Seit November 2023 ermittelt die Staatsanwaltschaft Gera im Zusammenhang mit gravierenden Tierschutzverstößen in einer Hähnchenmastanlage im Saale-Holzland-Kreis. In der Pressemitteilung des Vereins „Aninova“ heißt es, dass in jenem Betrieb in rund 50 Hallen etwa eine Million Hühner gleichzeitig gehalten werden. Pro Jahr würden dort rund zehn Millionen Tiere gemästet.

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Erstmals sei es in Deutschland gelungen, dass sich gleich zwei Personen über einen längeren Zeitraum hinweg in einer der größten Hähnchenmastanlagen anstellen lassen und dort über Wochen und Monate hinweg arbeiten konnten. Das Recherche-Team hat dabei verdeckt Aufnahmen aus dem Inneren des Betriebs erstellt. Die Bilder geben einen außergewöhnlich tiefen und bislang einmaligen Einblick in die tatsächlichen Abläufe der industriellen Geflügelhaltung.
Brutale Tötungen von Hühnern im Saale-Holzland
Das Videomaterial zeigt, so Aninova, wie Hühner in zahlreichen Fällen unsachgemäß getötet wurden. Tiere wurden ohne vorherige Betäubung gewaltsam getötet, indem ihnen mit erheblicher Kraft das Genick verdreht wurde. Viele der Tiere zeigten dabei noch deutliche Anzeichen von Bewusstsein und litten sichtbar. In den dokumentierten Szenen würde zudem deutlich, dass Mitarbeitende sich der Rechtswidrigkeit ihres Handelns bewusst sind und dennoch systematisch gegen geltende Vorschriften verstoßen würden, heißt es weiter seitens der Tierschützer.
Die gesetzlich vorgeschriebene „Nottötung“, die eigentlich dazu dient, Leiden schnell zu beenden, wurde in zahlreichen Fällen ins Gegenteil verkehrt. Aninova sagt, dass statt einer möglichst schmerzfreien Tötung den Tieren zusätzliche Leiden zugefügt wurde – wiederholt und durch mehrere Personen. Die dokumentierten Vorgänge ziehen sich über einen längeren Zeitraum und betreffen nicht einzelne Ausnahmen, sondern ein System.

Kritik an Dauer der Ermittlungen
In ihrer Pressemitteilung schreibt der Verein weiterhin, dass die Staatsanwaltschaft Gera mitteilt habe, dass sich die laufenden Ermittlungen derzeit lediglich gegen eine einzelne Person richten – eine Mitarbeiterin des Betriebs. Diese Fokussierung stößt bei Aninova auf deutliche Kritik: „Auf den uns vorliegenden Aufnahmen sind mehrere Personen zu sehen, die an den Tötungshandlungen beteiligt sind. Es ist nicht nachvollziehbar, warum sich die Ermittlungen bislang auf eine einzelne Person beschränken“, erklärt Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender von Aninova.
Laut Pressemitteilung von Aninova räume die Staatsanwaltschaft ein, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien und eine Ausweitung auf weitere Beschuldigte möglich sei. Dennoch bleibt die Dauer des Verfahrens aus Sicht der Tierschutzorganisation völlig unverständlich. „Dass sich Ermittlungen über einen so langen Zeitraum hinziehen, ist außergewöhnlich. Eine Dauer von über zweieinhalb Jahren ist aus unserer Erfahrung heraus nicht erklärbar“, so Peifer. Besonders kritisch bewertet Aninova, dass derzeit nicht absehbar sei, wann die Ermittlungen abgeschlossen werden.
Verfahren ist umfangreich und komplex
Auf Nachfrage der Redaktion schreibt Jürgen Boße, Oberstaatsanwalt und stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gera, dass bei dem betreffenden Ermittlungsverfahren es sich um ein solches von gewissem Umfang und gewisser Komplexität handele, welches eine sorgfältige Auswertung der jeweiligen Erkenntnisse bedürfe. Eine Prognose, wann und mit welchem Ergebnis ein Abschluss des Verfahrens erfolgt, vermag er gegenwärtig nicht seriös abzugeben.
Dass parallel von der Staatsanwaltschaft Gera gegen die beiden beteiligten Tierschützer sowie gegen den Vorstandsvorsitzenden von Aninova ermittelt würde, sorge für Irritation bei den Tierschützern. Hintergrund sei eine Anzeige des Betriebs unter anderem wegen Hausfriedensbruchs und den Vorwurf der Tierquälerei. „Es ist völlig unverständlich, warum diejenigen kriminalisiert werden, die Missstände aufdecken, während die eigentlichen Vorwürfe der Tierquälerei nur schleppend verfolgt werden“, kritisiert Peifer. Gegen ihn selbst wird ebenfalls ermittelt, obwohl er nach eigenen Aussagen nachweislich zu keinem Zeitpunkt vor Ort gewesen sei.
Jürgen Boße sagt dazu, dass von dem Betreiber der betroffenen Geflügel-Mastfarm eine (Gegen-)anzeige gegen die jeweiligen Protagonisten von Aninova erstattet wurde, aufgrund der Publikation diverser Videomaterialien.
Saale-Holzland: Veterinäramt kontrolliert unangekündigt
Die Aufdeckung hatte Ende 2023 bundesweit für Aufsehen gesorgt. In der Folge hätten unter anderem Supermarktketten wie Rewe zeitweise die Zusammenarbeit mit dem Betrieb beendet. Auch Programme wie die „Initiative Tierwohl“ reagierten. Nach aktuellen Informationen sei der Betrieb jedoch wieder Teil der „Initiative Tierwohl“ und beliefert erneut den Handel, so Aninova. „Dass Unternehmen und Programme die Zusammenarbeit wieder aufnehmen, obwohl die strafrechtlichen Ermittlungen bis heute nicht abgeschlossen sind, ist aus unserer Sicht unverantwortlich“, so Peifer.

Weiterhin teilt Aninova mit, dass das Veterinäramt unangemeldete Kontrollen durchführte. Dabei wurden, so die Tierschützer, verschiedene Mängel festgestellt, unter anderem bei den Haltungsbedingungen, bei baulichen Gegebenheiten sowie beim Umgang mit Tierarzneimitteln.
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Aninova weist zudem darauf hin, dass solche Zustände kein Einzelfall sind, sondern Ausdruck eines Systems, in dem wirtschaftlicher Druck und maximale Produktionszahlen regelmäßig zulasten der Tiere gehen. „Diese Aufnahmen zeigen nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Problem der industriellen Tierhaltung. Wer Tierleid beenden will, muss sich für eine pflanzliche Lebensweise entscheiden. Nur so lässt sich verhindern, dass Tiere weiterhin ausgebeutet und getötet werden“, so Peifer.




