Neun Morde warf die Anklage einem Krankenpfleger im März vor, aber das war noch nicht genug: Am Mittwoch (5. November) wird der 44-Jährige vom Landgericht Aachen für zehn Morde und 27 weitere versuchte Tötungsdelikte verurteilt. Der Mann soll lebenslang in Haft, weil die Richter die besondere Schwere der Schuld festgestellt haben, könnte er nie mehr freikommen. Zudem verabreichte er möglicherweise noch mehr Patienten tödliche Injektionen – deshalb wartet er auf weitere Prozesse.

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Sie hießen Paul, Gertrud, Brigitte, viele im höheren Alter, sie lagen auf der Palliativstation des Rhein-Maas-Klinikums in Würselen. Nicht, um zu sterben, noch nicht: Die meisten Patienten, die hier für eine häusliche Pflege eingestellt werden sollten, waren schwer krank, schwach, sie schliefen viel. Den Pfleger aber sollen sie trotzdem gestört haben, allein durch ihre Anwesenheit.
Weil der 44-Jährige im Nachtdienst seine Ruhe haben wollte, soll er ihnen Beruhigungsmittel gespritzt haben, hohe Dosen, immer wieder. Danach soll er ihre Krankenzimmer verlassen und die Patienten alleingelassen haben. Mindestens zehn Menschen, die ihm vertrauten, überlebten das nicht. Bei vielen anderen ist nur noch schwer zu klären, ob sie am Morphium starben, am überdosierten Schmerzmittel oder an den Folgen ihrer schweren Vorerkrankungen. Oder beidem.

Ermittler überprüfen weitere Verdachtsfälle
Im März hatte der Prozess vor dem Landgericht Aachen begonnen. Anfangs war er bis Juni terminiert. Mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen sollten aussagen, Ärzte, Hinterbliebene. Derweil suchten die Ermittler weiter, exhumierten Leichen, durchsuchten Kliniken, für die der Angeklagte früher gearbeitet hatte. Darüber ist es November geworden, bis nun ein erstes Urteil fiel. Doch es wird wohl nicht das letzte Verfahren bleiben. „Wahrscheinlich wird es eine weitere Anklage geben“, kündigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aachen bereits an. Auch in Köln laufen die Ermittlungen. Bislang war es um Vorwürfe aus den Jahren 2023 und 2024 gegangen.
Der Angeklagte habe aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch gehandelt, hatte der Staatsanwalt in seinem Pädoyer gesagt. Er ging nach Ende der Beweisaufnahme sogar von 13 vollendeten Morden aus und forderte für den Angeklagten die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Dem ist das Gericht nun nachgekommen, auch wenn es die Zahl der Taten anders sah. Eine Freilassung nach 15 Jahren ist damit in der Regel ausgeschlossen.
Der Staatsanwalt hatte den Mann in der Anklage als „Herr über Leben und Tod“ bezeichnet. Seine Verteidiger hatten Freispruch beantragt.
Der Angeklagte selbst hatte die Vorwürfe im Prozess bestritten. Er habe keine Medikamente mit dem Ziel verabreicht, Leben zu verkürzen, sagte er im Frühsommer aus. Beobachter nannten „Wutrede“, was der 44-Jährige in seiner dreiviertelstündigen Aussage vorlas. Der Krankenpfleger kritisierte darunter unter anderem, Ärzte seien nicht erreichbar und wenn, dann unfreundlich gewesen. Kollegen aus der Tagschicht hätten nur auf ihn gewartet, damit er im Spätdienst mehr Schmerzmittel gebe.

Verteidiger forderten Freispruch
Besagte Kolleginnen und Kollegen sagten als Zeugen aus, der Angeklagte habe die Patienten als „Zombies” bezeichnet, die sowieso zum Sterben auf der Palliativstation lägen. Als bei einer Übergabe ein unruhiger Patient erwähnt wurde, habe er gesagt: „Ich weiß mir schon zu helfen.” Gerüchteweise sei bekannt gewesen, dass der Kollege „ab und zu mehr spritzt”. Er habe auch gesagt warum: „Dann hab' ich meine Ruhe nachts.”
Erst nach einem Hinweis von Kolleginnen, denen Unregelmäßigkeiten beim Medikamentenbestand aufgefallen waren, war der Krankenpfleger suspendiert und später verhaftet worden. Vor Gericht berichteten die Mitarbeiterinnen erst auf Nachfrage, dass die schwer kranken Patienten nach den Nachtschichten des Angeklagten schläfrig und schwer erweckbar gewesen seien. Einer Schwester habe er, danach gefragt, geantwortet: „Ja, ich bring' die alle um.” Die 30-Jährige verstand das als Ironie. Ein furchtbarer Irrtum.
Angeklagter soll heimtückisch gehandelt haben

Immer wieder sorgen ähnliche Fälle in Deutschland für Schlagzeilen. In Berlin läuft derzeit ein Prozess gegen einen Palliativmediziner, der mindestens 15 Patienten getötet haben soll. Als bislang größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt ein Fall aus Niedersachsen: Der Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Motiv für die Taten blieb unklar. mit dpa




