Ich schaue aus dem Fenster und lerne: Gehen. Die Russinnen und Russen auf der Straße gehen leicht vorgebeugt, mit kleinen Schritten. So ist es sicher, denn unter der Schneedecke lauern die Eisplatten bei minus 15 Grad. Zum nächsten Supermarkt sind es nur wenige Meter, doch der Weg will genau geplant sein. Ich überlege. Wo ist ein Trampelpfad und wo nicht? Vielleicht ist ein Stück Gehsteig schon geräumt, aber das wäre die Ausnahme.

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Es schneit immer weiter. Tag und Nacht, unaufhörlich. Mzensk im Westteil Russlands, nicht allzu weit von der ukrainischen Grenze, versinkt im Schnee. 43.000 Menschen leben in Stadt, wenig Industrie und viel Landwirtschaft gibt es hier. Seit Tagen kämpfen die Einwohner jetzt gegen die Schneemassen. Eigentlich kommen die Menschen in Russland mit dem Winter gut zurecht, weiß ich. Heftige Schneefälle gibt es immer wieder, die Räumdienste sind gut organisiert. Doch diesmal ist der Schnee ein Jahrhundertereignis. Wer kann, der bleibt zuhause. Gestern war ich unterwegs zu zwei Dörfern im Umland. Mit dem Auto waren sie fast nicht zu erreichen. Geschlossene Schneedecke überall auf den Straßen.

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Im 400 Kilometer entfernten Moskau scheinen die heftigsten Schneefälle seit mehr als zwei Jahrhunderten fürs erste vorbei zu sein. Die „ungewöhnlich starken“ Schneefälle seien die Folge „des Durchzugs tiefer und ausgedehnter Zyklone mit einer verstärkten Wetterfront über der Region Moskau“ gewesen, so erklären es die Meteorologen der Staatlichen Universität Moskau.

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Man habe den höchsten Niederschlagswert der vergangenen 203 Jahre gemessen. Dazu sei außergewöhnlich kalt. Die Durchschnittstemperatur im Januar betrug minus 6,2 Grad, und lag damit 1,5 Grad niedriger als gewöhnlich. An einem einzigen Tag fielen mehr als 60 Zentimeter Neuschnee. Manche Straßen wurden in Lagerflächen für die Schneemassen umgewandelt, um die Räumung anderer Straßen zu ermöglichen. Züge hatten Verspätung, Autos standen in langen Staus.

Schneekatastrophe: Halbinsel Kamtschatka ist komplett eingeschneit

Der Jahrhundertwinter hat Russland fest im Griff. Horrorbilder kamen aus der fernöstlichen Halbinsel Kamtschatka. Viele Videos in sozialen Netzwerken zeigen das ganze Ausmaß der Schneekatastrophe. Eine Frau öffnet ihr Fenster, gräbt sich mit einem Eimer durch die Schneemassen. In einem anderen Video sitzen zwei Männer in einem Auto, metertief im Schnee begraben. Sie hatten sich einen Tunnel zu dem Fahrzeug geschaufelt. Gebäude waren bis zur ersten Etage eingeschneit. In der Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski wurden laut Behördenangaben zwei Männer erschlagen, von Schneemassen, die von Dächern zu Boden fielen.

Wetter in Russland - Kamtschatka
In Petropawlowsk-Kamtschatski gibt es stellenweise bis zu fünf Meter hohe Schneeverwehungen an Häusern. © dpa | Government of Kamchatka Territory via XinHua

Wladimir Solodow, der örtliche Gouverneur, hatte eine Krisensitzung angesetzt. Viele Menschen beklagten Versorgungsengpässe. Probleme gab es mit Obst und Gemüse, Lieferfahrzeuge kamen nicht zu den Supermärkten. Hamsterkäufe kamen hinzu. Demonstrativ zeigte der Gouverneur Videos von Eiern, Milch und Brot in Supermärkten. Aber im Netz kursieren eben auch Bilder von leeren Regalen und viele Klagen von Bewohnern in entlegenen Orten, dass es nichts mehr zu essen gebe. „Der vorübergehende Mangel an einigen Waren in einigen Geschäften ist ausschließlich auf den Zustand der Infrastruktur zurückzuführen“, sagt der Gouverneur. Betroffen seien kleine Läden. Sobald die Zufahrten und Eingänge freigeschaufelt seien, seien auch wieder Lieferungen möglich. Die Produktion der Lebensmittel laufe jedenfalls ununterbrochen.

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Schneechaos auch in der russischen Arktis. In der Stadt Seweromorsk bei Murmansk waren laut Behördenangaben bis zu 73.000 Menschen zeitweise ohne Strom. Fünf große Strommasten waren eingestürzt. Die Ursache waren Eismassen, Schneestürmen und Orkanböen. Der Stromausfall legte auch die Heizkraftwerke lahm, die Bewohner der Region Murmansk mussten ohne Heizung und Warmwasser auskommen.

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#32 Dietmar Bartsch über das Vermögen der SED und seine Zeit in Moskau
Meine schwerste Entscheidung
 

„Wir kochen auf einem Gasherd“, berichtet eine Anwohnerin auf dem Portal ‚51.ru‘. „Manche Leute haben immer noch kein Wasser oder keine Heizung, während bei anderen die Versorgung teilweise wiederhergestellt wurde, aber immer wieder fällt alles aus.“ Laut Behördenangaben seien die umgestürzten Strommasten zum Teil seit den 1960-Jahren in Betrieb gewesen. Weit über ihre geplante Lebensdauer von 40 Jahren hinaus. Marode Infrastruktur sorgt immer wieder für riesige Probleme im Land. Gemäß Sergej Pachomow, dem Leiter des Wohnungsbauausschusses im russischen Parlament, waren Mitte 2022 mehr als 70 Prozent der kommunalen Infrastruktur sanierungsbedürftig.

Winter in Russland: Temperaturen sinken auf minus 25 Grad

Zwischenzeitlich hatten Geschäftsleute und Behörden in der Region Murmansk Anlaufstellen eingerichtet, wo die Menschen ihre Handys aufladen und Essen aufwärmen konnten. „Heute sind sehr viele Leute hier. Sie holen sich kochendes Wasser, manche leihen sich Powerbanks, um sie später zurückzugeben“, berichtet ein lokaler Politiker auf ‚51.ru‘. „Die Soldaten haben eine Feldküche aufgebaut. Die Leute sind sehr zurückhaltend und verständnisvoll – ihnen gilt unser herzlicher Dank.“

In Mzensk haben sich die Schneewolken am Nachmittag für kurze Zeit verzogen. Jetzt beginnt das große Aufräumen. Überall wird geschaufelt, auf den Straßen sind die Räumfahrzeuge unterwegs. Bei Temperaturen bis minus 25 Grad soll es in den kommenden Tagen keine Niederschläge geben, sagt der Wetterbericht. Aber der nächste Schneefall ist bereits angesagt.