Am Donnerstagnachmittag nahm die Affäre um Andrew Mountbatten-Windsor die bislang dramatischste Wendung. Ausgerechnet an seinem 66. Geburtstag hat die Polizei den ehemaligen Prinzen in seiner Residenz in Norfolk festgenommen. Der Verdacht lautet auf Amtsmissbrauch. Für das britische Königshaus ist es ein beispielloses Debakel und die wohl schwerste Krise seit Jahrzehnten.
 
Kurz nach 8 Uhr früh publizierte die britische Presse Bilder von zivilen Polizeifahrzeugen, die vor der Wood Farm auf dem königlichen Grundstück Sandringham im östlichen England vorfuhren. Wenig später veröffentlichte die Thames Valley Police ein kurzes Statement: „Wir haben heute einen Mann in seinen Sechzigern wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch festgenommen.“ In Norfolk und Berkshire, wo Schloss Windsor liegt, wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Der Festgenommene, der nicht namentlich genannt wurde, „bleibt derzeit in Polizeigewahrsam“, hieß es im Statement.

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Wo Andrew festgehalten wurde, war am Donnerstagnachmittag noch nicht klar. Auch ist ungewiss, wie lange er in Polizeigewahrsam bleiben muss – die meisten Tatverdächtigen werden 12 bis 24 Stunden festgehalten; dann werden sie entweder auf freien Fuß gesetzt oder angeklagt. 

Ehemaliger Prinz Andrew soll Epstein sensible Informationen zugeleitet haben

Der Verdacht auf Amtsverletzung geht auf die jüngsten Enthüllungen der Epstein-Akten zurück. Aus den Dokumenten, die Ende Januar publiziert wurden, sei ersichtlich geworden, dass Andrew dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein vertrauliche und marktsensible Informationen zuspielte. Von 2001 bis 2011 war Andrew Handelsgesandter der britischen Regierung. 2010 habe er offenbar regierungsinterne Berichte über seine Visiten in Vietnam, Singapur und China an Epstein weitergeleitet. Auch soll er den US-Finanzier über mögliche Investitionen in den Gold- und Uranium-Abbau in Afghanistan informiert haben.

Andrew - Ermittlungen
Polizeibeamte bewachen den Eingang zum königlichen Anwesen in Sandringham, nachdem Andrew Mountbatten-Windsor von der britischen Polizei wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet wurde. © Matthew Kemp/AP/dpa | Matthew Kemp

 
Infolge dieser Enthüllungen gingen bei der Polizei mehrere Anzeigen gegen Andrew ein, unter anderem von der Anti-Monarchie-Kampagne Republic. Gleichzeitig gibt es Vorwürfe, dass Epstein im Jahr 2010 eine Frau in ihren Zwanzigern „für sexuelle Zwecke“ nach Windsor gebracht habe, wie die Polizei letzte Woche berichtete. Mit einem früheren Epstein-Opfer hatte Andrew 2022 einen Vergleich erzielt: Virginia Giuffre, die Andrew des Missbrauchs beschuldigt hatte, erhielt vom Prinzen angeblich 12 Millionen Pfund, allerdings ohne dass dieser ein Schuldgeständnis ablegte.

Desaster für die Royals: Charles sichert Behörden Kooperation zu

Vergangene Woche hatte Oliver Wright, stellvertretender Chef der Thames Valley Police, bereits bestätigt, dass die Polizei die Vorwürfe wegen Amtsmissbrauchs überprüfe und darüber mit der Staatsanwaltschaft im Austausch sei.

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Für das britische Königshaus ist Andrews Festnahme ein Desaster. Der ehemalige Prinz ist das erste Mitglied der Königsfamilie in der modernen Geschichte, das von der Polizei festgenommen wurde. Bislang hatten sich Konflikte zwischen Royals und der Justiz auf Bagatellen wie beißende Hunde beschränkt. Der Fall Andrew wiegt schwer – wenn auch die Festnahme noch kein Schuldzeugnis ist. Andrew hat jegliche Vorwürfe gegen ihn stets vehement zurückgewiesen.
 
Der König – der offenbar nicht vorab über die Festnahme informiert worden war – äußerte sich wenige Stunden später zum Fall. Die Angelegenheit müsse „auf angemessene Weise durch die entsprechenden Behörden untersucht werden“, ließ Charles III. verlauten – und die Behörden „können auf meine volle und aufrichtige Unterstützung zählen“. Und fügte hinzu: „Das Gesetz muss seinen Gang nehmen.“ Auch der Prince of Wales, also Thronfolger William, schloss sich dieser Stellungnahme an.

Großer Schaden fürs britische Königshaus – „wie eine Abrissbirne“

 
Damit führt das Königshaus die Strategie weiter, die es seit geraumer Zeit verfolgt: So viel Distanz wie möglich zwischen dem abtrünnigen Bruder und dem Rest der Royals zu schaffen. Seit die engen Verstrickungen zwischen Andrew und dem Sexualstraftäter Epstein vor vielen Jahren publik wurden, hat der königliche Haushalt alles daran gesetzt, den Ex-Prinzen kaltzustellen und aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Das Risiko der Rufschädigung wurde als so hoch eingeschätzt, dass der König seinem Bruder im vergangenen November auch noch den Titel „Prinz“ aberkannte. Aber dennoch bringt der Ex-Prinz die gesamte Institution weiter in die Bredouille.

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Ein ehemaliger royaler Korrespondent der BBC bezeichnete die Festnahme Andrews als „seismisches“ Ereignis. Die Royals befänden sich nunmehr in „unbekanntem Terrain“ – einem, für das sie „schlecht gerüstet sind“.  
Wie stark der Andrew-Epstein-Skandal dem Königshaus in den vergangenen Monaten bereits geschadet hat, zeigen die sinkenden Beliebtheitswerte der Monarchie. Laut einer Umfrage Anfang Februar sind nur noch 45 Prozent der Briten für die Beibehaltung der Monarchie – ein Rückgang von drei Prozentpunkten innerhalb von vier Monaten. Demgegenüber wünschen sich 32 Prozent ein gewähltes Staatsoberhaupt.
 
Manche Kommentatoren halten die gegenwärtige Krise für existenziell. Denn die Royals legitimieren sich über ihr sorgfältig gepflegtes Image als pflichtbewusste, anständige Repräsentanten der britischen Nation. Ein Königsbruder, der im Verdacht steht, Regierungsgeheimnisse an einen dubiosen Kumpel weitergegeben zu haben und ein führender Ausbeuter in einem Menschenhandelsring gewesen zu sein, schlägt wie eine Abrissbirne gegen dieses Selbstbild. Die Affäre könnte Anlass zu einer drastischen Verkleinerung der britischen Monarchie geben, schrieb Will Hutton kürzlich im „Observer“ – eine Monarchie, die „transparenter“ ist, „weniger grandios, weniger teuer, mit einer eingeschränkteren konstitutionellen Rolle“.