Deutschland belegt beim Eurovision Song Contest in Wien den letzten Platz, in der Blamage vereint mit Gastgeber Österreich. Das ist keine pessimistische Voraussage auf das ESC-Finale am Samstag (16. Mai), nein: Es ist ein Blick in die Vergangenheit. Denn genauso ist es passiert, am 23. Mai 2015. Null Punkte für Ann-Sophie Dürmeyer (Deutschland) und ihren Song „Black Smoke“, ebenfalls null Punkte für The Makemakes (Österreich) mit „I Am Yours“. Peinliche Platzierungen für Deutschland hat es in 70 Jahren ESC schon öfter gegeben, aber dass man sowohl von den Jurys als auch von den Fernsehzuschauern in 40 Ländern nicht einen mickrigen Punkt bekommt, das war schon ein historischer Tiefpunkt.

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Gekrönt wurde das Debakel durch bizarre, hart am Rande der Verschwörungstheorie entlangschrammende Einlassungen des damals für die ARD federführenden Unterhaltungskoordinators Thomas Schreiber. Der behauptete unmittelbar nach der Show vor Journalisten, das niederschmetternde Votum habe eigentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble gegolten. Beide hätten sich im Zuge der Eurokrise und der drohenden Staatspleite Griechenlands auf dem Kontinent extrem unbeliebt gemacht, der deutsche ESC-Beitrag habe dafür nun die Quittung bekommen.
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Der ESC 2015 wollte „Brücken bauen mit Musik“
Das Wettbewerbs-Motto des ESC 2015, „Building Bridges“, spielte auf einen berühmten deutschen Beitrag aus den 1970er-Jahren an („Ein Lied kann eine Brücke sein“ von Joy Fleming). Doch ob wirklich Brücken gebaut wurden? Vielmehr zeigten sich erste, zarte Risse in der Fassade des vermeintlich unpolitischen, auf Völkerverständigung zielenden Musikwettbewerbs.
Um das zu erkennen, genügt ein kurzer Blick auf das Teilnehmerfeld: Russland war dabei (Sängerin Polina Gagarina wurde am Ende Zweite hinter Mans Zelmerlöw aus Schweden), die Ukraine hingegen nicht. Kein bisschen Frieden: Man befinde sich im Krieg und habe andere Sorgen, wurde die Absage in Kiew begründet. Der Aggressor Russland, der 2014 die Halbinsel Krim annektiert hatte, wurde erst acht Jahre später, nach der Vollinvasion in die Ukraine, aus der ESC-Familie verstoßen.

Vor dem ersten Halbfinale 2015 in der Wiener Stadthalle beschworen die Moderatoren hingegen eindringlich den Respekt für „alle Künstler“, unabhängig vom Regime in deren Heimatländern. Was sie damit meinten und nicht sagten: Seid bitte nett zu der Russin!
Novum beim ESC: Buhrufe aus politischen Gründen – gegen Russland
Der Appell war eine Reaktion auf den ESC ein Jahr zuvor in Kopenhagen. Dort hatten die Zwillinge Anastasija und Marija Tolmatschowa für Russland gesungen und waren anschließend in Tränen aufgelöst. Nicht wegen Platz sieben, sondern wegen der unüberhörbaren Pfiffe des Publikums in der Halle, die natürlich nicht den 17-Jährigen galten, sondern ihrem imperialistischen Präsidenten Wladimir Putin.
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Politisch motivierte Buhrufe in einem ESC-Finale, das hatte es vorher in sechs Jahrzehnten noch nie gegeben. Aus heutiger Sicht wirkt der damalige Eklat allerdings wie ein harmloser Schluckauf – im Vergleich zu den emotional aufgeladenen Kontroversen um eine Teilnahme (oder einen Ausschluss) Israels. Und der ESC 2015 wie ein Song Contest aus einer anderen, irgendwie besseren Zeit.
Unser Autor Thorsten Keller hat 2015 als ESC-Reporter für mehrere deutsche Tageszeitungen aus Wien berichtet.




