche und dem Brunnen in der Mitte einen eigenen Raum und ein perfektes Ensemble bilden.

Ansonsten: die steinerne Stadt, die mit ihrer klaren Raumbildung lange als ideales Gefäß des öffentlichen Lebens und Ideal der europäischen Stadtbaukultur galt. Für die historische Nutzung – Marktplatz, Kornmarkt, Holzmarkt, Töpferplatz – stellte die solide Pflasterung eine funktionale Qualität dar, die ästhetische Wertschätzung folgte ihr nach.
- Weimar: Starke Hitze belastet Tausende Menschen in der Kulturstadt
- Kein schattiges Plätzchen auf dem Theaterplatz
- Ein Baum, kein Strauch auf dem Marktplatz
- Herderplatz hat nur eine schattige und lauschige Ecke
- Goetheplatz – Der verkannte Schattenspender
- Lauschige Plätze auf dem Frauenplan in Weimar
- Theaterplatz: Besucher wünschen sich mehr Bäume und Bänke
Nun erzeugt die Hitze eine neue Funktionalität: Es braucht Bäume, die Schatten, Verdunstungskälte und Sauerstoff produzieren. Die Bäume brauchen Wasser, mehr als je zuvor, und dafür braucht es: unversiegelte, versickerungsfähige Oberflächen. Die kleinen Baumscheiben um die schönen Linden vorm alten Gymnasium sind ein Witz – so werden die alten Bäume, die schon auf Fotos aus den Vierzigerjahren zu erkennen sind, die anstehenden Hitzesommer nicht überstehen.


