Alexandria am Tigris war weit mehr als ein lokaler Handelsplatz: Ein internationales Team um den Konstanzer Archäologen Stefan Hauser hat die antike Stadt neu verortet – und kommt zum Schluss, dass sie eine riesige Großstadt und einer der zentralen Knotenpunkte des Fernhandels im heutigen Irak war. Moderne Geophysik, tausende Drohnenaufnahmen und systematische Begehungen machten sichtbar, was heute nur noch als mächtige Umwallung erhalten ist.
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„Uns wurde klar, dass wir hier das Äquivalent zu Alexandria am Nil haben“, sagt Hauser. Die Gründung folgte demselben Prinzip: eine Stadt dort, wo das offene Meer mit Flusssystemen und den Transportwegen ins Inland zusammenkommt. Über rund 550 Jahre habe Alexandria am Tigris diese Rolle „perfekt erfüllt“.

Kampfgebiet: „In der Ruine entstand ein Militärlager“
Die Forschungen waren lange ausgeblieben – aus wissenschaftlichen und politischen Gründen. „Abgesehen davon, dass die Blütezeit dieses Alexandrias in eine Periode fiel, die in der historisch-archäologischen Forschung lange vernachlässigt wurde, war die Lage des Ortes, der modern Jebel Khayyaber heißt, für die Erforschung sehr unglücklich“, legt Hauser dar. „Er befindet sich nur fünfzehn Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Die Gegend war im Ersten Golfkrieg, in den 1980er-Jahren, zwischen Iran und Irak ein Hauptkampfgebiet. In der Ruine entstand ein Militärlager.“
Als der Archäologe zum ersten Mal mit seinen Kolleginnen in die Gegend kam, hatte die islamistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ noch große Teile des Nordiraks und Syriens unter Kontrolle, sodass man vor Ort nur unter größten Sicherheitsvorkehrungen forschen konnte.
Alexandria: Wie die beeindruckende Stadt in Vergessenheit geriet
Schritt für Schritt erfasste das Team über 500 Kilometer Gelände. Das Ergebnis zeichnet das Bild einer komplexen Metropole: eine ausgedehnte Wohnstadt mit großen Tempelanlagen; ein innerstädtischer Hafen mit Kanalsystem, um den sich Werkstätten mit Brenn- und Schmelzöfen konzentrierten; sowie eine palastähnliche Anlage, deren Umfeld ohne Straßen auf Gärten oder innerstädtischen Anbau hindeuten könnte.
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Der Niedergang kam schleichend – und von der Natur: Der Fluss Tigris verlagerte sein Bett weiter nach Westen. Ohne Flussanschluss verlor Alexandria am Tigris seine Lebensader. Bohrungen und geophysikalische Analysen stützen diese Rekonstruktion. Bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. dürfte die Stadt weitgehend aufgegeben worden sein.






